Zwei Klassiker für einen Besuch in Lissabon

LissabonGastrezension von Odette

 

Literaturvorschläge abseits der üblichen Reiseführer

 

Zu den beiden folgenden Büchern möchte ich gleich anmerken, dass sie keine typischen Reiseführer sind. Sie enthalten Informationen, welche man in der klassischen, touristischen Reiseliteratur nicht findet. Dennoch besitzen ihre Formate die perfekte Größe, um gemütlich mit einem Kaffee auf einem der vielen Ausblicke auf den Tejo zu sitzen und diese beiden Bücher in Ruhe zu lesen.

 

Antonio Tabucchi

Lissabonner Requiem

 

Lissabonner Requiem verspricht einen heißen Sommertag in Lissabon mit einigen Halluzinationen und einen Nachruf auf den Schriftsteller Fernando Pessoa. Das Buch ist ein Requiem an ehemalige Freunde, ein Friedhof, ein Restaurant, ein Museum, ein Gemälde, eine Geliebte und an das Haus am Leuchtturm. Der Leser findet in ihm einen guten Reisebegleiter, mit dem man den Gedanken des Autors Antonio Tabucchi an die Plätze der Handlung in Lissabon folgen kann.

Die Erzählung beginnt mit einer Verwechslung. Ursprünglich wollte, der Erzähler den verstorbenen Schriftsteller Pesso um 12 Uhr mittags an der Mole treffen. Doch Geister trifft man um Mitternacht. So bleiben dem Protagonisten weitere 12 Stunden, um uns die Stadt in Ruhe näher zu bringen. Danach wird er wieder nach Azeitão fahren, wo er seinen Urlaub im Landhaus seiner Freunde verbringt.

Nach seinem ersten Irrtum unterhält er sich mit dem Losverkäufer im Santos Park, bevor er sich in ein Taxi setzt, um einen alten Freund zu besuchen. Vorher der erste Stopp im berühmten Café a Brasileira, wo er eine Flasche Champagner kaufen wird. Der Taxifahrer besitzt eine Freundlichkeit, wie ich sie selbst vor Ort erlebt habe, und möchte ihm sogar sein nur leicht verschwitztes Hemd leihen. Auf dem Friedhof Cemitério dos Prazeres trifft er seinen Freund, der schon längst verstorben ist. Mit diesem verstorbenen Freund geht er das traditionelle portugiesische Gericht sarrabulho essen. Nach dem Essen ruht er sich in einer kleinen Pension in der Nähe der Praca de Ribeira aus. Im Traum trifft er seinen Vater. Dieser ist noch jung, dient als Matrose und erfährt von seiner späteren Krebserkrankung durch seinen träumenden Sohn.

Im Kunstmuseum der Antiken Kunst nimmt er einen Ananas Sumol mit Blick auf den Tejo zu sich und besucht das Triptychon von Hieronymus Bosch „Die Versuchung des Heiligen Antonius“. Am Gemälde trifft er einen Kopisten, der Szenen des Gemäldes für einen texanischen Multimillionär nachzeichnet. Gemeinsam spazieren sie zum Bahnhof am Cais do Sodré. Von hier besteigt er einen Zug nach Cascais. Im ehemaligen Haus des Leuchtturmwärters von Guincho lebte er eine Zeit. Träumend legt er sich in sein ehemaliges Bett. Der Sturm hat das Dach abgetragen und er kann bis zum tiefblauen durchsichtigen Himmel schauen. Den Abend verbringt er wieder in Lissabon in einem Club im Fado Viertel Alentejo und spielt mit dem Clubchef dem Maître der Casa do Alentjo Billard. Bis zum Treffen mit dem Geist um Mitternacht verbringt er noch eine kurzweilige Zeit mit dem Geschichtenerzähler am Sockel der Statue von Don Jose.

Ein Requiem ist in neun Teile aufgeteilt. Diese Aufteilung übernimmt der Autor Antonio Tabucchi für sein Buch und gliedert es in neun Episoden. Alle Personen, die der Erzähler im Laufe seines Tages trifft, nehmen sich Zeit, lassen ihre Arbeit liegen und schwelgen mit ihm in Erinnerungen. Das Ende der einzelnen Episoden bleibt offen. Was passierte als er in dem Haus wohnte, hat seine Geliebte das Kind bekommen, warum findet er das Gemälde so interessant, alles bleibt ein Traum bei hochsommerlichen Temperaturen.

