Stefan Schulz – Redaktionsschluss

RedaktionsschlussGastrezension von Odette

Neues Nutzungsverhalten vs. alte Gewohnheiten

 

Stefan Schulz

Redaktionsschluss

Hanser Verlag, erschienen März 2016, 304 Seiten, E-Book 6,99 €

 

Werden wir von Algorithmen beherrscht und wenn ja, haben diese beschlossen das wir keine Printmedien mehr lesen, sondern zu digitalen Nutzungsjunkies werden? Früher gehörte es zur Tradition, am Frühstückstisch die Zeitung zu lesen. In Ruhe trank man seinen Kaffee und diskutierte das gerade Gelesene aus. Heute schafft man es nicht einmal seine digitalen Nachrichten zu erfassen und fühlt sich von der immer größer werdenden Informationsflut getrieben. Sind wir noch Herr der Lage und wie entsteht unsere digitale Fremdbestimmtheit?

Wer Zeit und Geduld hat sich mit diesem Thema zu befassen, sollte das Buch Redaktionsschluss von Stefan Schulz lesen. Der Autor schrieb das Buch 2016. Die Lage hat sich weiter zugespitzt, doch es bleibt ein hochintelligentes, scharfsinniges Buch, welches die Medienentwicklung wiederspiegelt. Schulz schreibt nicht abstrakt, sondern benennt Verantwortliche in den Medien, mit denen er zusammengearbeitet hat. Auch ich arbeite in dieser Branche und kenne die Konflikte zwischen Print- und Onlineredaktionen und das permanente Gejammer, dass es keine Lösung für die Probleme gibt. Facebook, Google, Twitter sind einfach zu schnell, zu groß geworden und haben die Menschheit beeinflusst. Doch ich bin der Meinung, wir bestimmen noch selbst, was wir tun und das kann auch heißen, nicht dem Mainstream hinterher zu hetzen.

 

Das Buch erhofft sich keinen akademischen Status. Es ist für jeden, der innerhalb und außerhalb der Medienlandschaft lebt, geschrieben. Redaktionsschluss verspricht am Ende keine Lösung, sondern bietet Diskussionsstoff auf die Ausgangsfrage: Wie können wir uns in dieser Welt verbindlich verständigen?

Bereits zu Lebzeiten von Jane Auster (1775-1817) wurde in London sechsmal pro Tag Post zugestellt. Viele Menschen nutzen heute nur ein Netzwerk zum Erhalt von Nachrichten täglich und das ist Facebook. Facebook sortiert tiefgreifend und 4/5 des Inhaltes werden ausblendet. Selbst Experten haben wenig Einblick in den Facebook-Algorithmus. 2003 formulierte Facebook Chef Mark Zuckerberg: „Das Ziel ist, eine perfekte personifizierte Tageszeitung für 1,1 Milliarden Menschen zu entwickeln.“ Um das zu erreichen muss selektiert und ausgewählt werden. Ein breites Spektrum, aus dem der Leser wählen kann, ist nicht mehr zielführend. Damit wird Wissen eingeschränkt. Ziel für Nachrichtenmedien, wie Tageszeitungen, ist der Ausbau der Reichweite und diese kann heute nur noch digital gewonnen werden. Klickzahlen verändern sich im Laufe des Tages, morgens 10 Uhr bei Arbeitsbeginn schwach, in der Mittagspause fast doppelt so hoch. Ein Text erhält eine stärkere Relevanz, wenn er von Freunden empfohlen wird. Menschen lesen nicht länger als 7 Minuten an einer Nachricht. Aller 18 Minuten schauen wir auf dem Bildschirm unseres Smartphones, doch wie oft in die Tageszeitung, oder schauen wir nur darauf, weil uns die Armbanduhr fehlt?

 

Eine große Medienvielfalt verbessert das Demokratieverständnis in der Gesellschaft. Mit den Zeitungen verschwindet nicht nur eine technische Form der Informationsvermittlung, nein es verschwindet auch ein Teil der Gesellschaft, der die Funktion erfüllt, die Gesellschaft mit sich selbst zu konfrontieren. Statt Lösungen für das Problem des Auflagenschwunds zu finden, gibt es stundenlange Diskussionen und Schuldzuweisungen in den Verlagen. Aufgaben der lokalen Zeitungen bleiben heute unerledigt. Verlage sehen ihre Internetpräsenz hauptsächlich als digitale Abbildung ihres Printproduktes.

Politischer Journalismus muss sich mehr an den politischen Themen der Gesellschaft orientieren, als an denen Themen, die die politische Prominenz vorgibt. Sinkende Auflagen haben nichts mit abklingendem Interesse zu tun, sondern mit einem veränderten Nutzungsverhalten. Der Autor stellt die Frage: „Ist das nächste Internet das Fernsehen?“ und beantwortet sie selbst „Humor als neuster und letzter Versuch politischer Berichterstattung“. 2012 hatte die „heute Show“ mehr Zuschauer, als das „heute Journal“ wenige Minuten davor.

Mein Fazit: Im Print wählt man die Inhalte noch selbst, im Digitalen erhält man Inhalte ohne eigene Wahl.

 

Stefan Schulz, geboren 1983, studierte in Bielefeld Soziologie. Frank Schirrmacher entdeckte seine Texte im Blog Sozialtheoristen (http://sozialtheoristen.de/) und holte ihn 2011 zur FAZ. Seit 2014 ist Schulz freier Publizist, derzeit bereitet er mit Kollegen die Gründung einer Tageszeitung vor. Sie soll von 2016 an das deutsche Geistesleben mit Berichten von vor Ort dokumentieren. Im Carl Hanser Verlag erschien: Redaktionsschluss. Die Zeit nach der Zeitung (2016). Homepage: http://stefanschulz.com

Quelle: Hanser

An dieser Stelle bietet sich auch der Verweis auf drei interessante Bücher an, die sich ebenfalls diesem Thema gewidmet haben. Der letzte Zeitungsleser von Michael Angele tut dies eher sachlich analytisch wie in einem Essay. Der große, leider bereits verstorbene italienische Schriftsteller, Umberto Eco greift das Thema der Meinungsbildung und Informationsbeschaffung in seinem Roman NullNummer auf. Darüber hinaus meldet sich ebenso Robert Seethaler mit Der Trafikant, einem Roman aus einer fast vergessenen Zeit und über das Leben eines Zeitungsverkäufers, zu Wort.

Zu allen Büchern findet ihr die Besprechungen hier auf dem Blog. Folgt einfach den Links und holt euch weitere Anregung zu diesem diskussionswürdigen Thema.

 

Weitere Infos:   www.hanser-literaturverlage.de/buch/redaktionsschluss/978-3-446-25070-3/,   www.hanser-literaturverlage.de/autor/stefan-schulz/

Bildquelle:   Odette Nathke  

 

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