Vendela Vida – Des Tauchers leere Kleider

Des Tauchers leere Kleider.jpgGastrezension von Odette

Die ewige Suche nach der Identität

 

Vendela Vida

Des Tauchers leere Kleider

Aufbau Verlag, erschienen Februar 2016, 252 Seiten, HC 19,95 €

 

Die Erzählung beginnt mit der Ankunft der Heldin in Casablanca. Während des Fluges liest sie in einem Reiseführer: „das Erste, was man bei der Ankunft in Casablanca tun sollte, ist Casablanca zu verlassen“. Ein Omen?!

Natürlich macht die 33-jährige Amerikanerin das nicht, hat sie sich doch nach dem Horror der letzten zwei Monate auf Casablanca gefreut und ein Hotel für die Übernachtung vor Ort gebucht. Sehr persönlich beschreibt sie, wie es wohl jedem von uns schon einmal ergangen ist. Man fährt an den prachtvollen Hotelpalästen vorbei, sehnt sich danach, dass das selbst gewählte Hotel auch so spektakulär, aber das Taxi hält an einem gewöhnlichen Hotel. Da vergeht einem schon mal die Freude und wenn dann das Zimmer noch nicht fertig ist, wird man leicht pampig. Alles passiert ihr genau so. Doch es kommt noch härter, ihr Rucksack mit Geld, Kreditkarten und Pass wird an der Rezeption gestohlen, ihre Identität ist weg. Sie macht sich auf die Suche, checkt die Überwachungskameras, sieht den Dieb und informiert die Polizei, doch ihr kommt alles immer mehr wie in einen Komplott gegen sie vor.

Bis dahin ist Des Tauchers leere Kleider super spannend, es kribbelt in meinen Fingern. Ich lese immer schneller, getrieben von den hektischen Tempo der Ereignisse. Diesen Albtraum möchte ich selbst nicht erleben. Der erste Teil des Buches endet, als sie auf dem Polizeirevier einen ähnlich aussehenden Rucksack mit Papieren einer anderen Amerikanerin und deren Kreditkarte bekommt. Ohne zu zögern, nimmt sie diese Identität an. Während des Lesen fieberte ich mit und fragte mich, ob ich in dieser Situation auch so handeln würde. Es verwunderte mich nur, dass sie nicht auf die Idee kommt, die Kreditkarte sowie den Pass zu nutzen, um schnell wieder nach Hause zu fliegen. Stattdessen bucht sie sich in einem der tollen Hotelpaläste ein. Hat sie zu Hause eine Vergangenheit, der sie entkommen möchte?

Der zweite Teil des Buches, der nicht durch Kapitel abgegrenzt ist, beschäftigt sich mit ihrer plötzlichen Karriere als Lichtdouble einer weltberühmten Schauspielerin. Wie schon in der amerikanischen Botschaft, verstrickt sie sich mit der Preisgabe ihrer Identität. Der Roman ist in Form eines Selbstgespräches geschrieben und bis zum Ende des Buches werden wir ihren wahren Namen nicht erfahren. Als Leser wundert man sich immer mehr. Schnell steht fest, dass mehr dahinter steckt. Eine erste Lösung findet man in dem Gedicht „Des Taucher leere Kleider“, welches sie bei den Dreharbeiten findet. Dessen Inhalt es ist, jemand anderes seinen zu wollen. Den zweiten Hinweis erhält man, als sie ihren ganz persönlichen Schicksalsschlag nach einer intensiven Schmerzszene am Set erzählt. Doch erst zum Schluss kommt man darauf, was der Sinn ihrer Reise nach Casablanca war. Wie nützlich doch der Diebstahl ihrer Identität, zur Verdeckung ihrer eigenen Vergangenheit wurde.

 

Vendela Vidas neuer Roman Des Tauchers leere Kleider ist ein lesenswertes Buch kreativer Literatur und genialer Erzähltechnik, geschrieben in der zweiten Person Singular. Die Indizien, die hinter dem Text steckten, sind genau durchkomponiert. Um den Sinn dieser Gespenstergeschichte zu entdecken, ist allerdings ist ein nochmaliges Lesen notwendig. Am Ende lebt sie so perfekt in ihren beiden Identitäten, dass sie zu sich sagt: „ Du musst aufpassen, cool bleiben. Du fährst dir durch die Haare; du hast noch immer die Perücke auf“.

 

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© Chloe Aftel

Vendela Vida ist eine der Herausgeberinnen des Believer Magazine. Sie hat bisher vier Romane veröffentlicht, zuletzt „Liebende“ und „Weil ich zu spät kam“. Zusammen mit ihrem Ehemann Dave Eggers hat sie das Drehbuch für den Film „Away we go – Auf nach Irgendwo“ geschrieben. Sie lebt in der San Francisco Bay Area.

Quelle: Aufbau Verlag

 

 

Weitere Infos:   http://www.aufbau-verlag.de/index.php/des-tauchers-leere-kleider.html

Bildquelle:   http://www.aufbau-verlag.de/media/Upload/author/600021901.jpg, Jacqueline Böttger – Cover

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