Stig Saeterbakken – Durch die Nacht

Stig Saeterbakken - Durch die NachtGastbeitrag von Odette

Leseprojekt #ThePassionWeShare

 

Stig Saeterbakken

Durch die Nacht

DuMont, erschienen Juli 2019, 288 Seiten, HC 22,00 €

 

Als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2019 stand die Norwegische Literatur im Mittelpunkt. Dies nahm der DuMont Buchverlag zum Anlass, einen neuen Weg des gemeinsamen Lesens und Austausches zu gehen. Mit dem Leseprojekt #ThePassionWeShare wurde eine Online-Plattform geschaffen, auf der sich die LeserInnen über Stig Saeterbakkens Roman Durch die Nacht Buch austauschen konnten. In einem Tandem wurde das Buch zeitgleich gelesen. Odette nahm mit Katharina teil. Ihre Gedanken (mit * markiert und fett geschrieben) haben sie in diesem Beitrag eingebracht.

Tausend Mal am Tag vergaß ich, dass Ole-Jakob tot war. Tausend Mal am Tag fiel es mir plötzlich ein.“

(Seite 9)

Wenn ein Mensch stirbt, fragen die Zurückgebliebenen, wo ist er? Warum ist es passiert? Genau diese Fragen zu dem alten Thema Trauer stellt sich der Ich-Erzähler Karl Meyer. Er gibt sich die Schuld, dass sein achtzehnjähriger Sohn Ole-Jakob Selbstmord begangen hat.

Der Roman Durch die Nacht beginnt mit den Ereignissen nach der Beerdigung. Ruhig, gleitend und fast sachlich gibt der Vater seine Stimmung wieder. Unwissenheit und Trauer begleiten seinem Alltag. Seine Tochter Stine spricht nicht mehr und seine Frau verdrängt die Trauer, in dem sie sich nur noch ihrer Arbeit widmet. Ihre Ehe ist langsam zerbrochen. Alle geben Karl die Schuld. Noch weiß der Leser nicht, was genau passiert ist. Von seinem Freund Boris erhält Karl den Rat, sich in einem mystischen Haus in der Slowakei von seiner Trauer und Schuld zu befreien. Je weniger man sich von den Verstorbenen verabschiedet hat, um so stärker ist die Trauer und die Akzeptanz der Situation. In dem „Haus der Angst“ soll Karl von Ole-Jakob in Ruhe Abschied nehmen.

Als Ole-Jakob klein war, erzählte Karl ihm ein Märchen. Das Märchen handelt von Prinz Emanuel. * Katharina und ich stimmen hier überein, dass das Märchen an einer unpassenden Stelle im Buch zu lesen ist. Wir lasen es mehrfach, da es eine Schlüsselrolle am Ende des Buches darstellt. Das Märchen heißt Prinz Unwissend und handelt von einem Prinzen, der von seinem Vater getrennt lebt. Der König denkt, ihn so zu schützen. Die Geschichte ist etwas verwirrend und mit Frederik Frosch und dem grünen Pudel auch überladen. * Wir finden, dass es zu lang für den Roman ist und kein Zusammenhang am Anfang des Buches existiert. Das Märchen endet mit den Worten des Königs: …, ich werde dich beschützen, Tag für Tag und durch die Nacht.“

Damit endet das erste Kapitel. Im zweiten Kapitel berichtet der Stig Saeterbakken, wie er seine Geliebte Mona kennenlernt, sich in sie verliebt und beide zu einem „Wir“ werden. Ihre Beziehung dauert nicht lange. Sie haben sie zu überstürzt begonnen und sind zu unterschiedlich in ihren Lebensansichten. Mit seiner Frau Eva war das Zusammenleben anders. Mona ist um vieles jünger als er, hilflos, so wie er sich am Anfang der Beziehung mit seiner Frau Eva fühlte. Eva wusste gleich zu Beginn ihrer Ehe, was sie wollte, die Beziehung, die Kinder und den Job. Er war dagegen der Chaot in der Beziehung, der den Problemen aus dem Weg geht. Seine Affäre endet, in dem er ohne ein Wort Mona auf den Balkon verlässt. Danach steht er wieder vor der Tür seiner Familie. Sie nehmen ihn auf, doch den Grund für seine Flucht, die Hilfslosigkeit, spricht er nicht an.

Nach dem Tod seines Sohnes läuft er wieder davon. Ein Roadmovie beginnt. Karl lernt in Deutschland, in der Weihnachtsstadt Redenburg, eine junge Frau kennen. Er denkt, sie will sich das Leben nehmen. * Auch diese Episode ist zu sehr aus dem Kontext gerissen. Der Autor will hier über den Selbstmord und die noch nicht verarbeitete Liebe Karls zu Mona schreiben. Zentrales Thema ist natürlich wieder Karls Flucht vor der Realität.

Präzise formuliert Stig Saeterbakken den Schmerz und die Gefühle in einer sehr einfachen, eindringlichen und persönlichen Sprache. Die Verzweiflung des Vaters ist ehrlich und beschreibt den Trauerprozess intensiv. Der Autor selbst lebte von 1966 bis 2012. Er gehört zu den wichtigsten norwegischen Autoren dieses Jahrzehnts. Kurz nach dem Erscheinen dieses Buches begeht Stig Saeterbakken Selbstmord.

 

* Abschließendes Statement von Katharina und Odette

Für uns beide endet das Buch zu skurril. Es bleibt offen, ob es sich tatsächlich um einen Unfall handelte. Ole-Jakobs befand sich in einer starken Phase der Pubertät. Es könnte auch sein, dass er sich betrunken hat und danach Auto gefahren ist. Zum Beispiel weil seine Spielkonsole kaputt war oder Liebeskummer eine Rolle spielte. Alles nur Spekulationen, denn über Ole-Jakob erfährt man nur etwas aus den Schilderungen des Vaters. So richtig klar sind uns auch nicht die letzten Worte von Ole-Jakob. Das Kabel und das Feuer erinnern mich daran, dass Karl, als er wieder zurück zu seiner Familie kommt, in Oles Zimmer übernachtet und das funkende Kabel der Spielkonsole sieht, herauszieht, damit es nicht brennt. Wenn Ole sich zum Schluss für das Feuer entschuldigt, fragen wir uns, wo ist der Zusammenhang. Wollte er das Haus anzünden und ist deshalb im betrunkenen Zustand mit dem Auto geflohen? Selbstmord wäre nachvollziehbarer gewesen und hätte dem Buch gutgetan, doch das Buch ist keine Tatsachenbeschreibung einer Familie, sondern ein künstlerischer Weg einer Gefühlsverarbeitung und da sind natürlich solche Elemente erlaubt.

Unser Gefühl ist, das der Vater nach dem Aufenthalt im Haus seinen Frieden gefunden hat. Dies belegen wir an den Träumen über die nicht enden wollenden Weihnachtsfeste. Karls Fehler ist, dass er viel zu spät über sein Leben, seine Ehe und seine Kinder nachgedacht hat. Hier liegt die Ursache, egal ob der Sohn noch leben würde.

Wir sind gespannt, was von den anderen Lesern noch so kommt. In Punkto Inhalt, Thema und Aufbau gefiel uns das Buch nicht. Sprachlich dagegen lasen wir es gern.

 

Weitere Infos:   https://thepassionweshare.de/,   https://www.dumont-buchverlag.de/buch/saeterbakken-durch-die-nacht-9783832183653/,   https://www.dumont-buchverlag.de/autor/stig-saeterbakken/

Bildquelle:  Odette Nathke

 

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