Kim Thúy – Der Geschmack der Sehnsucht

Kim Thúy - Geschmack der SehnsuchtGastrezension von Odette

Kann man Sehnsucht schmecken?

 

Kim Thúy

Der Geschmack der Sehnsucht

Roman – dtv, erschienen September 2015, 144 Seiten, TB 9,90 € / Kochbuch – Kunstmann Verlag, erschienen Februar 2019, 190 Seiten, HC 25,00 €

 

Das Buch der Autorin Kim Thúy schmeckt nach Poesie, Liebe, Sehnsucht und Aromen. Im Mittelpunkt dieses kleinen Büchleins steht Mán. Als junge Frau wird sie in die Ferne nach Kanada geschickt, um dort einem älteren Vietnamesen zu heirateten. Sie selbst besitzt keine Familie. Zwar wurde sie liebevoll von Ersatzmüttern aufgezogen, doch weiß sie nicht, wer ihre wahren Eltern sind. Kanada soll für sie eine neue Zukunft werden. Ihr Mann betreibt ein vietnamesisches Restaurant, wie es diese zu Hunderten in den Städten gibt. Für die Exil-Vietnamesen sind sie Orte, der Sehnsucht nach dem Duft der Küche ihres Heimatlandes. Die einheimischen Kanadier lieben sie für die Exotik der warmen fernen Welt.

Mán‘s Erinnerungen an ihre Mütter und ihr Leben in Vietnam konserviert sie in der Auswahl der Gewürze und Zutaten. Mit den Gerichten erzählt sie Geschichten. Ihre hervorragenden Kochkünste machen sie berühmt und mit jedem Gericht, dass sie zubereitet, denkt sie mehr an die Heimat zurück. Ein Gast ihres Restaurants, ein alter Vietnamese, beschreibt dieses Gefühl wie folgt:

Er habe sein Land geschmeckt, murmelte er, während er die Suppe aß, sein Land, wo er groß geworden sei, wo er geliebt werde. – Seite 39

Ihr Leben in der Ferne wird immer erfolgreicher. Die Beziehung zu ihrem Mann tritt in den Hintergrund. Von ihm ist sie schon längst nicht mehr finanziell abhängig. Ohne, dass sie es beabsichtigt, lernt sie einen neuen Mann im Schneegestöber Kanadas kennen. Über die Liebe, welche sie für ihn empfindet, ist sie sehr erstaunt.

Das Buch ist ein Lesevergnügen. In den kurzen Abschnitten spürt man die Ferne und Exotik. Gelungen fand ich die vietnamesischen Vokabeln am Rand der Seiten, welche die Kernthemen der Kapitel umfassen. Im Buch spürt man das Flair der Garküchen. Allerdings fiel es mir als Leserin schwer, den roten Faden bei den vielen Gedankensprüngen zu finden.

Die Autorin lernte ich auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse kennen und in ihrer Lesung merkt man ihr an, dass sie auch beim Erzählen ständig von Idee zu Idee wechselt. Sie besitzt einen sehr quirligen, liebenswerten Charakter. Kim Thúy wurde in Saigon, Vietnam geboren und lebte bis zu ihrem 10. Lebensjahr in ihrer Heimat. 1978 trat sie die gefährliche Flucht als „boat people“ mit ihren Eltern und zwei Brüdern an. Von Malaysia aus gelangte sie in ihre jetzige Heimat Montreal in der Province Quebec, in der sie an der Universität Recht und Sprachwissenschaft studierte. Ihre Bücher befassen sich mit den Themen vietnamesische Küche und Sehnsucht. Sie selbst hat das Kochen erst später für sich entdeckt. Während ihres Studiums fehlte ihr die Zeit dazu. Ihre Mutter bekochte sie zu dieser Zeit und vermittelte ihr dadurch Wärme und Entspanntheit für das Studium. Kim Thúy schreibt in französischer Sprache, lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Montreal. Parallel dazu arbeitet sie als Gastronomin und Gastro-Kritikerin für Radio und Fernsehen.

 

Das Geheimnis der Vietnamesischen Küche

Kim Thúy - KochbuchAuf einer abendlichen Veranstaltung im Rahmen von „Leipzig liest“ bekochte uns Kim Thúy in der Leipziger Kochschule „ganz und gar“. Bei dieser Gelegenheit wurde ihr neues Kochbuch Das Geheimnis der Vietnamesischen Küche vorgestellt. Doch bei einem reinen Kochbuch ist es nicht geblieben. In den Rezepten werden Episoden über ihre Familie eingestreut, die sie auch während der kulinarischen Lesung zum Besten gab. Es sind witzige Anekdoten, wie der Besuch ihres Mannes bei ihrer Familie, aber auch traurige, wie der Tod eines Flüchtlings durch eine Kokosnuss. Jedes Rezept erzählt Geschichten von Liebe, Erinnerung und Sehnsucht nach ihrer Heimat. Diese Gefühle spiegeln sich wie bereits erwähnt in den von ihr verfassten Romanen wider.

Das Kochbuch enthält großseitige Fotos und die Zubereitung ist einfach erklärt. In Leipzig kochte sie für ihre Gäste kandiertes Schweinefleisch (Seite 75 – einfach genial) und philosophierte über die Zubereitung einer Sommerrolle und der damit verbundenen Auswahl der perfekten Reisblätter. Wie ein Reisblatt beschaffen sein sollte, erklärt sie in den Kapiteln Grundlagen. Hier werden Nudeln, Kräuter, Obst, Gemüse, Fischsauce und besagte Reisblätter vorgestellt und ihre Anwendung in der vietnamesischen Küche beschrieben.

Die Kapitel im Kochbuch sind unter anderem nach ihren Tanten benannt und ihnen damit gleichzeitig gewidmet. Im Süden Vietnams bezeichnet man sich oft untereinander mit der Zahl, der Reihenfolge der Geburt, deshalb ist es nichts ungewöhnlich ein Kapitel mit „Tante 8“ zu benennen. Fischsauce ist das Lebenselixier von Vietnamesen. Der Großvater der Autorin verfeinert kanadisch blutiges Steak mit ein paar Tropfen Fischsauce mit frischem Chili. Das Buch endet mit etwas typisch Europäischen – Wein, dem passenden Begleiter zum vietnamesischen Kochabend.

Kim Thúy wurde in Saigon geboren und floh als Zehnjährige mit ihrer Familie in den Westen. Sie arbeitete als Übersetzerin und als Rechtsanwältin, als Gastronomin, als Kritikerin und Moderatorin für Radio und Fernsehen. Als Autorin wurde sie 2010 mit ihrem in zahlreiche Sprachen übersetzten Überraschungserfolg Der Klang der Fremde bekannt. Es folgten Der Geschmack der Sehnsucht (2014) und Die vielen Namen der Liebe (2017).

Quelle: Kunstmann

 

Weitere Infos:   https://www.dtv.de/buch/kim-thuy-der-geschmack-der-sehnsucht-14446/,   https://www.kunstmann.de/autor/kim-thuy-253/p-0/,   https://www.kunstmann.de/buch/kim_thuy-das_geheimnis_der_vietnamesischen_kueche-9783956142949/t-0/

Bildquellen:   Odette Nathke,   Jacqueline Böttger

 

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