Dem Leser begegnet ein leises, harmonisches und romantisches Lissabon. Mit dem Buch spaziert man durch die engen Gassen, setzt sich in die Bar im Museum mit dem Blick auf den Tejo. Am Abend kann man die im Buch beschriebene regionale Küche ausprobieren. Dazu lohnt sich ein Besuch im Fado Viertel der Stadt. Denn auch der Fado ist eine Art Requiem und Traum der Traurigkeit. So ist das Buch nicht nur eine Erzählung, sondern auch eine Kochbuch. Am Ende des Buches befindet sich ein Kapitel mit den Gerichten, welche in diesem Buch gegessen werden.

Der Autor Antonio Tabucchi wurde 1943 in Pisa geboren und verstarb 2012 in Lissabon. Als Italiener war er Professor der portugiesischen Sprache und Literatur und Verfasser zahlreicher Romane, Kurzgeschichten, Essays und Bühnenstücke. Am Ende des Tages treffen der Erzähler und der Leser den Geist von Fernando Pessoa. Pessoa hat ebenfalls ein Buch über die Stadt geschrieben. Seine Liebe zur Heimat beschreibt er in dem Buch Mein Lissabon. Mit ihm beginnt man eine eher nostalgische Tour durch Lissabon.

 

 

Fernando Pessoa

Mein Lissabon

 

Fernando Pessoa ist der Dichter der Stadt Lissabon. Hier wurde er am 13. Juni 1888 geboren und starb am 30. November 1935. Pessoa gilt als bedeutendster Lyriker Portugals und wird zu den bedeutendsten Autoren des 20. Jahrhunderts gezählt. In Deutschland ist sein Buch „Buch der Unruhe“ bekannt, in dem es auch um die Stadt Lissabon geht. Seine Jugend verbrachte Pessoa nicht in Lissabon, sondern zu großen Teilen in Durban/Südafrika. Mit 17 Jahren kam er nach Lissabon zurück und studierte hier Literaturwissenschaften. Dieses Studium beendete er nicht, sondern nahm einen Job als Handelskorrespondent an. 1912 begann er eine Tätigkeit als Literaturkritiker und Essayist.

Seine Gedichte und Prosatexte veröffentlichte er unter circa 72 Heteronyme. Der Unterschied zu einem Pseudonym ist: Schriftsteller benutzen meist nur ein Pseudonym für sich. Bei der Nutzung von Heteronymen, wechselt der Autor nicht nur die fiktiven Autorennamen, sondern auch deren Biographien, Themenwelten und Schreibstile. Seine drei bekanntesten Heteronyme sind Alberto Caeiro, Ricardo Reis und Álvaro de Campos. Pessoa, heißt eigentlich Fernando António Nogueira de Seabra Pessoa – Pessoa bedeutet im Deutschen „Person“ – und könnte sein Pseudonym sein.

So wie in dem oben erwähnten Buch Lissabonner Requiem der Erzähler sich mit Pessoa trifft, so widmet auch der bekannte portugiesische Autor und Nobelpreisträger José Saramago dem Literaten Pessoa ein Buch mit dem Titel „ Das Todesjahr des Ricardo Reis“. Seit 1985 befindet sich im portugiesischen Nationalheiligtum dem Hieronymus-Kloster in Belém das Grab von Fernando Pessoa. Auf diesem sind die Verse Caerio, Reis und Campos eingelassen, aber keines von Pessoa.

 

Ich hoffe, dass ich eure Begeisterung für den Besuch von Lissabon geweckt habe. Mit einer persönlichen Fotoauswahl möchte ich diesen Beitrag abrunden.

Zu sehen sind hier: Livraria Bertrand – älteste seit 1732 durchgängig betriebene Buchhandlung, das Grab Fernando Pessoas im Hieronymus Kloster in Belem (Vorort von Lissabon), das „Cafe a Brasileira“ mit Bronzestatue von Fernando Pessoa – er war Stammgast in diesem Cafe und natürlich darf ein traditionelles portugiesisches Essen, die „sardinhas assadas“ (gebratene Sardinen) nicht fehlen.

 

 

Weitere Infos:   www.dtv.de/buch/antonio-tabucchi-lissabonner-requiem-12614/,   www.fischerverlage.de/buch/mein_lissabon/9783596521074

Bildquellen:   Odette Nathke

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