Zadie Smith – London NW

Zadie Smith -NW London-1Gastrezension von Odette

In der Höhle der Großstadt

Zadie Smith

London NW

KiWi-Verlag, erschienen Januar 2014, 432 Seiten, TB 9,99 €

 

Die Bücher von Zadie Smith nehme ich liebend gern zur Hand. Mir gefallen ihre Figuren und wie sie die Einzigartigkeit von Menschen unserer Zeit, in der urbanen Gesellschaft, schildert. Um so mehr freut es mich, dass sie die „Welt“- Literaturpreisgewinnerin 2016 geworden ist. Zuletzt wurden Autoren, wie die ebenfalls von mir verehrten Haruki Murakami und Jonathan Franzen ausgezeichnet. In dem Artikel, welcher die Auswahl begründet, schreibt der Autor Richard Kämmerlings, dass ihre Romane von der Suche nach Identität und Glück in einer sich rasant verändernden Welt, die von Globalisierung, Migration und urbanem Wandel geprägt und zerrissen ist, handeln. Und diese Details finden sich auch in diesem Buch wieder.

 

Flucht aus der Hochhaussiedlung

Leah, Nathalie, Nathan und Fee (Felix) wachsen in einem Hochhausviertel gemeinsam auf und haben ein Ziel, Caldwell einmal zu verlassen. So einen Brennpunkt der Kulturen und der Gewalt gibt es in jeder größeren Stadt Europas. Ist es Gropiusstadt in Berlin, Wilhelmsburg in Hamburg und die Eisenbahnstraße in Leipzig. Hier ist der Ort der Handlung, Zadie Smiths Heimat London und im Speziellen der Nordwesten, ein Arbeiter- und Migrantenviertel.

Dreißig Jahre später sind die Vier nicht wirklich weit gekommen. Leah lebt mit ihrem Mann Michel, einem Frisör, den sie so sehr liebt, dass sie ihre Liebe nicht mit einem gemeinsamen Kind teilen möchte, in einer kleinen Wohnung. Seit ihrem Studienabschluss arbeitet sie für eine Organisation, welche staatliche Lotteriegelder an soziale Projekte verteilt. Plötzlich hämmert eine fremde Frau gestresst und ängstlich an ihre Tür. Sie benötigt Geld für ein Taxi, um ihre Mutter, die wegen Herzproblemen ins Krankenhaus eingeliefert wurde, zu besuchen. Man verspürt Mitleid und würde genau wie Leah handeln, wüsste man nicht, dass diese Masche, um an Geld zu gelangen sekündlich in diesem Viertel abläuft.

Michel spekuliert als Day-Trader, wie Nathalies Mann an der Börse, um seiner zukünftigen Familie ein besseres Leben zu ermöglichen. Wird aber immer der Verlierer und bis auf Leah, ohne Familie bleiben.

 

Wer wird es wirklich schaffen?

Nathalie ist Leahs Schulfreundin, die ihr tolles erfolgreiches Leben als Anwältin mit wirklich netter Familie bewusst zerstört und ihren Mann der die Liebe seines Lebens in ihr gefunden hat, vor den Kopf stößt. Er ist Investmentbanker, besitzt karibisches Sexappeal, trägt Dreadlocks und stammt aus einer reichen Mailänder Familie, halt ein exotischer Paradiesvogel. Beide haben sich an der Uni kennengelernt. Zadie Smith beschreibt ihn wie folgt:

„Er trug eine leichte Stoffhose, keine Strümpfe und diese Schuhe, durch deren Seiten Schnur gefädelt ist, einen blauen Blazer und ein rosa Hemd. Ein unbeschreiblicher Akzent, als wäre er irgendwo in der Karibik auf einer Jacht geboren und von Ralph Lauren großgezogen worden.“

Dann ist da noch der Junkie Fee, dessen Geschichte mich am meisten rührte, weil sie unglaublich gut zu lesen ist und unter die Haut geht. Mit Hilfe seiner Freundin Grace hat er seine Drogensucht überwunden und ist gerade dabei sein Leben neu aufzubauen. Jedoch hat er einen Tag Pech und dies kann in diesem Viertel bedeuten, getötet zu werden. Die Episode, bei der er seine Ex-Freundin, welche als Prostituierte arbeitet verlässt, finde ich sehr authentisch und eindrucksvoll beschrieben. Ich konnte spüren, wie sie auf dem Dach liegen und wie ihre Trennung zur Hassliebe wird.

Nathan bleibt Dealer und Zuhälter, geht damit den traditionellen Weg des Viertels. Er hat als Schwarzer nie an eine andere Chance im Leben geglaubt und scheint damit das ehrlichste Leben der vier Londoner zu leben. So unterschiedlich wie sich die Lebensläufe entwickeln, so unterschiedlich ist der Stil in dem Zadie Smith die Texte schreibt. Mal ist er hektisch, abgehackt, wie das Leben der zwei Frauen, welches permanent in Spannung ist. Ruhig und sachlich eher die Schilderung von Felix, aber auch abgestumpft und professionell als sie über Nathan berichtet.

Apokalyptisch liegt das Viertel, von der nächtlichen Brücke aus betrachtet, vor uns. Wir wissen, dass Zadie Smith den Realismus beschreibt, die Zukunft unserer Städte, der kommenden Immigrationswellen und die damit verbundenen Schicksale der Menschen. Die Gesellschaft wird nicht gleicher, aber unübersichtlicher. Details zu Zadie Smith und weitere Geschichten findet ihr hier auf dem Blog unter den folgenden Links „Die Botschaft von Kambodscha“ und den Gelegenheitsessays „Sinneswechsel“.

 

Weitere Infos:  www.kiwi-verlag.de/buch/london-nw/978-3-462-30719-1/

Bildquelle:   Jacqueline Böttger

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