T.C. Boyle – Das Licht

Gastrezension von Odette

Ein halluzinogener Lesetrip

 

T.C. Boyle

Das Licht

Hanser Literaturverlage, erschienen Januar 2019, 384 Seiten, HC 25,00 €

 

Basel 1943 – Susi Ramstein testet als erste Frau LSD. Davor tat es nur ihr stocksteifer Chef, Professor Albert Hofmann. Das zwanzig Jahre später daraus eine Partydroge werden sollte, wussten die beiden Laboranten noch nicht.

Wie damals Frau Ramstein, ist die Hauptperson von Das Licht, der sympathische und doch so naive Schulpsychologe und Doktorand Fitz, nur zufällig in die Geschichte hineingeraten. Fitz stammt aus einer irischen Einwandererfamilie. Seiner Frau und seinem Sohn möchte er ein friedliches Leben, mit Job, Hund, Auto und immobilienkreditfinanziertem Haus ermöglichen. Deshalb lässt er die Finger von allen Drogen. Um seinem Doktorvater Timothy Leary zu gefallen, nimmt er an der ersten LSD Party in den 60er Jahren in Harvard teil. 

Jedes Wochenende finden nun Sessionen statt. Nach einem halben Jahr wird für Fitz ein Ausstieg aus der Testreihe immer schwerer. Als er zum ersten Sommerurlaub im exklusiv, nur für die Forscher gebuchtem Hotel, nach Mexiko geht, ist Fitz schon „Stammversuchskaninchen“ und gesellschaftlich von Timothy abhängig. Er nimmt Frau und Kind mit, damit sie ebenfalls Mitglieder der Gemeinschaft werden. Gemeinsam verleben sie einen paradiesischen Sommer. Der Zweite endet bereits vorzeitig auf Grund eines Polizeieinsatzes.

Timothy Leary, im Buch Tim genannt, schafft es mit seinem Charisma, zum Dienst an der Wissenschaft, weiter Drogen zu beschaffen. Als Witwer und Wissenschaftsguru ist der Anführer bei den Frauen sehr beliebt. Mit Hilfe seines Charmes findet er zahlreiche Förderer. Die Parallelgesellschaft, die er aufbaut, funktioniert nach der Prägungslehre von Konrad Lorenz. In den Sitzungen mit Freunden und Doktoranten manipuliert er diese, seiner Religion ideologisch zu folgen. Das LSD was er verteilt, nennt er bewusst Sakrament.

Sagt man in Mexiko noch nein zu Marihuana und anderen Drogen, sind sie später fester Bestandteil im neuen Projekt, dem Herrenhaus bei New York. Zwangsläufig kommt zu den Drogen auch ungehemmter Sex. Da die meisten seiner Testpersonen aus der Wissenschaft kommen und wie Fitz Psychologen sind, wird getestet, wie die Droge, die zwischenmenschlichen Beziehungen fördert. Wie in einer Hippiekommune darf nun „Jeder mit Jedem“ schlafen und neue Paare werden wortwörtlich aus dem Hut gelost. Als dann tatsächlich eine Hippiekommune aus Florida vor dem Tor steht, finden die ehrenwerten Wissenschaftler das nicht lustig. Tim und seine Freunde sind froh, als diese am nächsten Tag weiterziehen.

Als Tim die Droge nicht mehr von der Firma Sandoz, wegen des schlechten Images beziehen kann, beschafft er sie über eine tschechische Firma mit Sitz in Kanada. Bereits frühzeitig beginnt er mit der Vermarktung von Selbstfindungsseminaren, um sich so das Leben der Stammgemeinschaft teilweise von Seminarteilnehmern finanzieren zu lassen. Seminarpartys in dem Haus der Kommune sind sehr gefragt.

Ob sich diese Geschichte um Timothy Leary und seinem Studienkreis wirklich so zugetragen hat, ist fraglich. Timothy Leary lebte von 1920 – 1996 und gehört nun zum erlesenen Kreis authentischer Personen, über die T.C. Boyle schrieb. Das Buch folgt der Tradition von T.C. Boyles Themen: Leben in einer Gemeinschaft. Weitere Bücher, die dieser Thematik folgen sind Willkommen in Wellville, hier geht es um Diatjünger, welche im Kelloggs Sanatorium lebten. In Die Frauen wurde das Leben von Frank Lloyd mit mehreren Geliebten in einem Haus beschrieben. Grün ist die Hoffnung und Die Terranauten schildern das Zusammenleben von Gemeinschaften in hermetisch abgeriegelten Welten. Auch Albert Hofmann, dem Erfinder von LSD gab es. Nach seinem ersten Versuch mit LSD schaffte er es völlig zugedröhnt mit dem Fahrrad nach Hause. Bis heute ehrt man dieses Ereignis mit dem jährlich stattfindenden Bicycle Day.

Es scheint, dass nicht T.C. Boyle dieses lesenswerte Buch geschrieben hat, sondern der Protagonist selbst. Denn am Ende beschließt Fitz, doch noch etwas was seinem Leben zu machen. Statt seiner Doktorarbeit schreibt er ein Buch über das Leben in der Kommune. Als Verfasser von Das Licht ist ihm ein Roman über unsere Zeit, unsere Träume, die Gesellschaft und daraus resultierende Anpassungen, wie Lebenslügen und Irrtümer gelungen. Auch die halluzinogene Wirkung des Buchcovers, welches von Peter-Andreas Hassiepen entworfen wurde, sei an dieser Stelle erwähnt. Schaut man eine Weile drauf, hat man auch das Gefühl in einen Sog zugeraten, so wie es T.C. Boyle mit dieser Geschichte tatsächlich wieder schafft.

In Deutschland ist T.C. Boyle ein gefeierter Autor mit einer sehr treuen Fangemeinde. Inzwischen geht es schon so weit, dass Romane wie Das Licht erst rund vier Wochen nach dem deutschen Verkaufsstart in den USA erscheinen. Seine Romane werden immer im Januar veröffentlicht und Boyle begleitet sie seit Jahren mit einer mehrtägigen Lesereise. Trotz seines runden Geburtstages lässt sich der inzwischen 70-jährige Hippie nicht von einer aufwendigen Flugreise, die manchmal auch ganz schön turbulent sein kann, abbringen. Die kurzweilige Berliner Lesung erlebte ich mit Lesefreundinnen wieder im rbb-Sendesaal und im Anschluss genoss Boyle noch lange das „Fan-Bad“ in der Menge.

T. Coraghessan Boyle, 1948 in Peekskill, N.Y., geboren, ist der Autor von insgesamt 27 Romanen und Erzählungen, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Bis 2012 lehrte er Creative Writing an der University of Southern California in Los Angeles. Bei Hanser erschienen zuletzt  Das wilde Kind (Erzählung, 2010), Wenn das Schlachten vorbei ist (Roman, 2012), San Miguel (Roman, 2013), die Neuübersetzung von Wassermusik (Roman, 2014), Hart auf hart (Roman, 2015), die Neuübersetzung von Grün ist die Hoffnung (Roman, 2016), Die Terranauten (Roman, 2017),  Good Home (Erzählungen, 2018), sowie Das Licht (Roman, 2019).  

Quelle: Hanser

Weitere Infos:   https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/das-licht/978-3-446-26164-8/,   https://www.hanser-literaturverlage.de/autor/tc-boyle/

 

Bildquellen: Odette Nathke, Jacqueline Böttger

 

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.