Fontane in Berlin

Ausflugstipp:

Besuch der historischen Theodor-Fontane-Apotheke

 

Der Schriftsteller Theodor Fontane wurde am 30. Dezember 1819 in Neuruppin geboren. Den größten Teil seines Lebens verbrachte er in Berlin, wo er am 20. September 1898 starb. Erst mit knapp 60 Jahren gelang ihm der große Durchbruch als Autor. Fontanes Weg führte vom Beruf des Apothekers über vielfältige journalistische Tätigkeiten und als gefürchteter Theaterkritiker im Konzerthaus auf dem Berliner Gendarmenmarkt zum Schriftsteller realistischer Gesellschaftsromane.

Nach seiner Approbation als Apotheker wurde Fontane 1848 im neu errichteten Krankenhaus Bethanien in Berlin Kreuzberg angestellt. Hier bildete er in der hauseigenen Apotheke bis 1949 zwei Schwestern zu Apothekerinnen aus. Über seine Begegnung mit Emmy Dankwerts berichtete er in seiner Autobiografie „Von der Zwanzig bis Dreißig“.

 

Haus Bethanien (10)Das 1845 bis 1847 errichtete Haus Bethanien ist heute noch erhalten. Der hufeisenförmig angelegte Komplex, deren Haupttrakt von zwei schlanken 35 Meter hohen Türmen überragt wird, befindet sich in einem weiträumigen Park. Vom Krieg weitestgehend verschont, wurde das Krankenhaus im Jahr 1970 dennoch geschlossen. Von da an wurde lange Zeit um den Fortbestand und die weitere Nutzung des Hauses debattiert. Heute gibt es dem vielfältigen Kunstquartier Bethanien ein Zuhause. Dies ist wahrscheinlich auch der Grund, warum es die historische Theodor-Fontane-Apotheke überhaupt noch gibt. In der Obhut des Museums Kreuzberg ist sie noch in ihrer originalen Ausstattung erhalten. Lediglich einige Gefäße wurden aus zeitgenössischen Beständen ergänzt.

Wer nun wie ich denkt, dass die Theodor-Fontane-Apotheke jedem Kreuzberger ein Begriff ist, wird schnell eines Besseren belehrt. Das Haus Bethanien ist am Mariannenplatz gelegen, welcher flächenmäßig sehr groß ist und umgeben von einem Park, nicht sofort zu überschauen ist. Auf meine Frage, wo sich die Fontane-Apotheke befindet, erhielt ich ein Achselzucken und die Gegenfrage, ob ich denn ausgerechnet dort etwas kaufen muss oder auch eine andere Apotheke ginge. Google Maps führte mich dann ans Ziel und gab mir die Sicht auf das schöne Haus Bethanien frei. Die Eingangshalle ist sehr beeindruckend und versprüht den morbiden Charme eines verlassenen Ortes. Graffitis und zahlreiche Kunstinstallationen säumen den langen, ehemaligen Krankenhausgang im Erdgeschoss, an dessen Ende die historische Theodor-Fontane-Apotheke zu finden ist.

Dass die Apotheke jeden Dienstag kostenfrei besichtigt werden kann, ist wohl kaum jemanden bekannt. So hatte ich diesen historischen Raum für mich allein. Ein Mitarbeiter des Kreuzberg Museums empfing mich, erzählte mir einige Anekdoten und ließ mir ausgiebig Zeit zum Umschauen. Von ihm erfuhr ich auch, dass die Apotheke mit ihren im Original erhaltenen Mobiliar gern als Filmkulisse genutzt wird. So werden auch Szenen einer Verfilmung von Fontanes „Effi Briest“, oberhalb des Mobiliars, an die Wand projiziert. Für mich eine schöne Einstimmung auf den Roman, welchen ich ausgewählt habe, um ihn meinem Literaturkreis bei unserem Ausflug nach Neuruppin vorzustellen.

