Siegfried Lenz – Deutschstunde

Gastrezension von Odette

Ist Nolde, der Maler Nansen aus dem Roman „Deutschstunde“?

 

Siegfried Lenz

Deutschstunde

dtv, erschienen erstmalig 1968

 

Am 03.Oktober 2019 startet im Kino der Film Deutschstunde. Er basiert auf dem Roman von Siegfried Lenz, mit dem gleichnamigen Titel. Eines der Themen des Buches, ist das Malverbot für einen norddeutschen Künstler während des zweiten Weltkrieges. Lenz bezog sich mit dieser Person auf den Maler Emil Nolde, dessen Rolle während des Nationalsozialismus in der Ausstellung im Hamburger Bahnhof: Emil Nolde – Eine deutsche Legende neu beleuchtet wird.

Im Buch wird die Geschichte von Siggi Jepsen erzählt. Der 21-jährige Ich-Erzähler ist Insasse einer Anstalt für schwererziehbare Jugendliche und soll in der Deutschstunde einen Aufsatz zum Thema „Die Freuden der Pflicht“ schreiben. Seit seiner Kindheit beschäftigt sich der Junge damit, ist doch sein Vater, der als nördlichster Polizeiposten in Deutschland arbeitet, tagtäglich mit voller Freude bei der Pflichtausübung. Für den Beruf ist Jepsen wie geschaffen. Selbst private Freundschaften ordnet er dieser Lebenseinstellung unter. Als Polizeibeamter wird er verpflichtet, das Malverbot des Malers Max Ludwig Nansen, zu überwachen. Trotz der Freundschaft, die beide verbindet, macht er keine Kompromisse. Auch nicht bei seinem ältesten Sohn Klaas, der sich selbst verstümmelt, um nicht zum Wehrdienst eingezogen zu werden. Diesen verrät er an das Regime. Überwältigt von seinen Gedanken zu diesem Thema gibt Siggi ein leeres Aufsatzheft zurück und wird zu einer Strafarbeit verurteilt. Aus dieser Strafarbeit geht das vorliegende Buch hervor.

Nach Ende des Krieges hat der Vater Jens Ole Jepsen nichts aus der eigenen Vergangenheit gelernt. Er fühlt sich in seinem Handeln bestätigt. Als er nach einer kurzen Internierungszeit wieder als Polizeiposten eingesetzt wird, schikaniert er den Maler Nansen weiter. Eine Wandlung geht in seinem Sohn vor. Hat er noch während des Krieges zum Teil die Arbeit seines Vaters unterstützt, wendet er sich von ihm ab. Aus dem Mitläufer wird ein Kämpfer gegen die Freuden der unbegründeten Pflicht.

Mit diesem Buch ist Siegfried Lenz, der der Generation der Schriftsteller angehört, welche ihre Erfahrungen aus dem zweiten Weltkrieg literarisch verarbeiten, ein erfolgreiches Buch der Nachkriegsliteratur gelungen. Die Deutschstunde schrieb er 1968. Siegfried Lenz wurde 1926 im ostpreußischen Lyck geboren und verstarb 2014 in Hamburg. Er ist Preisträger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels.

Seine blumige und bildliche Sprache macht das Lesen zum Vergnügen. Die geniale Erzähl- und Sprachkunst ist selten unter den aktuellen Schriftstellern zu finden. Beim Lesen fühlt man die norddeutsche Natur und spürt deren frischen Wind im Gesicht. Auch wenn sich die Namen Siggi und Siegfried gleichen und auch Siegfried Lenz‘s Vater Beamter, nämlich Zollbeamter war, ist das Buch nicht autobiographisch.

 

 

Internationale Ausgaben des Buches

Veranstaltungstipp:

Hamburger Bahnhof: Emil Nolde – Eine deutsche Legende

Als realexistierende Person wählte Lenz wie bereits erwähnt, den Maler Emil Nolde, für die Figur des Malers Max Ludwig Nansen. Wie Nansen erhielt auch Nolde während der Nazizeit ein Malverbot und arbeitete in seinem Atelier in Seebüll an der Nordsee weiter. Doch Nolde war nicht Nansen, wie aktuelle Forschungsprojekte ergaben. Der Maler war auch kein Antifaschist oder Mitläufer, sondern ein Parteimitglied der NSDAP.

Die Ausstellung im Berliner Hamburger Bahnhof wirft einen neuen Blick auf die Person des Malers. Dessen Bilder als entartet verboten wurden, aber unter dem Tisch eifrig gehandelt wurden. Nolde zählte zu den meist gekauften Künstlern während des Nationalsozialismus. Wenn Sigfried Lenz noch leben würde, würde er seine Erzählung revidieren. Auf den ersten Seiten des Buches bezieht er sich sehr deutlich auf Bilder, die Nolde gemalt hat. Siggi berichtet wie er das Atelier des Malers in Erinnerung hat:

vollgestopfte Regale und zahlreiche harte, provisorische Lagerstätten, auf denen, wie ich manchmal glaubte, all die drolligen oder auch drohenden Geschöpfe des Malers schliefen, die gelben Propheten und Geldwechsler und Aposteln, die Kobolde und die grünen, verschlagenen Marktleute. Da schliefen wohl auch die Slowenen und Strandtänzer, und natürlich auch die krummgewehten Feldarbeiter …“.

Zitat: Deutschstunde, Seite 39

In der Kombination der Bilder und der erstmalig ausgestellten Briefe kann der Besucher sich eine eigene Meinung bilden. Die Ausstellung ist in Kooperation mit der Stiftung Seebüll Ada und Emil Nolde entstanden. Zu empfehlen ist das Kuratoren Gespräch: Nolde und Siegfried Lenz „Deutschstunde: Eine Spurensuche, mit Günther Berg, Siegfried-Lenz-Stiftung Hamburg.

Dienstag 03.09.2019 – 18 Uhr kostenfrei

Günther Berg, der langjährige Lektor von Siegfried Lenz, ist vor Ort und spricht über die Wechselwirkung von Kunst und Literatur sowie die Männerfreundschaft zwischen Helmut Schmidt und Siegfried Lenz.

Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart Berlin, Staatliche Museen zu Berlin Invalidenstraße 50-51, 10557 Berlin

 

Filmtipp:

Die Literaturverfilmung von „DEUTSCHSTUNDE“ nach Siegfried Lenz startet am 3. Oktober 2019 im Kino. In den Hauptrollen sind Ulrich Noethen, Levi Eisenblätter, Tobias Moretti und viele mehr zu sehen. Darüber hinaus werden interessante Buchausgaben den Film begleiten. So ist die Filmausgabe aus dem Atlantik Verlag ab 4. September für 12 Euro und „Deutschstunde. Jubiläumsausgabe“ aus dem Verlag Hoffmann und Campe für 25 Euro erhältlich.

 

Weitere Infos:   http://www.siegfried-lenz.de/

Bildquellen:   Odette Nathke

 

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