Umberto Eco – NullNUMMER

Umberto Eco - NullNummer_Cover.jpgZwischen den Zeilen

 

Umberto Eco

NullNUMMER

Hanser Literaturverlage, erschienen September 2015, 240 Seiten, gebunden 21,90 €

 

Uns sollte bewusst sein, dass wir bei allem was wir konsumieren einer Beeinflussung unterliegen. Sei es zum einen unser Kaufverhalten, aber zum anderen auch unsere Meinung, die wir uns auf Basis von Wissen und Informationen bilden. Aber woher kommen diese Informationen? Sind sie wirklich neutral? Ist dies überhaupt möglich? Und wem nützen sie?

Genau dies müssen wir immer wieder hinterfragen und der leider viel zu früh verstorbene Umberto Eco regt dazu an. Er zeigt wie einfach Meinung gemacht wird und diese, mit dem richtigen Multiplikator, zielgerichtet verbreitet werden kann. In NullNUMMER erzeugt Eco genau dieses Szenario, hervorragend eingebettet in eine Kriminalgeschichte.

 

Anfang der Neunziger Jahre wird bei dem, in Mailand lebenden, Journalisten Colonna eingebrochen. Entwendet wurde nichts. Doch schnell wird ihm klar, dass eine Diskette mit brisanten Informationen gesucht wurde und sein Leben bedroht ist. Per Rückblende werden wir in das vorhergehende Geschehen, bei dem Colonna ein nicht zu unterschätzendes Doppelspiel führt, eingeweiht.

„Die Angst zu sterben, belebt die Erinnerung.“

Von Simei, einem Vertrauten des Verlegers Commendatore Vimercate, erhält Colonna das Angebot, als Ghostwriter das Buch „Domani:ieri“ (Morgen:Gestern) zu schreiben. Es soll die Erinnerungen eines Journalisten zum Launch einer Zeitung beinhalten und später unter Simeis Signatur erscheinen. Das Ganze ist ein Experiment. Vimercate will die Zeitung aufbauen, fraglich jedoch ist, ob diese jemals erscheinen wird. Simei dagegen will aus diesem Ansatz Kapital schlagen. Das Buch als Bestseller veröffentlichen oder es sich abkaufen lassen, damit es nie verlegt wird. Ganz in Abhängigkeit der Interessen der betroffenen Personen. Dafür bietet er Colonna eine attraktive Entlohnung, welche er offensichtlich nicht ablehnen kann.

 

Verleger Commendatore Vimercate besitzt zahlreiche Immobilien und ein Medien-Imperium aus TV-Sendern und rund zwanzig Magazinen. Doch damit nicht genug. Er verfolgt das Ziel, in die Elite der Finanzwelt, Politik und Wirtschaft einzusteigen. Die zwölf NullNummern, die dann nur Vimercate vorliegen, sollen seine Eintrittskarte in diese Sphären sein. Sie werden Geheimnisse über deren Geschäftspraktiken enthalten und Korruption aufdecken, die ganz sicher nicht ans Licht kommen sollen. Somit ist er in der Lage, wichtige öffentliche Personen enorm unter Druck zu setzen.

Doch bis dahin begleiten wir die sechsköpfige Redaktion, welche sich eine Zukunft erhofft, bei der Arbeit. Die Zielgruppe, 50 plus mit geringer Bildung, wird offeriert. Das Besondere an „Domani“ soll sein, das Geschehene, was jeder längst aus Funk und TV kennt, nur kurz zusammenzufassen und sich mehr auf die Zukunft auszurichten. Fazit – kurze Hintergrundberichte und überraschende Enthüllungen präsentieren! Colonna bringt den Journalisten, dabei entflammt auch seine Liebe zur jungen Maia Fresia, das notwendige Handwerkszeug bei. Wir erfahren wie sich mit journalistischen Instrumenten, ganz einfach Meinung und Tatsachen geschickt voneinander trennen lassen. Nur so erreicht man das Ziel der Beeinflussung, um dem Leser gezielt eine Meinung zu vermitteln. Es entsteht das Kunstwerk einer glaubhaften Richtigstellung!

 

Die vorgefertigten Nachrichten sind an Absurdität kaum noch zu überbieten und zeichnen somit ein Spiegelbild der Gesellschaft. „Domani“ deckt Korruptionen rund um den Vatikan auf, recherchiert Missstände in Altenheimen, einen möglichen Doppelgänger Mussolinis, der statt dem echten Duce hingerichtet wurde, und hat Dossiers in Schubläden liegen, die mögliche Diffamierungen von Persönlichkeiten enthalten.

Doch plötzlich wird Journalist Braggadocio umgebracht, die Redaktion durchsucht und alle sind als Mitwisser in Gefahr…

 

Umberto Eco hält uns den Spiegel vor Augen. In unserer heutigen Zeit sind Medien, Wirtschaft und Politik so eng miteinander verflochten, dass dieses Thema ebenso brisant wie hochaktuell ist. Die Presse versteht es, Headlines zu schaffen, über die sich die Leser empören können. Die wirklich wichtigen Informationen erscheinen als kleine Randnotiz und werden von der Masse nicht wahrgenommen. Gewünscht ist ein Konsument, der alles aufnimmt was man ihm vorsetzt, nichts hinterfragt und somit leicht zu manipulieren ist. Doch der kritische Mensch muss Informationen in Frage stellen und sich mit Ihnen auseinander setzen.

Nur wer es schafft, zwischen den Zeilen zu lesen, erfährt die wahren Informationen!

 

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© Peter-Andreas Hassiepen

Umberto Eco wurde am 5. Januar 1932 in Alessandria (Piemont) geboren und starb am 19. Februar 2016 in Mailand. Er zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern und Wissenschaftlern der Gegenwart. Sein Werk erscheint im Hanser Verlag, zuletzt u.a. Die Geschichte der Hässlichkeit (2007), Der Friedhof in Prag (Roman, 2011), Die Geschichte der legendären Länder und Städte (2013), Die Fabrikation des Feindes und andere Gelegenheitsschriften (2014) und Nullnummer (Roman, 2015).

Quelle: Hanser Literaturverlage

 

 

 

Weitere Infos:   https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/nullnummer/978-3-446-24939-4/,   https://www.hanser-literaturverlage.de/autor/umberto-eco/

Bildquellen: Jacqueline Böttger – Cover,   https://www.hanser-literaturverlage.de/files/autorenfotos/Eco_Umberto_hf_i2.jpg

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