William S. Burroughs – Naked Lunch

Naked LunchGastrezension von Odette

Die Offenbarung der Beatgeneration

 

William S. Burroughs

Naked Lunch

rororo by Rowohlt, erschienen Juni 2011, TB 9,99 €

 

Für mich ist Naked Lunch ein Buch, verfasst in einer spontanen Schreibweise mit sehr viel Gefühl und ein Experiment, die Literatur der Beatgeneration zu verstehen. Thema des Buches ist der exzessive Drogenrausch, die daraus resultierenden Fantasien und zum Teil brutale Sexualität. Der Inhalt ist autobiographisch. Falsch ist es von dem Buch als Roman zu sprechen, es ist eine Aufzeichnung realer Erlebnisse und Halluzinationen in dem Slang der Drogenabhängigen.

Beim Lesen habe ich das Buch mit surrealistischen Gemälden verglichen. So konnte ich mir beim Lesen, Bilder vorstellen und nahm den Text nicht als Sprache, sondern als Komposition von Farben wahr. Das Beeindruckende an dem Buch ist das Nachwort, denn hier wird der Text erklärt, welcher nur unter Drogen sprunghaft, hibbelig, ziel- und sinnlos entstehen konnte. William S. Burroughs selbst bezeichnet diese Art des Schreibstils als Cut-up Stil. Das Nachwort richtet Burroughs in einer Art Brief an seinem Arzt. Ihm legt er einen Artikel über mehrere Seiten bei, ihn dem er die Wirkungsweise unter anderen von Opium, Kokain, Morphium, Cannabis, Barbituraten, Benzedrin, Peyotl etc. beschreibt. Selbst das Gewürz Muskat verwendete der Autor für seine Sucht.

Das Buch ist ein Klassiker, welches man als Literatur interessierter Zeitgenosse lesen muss. In den 60er Jahren war diese Art von Literatur noch sehr umstritten. Das Buch durfte erst drei Jahre nach der Erstveröffentlichung in Amerika erscheinen. Nun ein kleiner Ratgeber, wie man das Buch lesen sollte. Der Autor sagt, das Buch kann man mit jedem Absatz beginnen. Ich las es klassisch von vorn bis hinten und hoffte auf eine Erklärung von Inhalt und Stil, welche ich auch auf diese Weise fand. Auf jedem Fall würde ich nicht sagen, dass man das Buch lesen sollte, wenn man wissen will, wie sich Drogenabhängige im Rausch fühlen. Hier geht es um Kunst. Kunst ist nicht immer begreiflich und man muss sie nicht immer begreifen.

Es ist erstaunlich, wie viele Künstler sich mit der Beatgeneration beschäftigen und ihre Werke von deren Ansichten beeinflusst wurden. So war Burroughs am „New York City College“ als Lehrer für kreatives Schreiben angestellt und kam in Kontakt mit Andy Warhol, Patti Smith (siehe Rezension zum Buch „Just Kids“), Susan Sontag, Dennis Hopper und Mick Jacker. 1976 drehte Rosa von Praunheim einen Film über den Autor.

Die Beatgeneration war eine US-Amerikanische Literaturrichtung in den 50er Jahren. Zu den amerikanischen Vertretern gehörten der hier genannte Autor sowie Allen Ginsberg und Jack Kerouac, von dem eine Rezension des Buches Big Sur hier auf dem Blog zu lesen ist. Es gibt auch europäische Vertreter, welche in diesem Stil Literatur verfassten, wie Charles Bukowski (siehe Rezension Lebenskünstler), Jörg Fauster, Dieter Brinkmann und Jürgen Ploog.

Beat bedeutet Slang, hier der Slang der Kriminellen und/oder Drogenabhängigen. Beat kann zusätzlich mit den Adjektiven müde und geschlagen beschrieben werden. Die Beatgeneration schließt sich an die Generation der lost-Generation an, zu der Ernest Hemingway und Scott Fitzgerald gehörten. Nachfolger der Beatgeneration waren die Hippies. Die beiden bekanntesten Werke der Beatgeneration, das hier rezensierte Naked Lunch und Jack Kerouacs Roman „On the Road“.

Die Vertreter der Beatgeneration erprobten auf Reisen eine neue Form des Zusammenlebens. Der Klassiker Naked Lunch wurde von William S. Burroughs übrigens nicht in Amerika geschrieben. In Paris begann er eine Zettelsammlung zu dem Buch. Abgetippt wurden diese Zettel von Jack Kerouac zu einem 200 Seiten starken Manuskript in Tanger, in dem unscheinbaren Hotel El-Muniria. Der Entstehungszeitraum liegt zwischen 1956 bis 1958. Die genannten Beat-Autoren bezogen hier ihr Quartier, in einer Stadt in der internationalen Sonderverwaltungszone in der Kriegsflüchtlinge, Kriegsverbrecher, Drogenabhängige, Stricher, Staatenlose und Homosexuelle lebten. Ein Buch passend zu einer Stadt, welche nicht der Inhalt des Buches ist.

 

Weitere Infos:   https://www.rowohlt.de/taschenbuch/william-s-burroughs-naked-lunch-die-urspruengliche-fassung.html,   https://www.rowohlt.de/autor/william-s-burroughs.html

Bildquellen:   Odette Nathke

 

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