 

Zu besichtigen ist der Apothekerraum, das dazugehörige Labor und auch die ehemalige Wohnung der Auszubildenden Emmy Dankwerts sind nicht zugänglich. Der Raum ist im Originalzustand erhalten. Lediglich eine Tür zum Flur wurde später eingebaut, da die ursprüngliche Tür mit dem großen Bogen nicht mehr genutzt werden konnte. Sehr gut erhaltene Apothekerschränke mit zahlreichen Schubladen zieren den Raum, der aussieht, als könnte er sofort wieder zum Leben erweckt werden. Große, braune Gläser für Mixturen und Kräuter stehen auf den Regalen, auch eigens hergestellte Kernseife liegt bereit. Gleich daneben hängt ein Foto an der Wand, von dem der junge Theodor Fontane in sein Reich schaut. Vis à vis der Spruch „Sola dosis facit venenum. Allein die Dosis macht das Gift.“, der mir besonders gut gefällt und sicher in Erinnerung bleiben wird.

Den Besuch der historischen Theodor-Fontane-Apotheke kann ich, nicht nur im diesjährigen Fontane-Jubiläumsjahr, sehr empfehlen. Jeden Dienstag von 14 – 17 Uhr können die Räumlichkeiten kostenfrei besichtigt werden, auch Führungen sind auf Anfrage möglich.

Abschließen möchte ich meinen Beitrag mit eindrucksvollen Erinnerungen Fontanes, die ich der Website des Kunstquartier Bethanien entnommen habe:

 

Meine Übersiedlung in meine neue Stellung fand gerade an dem Nachmittag statt, wo Bürgerwehr und Volk auf dem Köpenicker Felde herumbattaillierten, so dass ich –ich war mit einemmale in einer Schützenlinie- unter Fliegengeknatter meinen Einzug ins Bethanien hielt. Ich hatte von dem Ganzen den Eindruck einer Spielerei gehabt, was es aber doch eigentlich nicht war.
Am anderen Vormittage kam Pastor Schultz, um sich mit mir umzusehen und mich dann in mein Amt einzuführen. Wir traten von der Gartenseite her in das „Große Haus“ ein und gingen durch die langen Korridore hin auf ein hohes Eckzimmer zu, das als Apotheke eingerichtet war und besonders um seiner Höhe willen einen wundervollen, halb mittelalterlichen Eindruck machte. Hier fanden wir zwei Damen, die eine –ältere- in einen schwarzen Wollstoff, die andere, noch sehr jung, in blau und weiss gestreifte Leinwand gekleidet, beide in zierlichen weissen Häubchen. Die ältere, von einem gewissen Selbstbewußtsein getragen, begnügte sich mit einem kurzen Knix, während die jüngere, verlegen lächelnd, eine kleine Kopfverbeugung machte.
Schultz gab den Damen die Hand, war überhaupt in bester Stimmung und sagte dann, während er sich zu mir wandte: „Das sind nun also die zwei Schwestern, die Du zu regelrechten Pharmazeutinnen heranzubilden haben wirst. Denn sie sollen, wie vorgeschrieben, ein richtiges Examen machen. Tue Dein Bestes, -sie werden gewiss ihr Bestes tun.“
Das Zimmer, worin diese Vorträge stattfanden, war das neben der Apotheke gelegene Wohnzimmer Emmy Dankwerts und bezeigte durch seine ganze Einrichtung, dass seine Bewohnerin eine exzeptionelle Stellung einnahm.“

Quelle: Kunstquartier Bethanien (Geschichte)

 

Weitere Infos:   http://kunstquartier-bethanien.de/geschichte,   http://kunstquartier-bethanien.de/

Bildquelle:   Jacqueline Böttger

 

One thought on “Fontane in Berlin

  1. Hallo,

    das ist wirklich erstaunlich – ich hätte auch erwartet, jeder Kreuzberger könnte ohne Probleme erklären, wo sich die Apotheke befindet… Ich hätte auch damit gerechnet, dass sich jeden Dienstag wenigstens ein kleines Grüppchen zur Besichtigung in der Apotheke einfindet!

    Sollte es mich mal wieder nach Berlin verschlagen, werde ich das mal im Hinterkopf behalten!

    LG,
    Mikka

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