Sibylle Berg – GRM

Sibylle Berg - GRMGastrezension von Odette

Endzeitstimmung

 

Sibylle Berg

GRM – Brainfuck

KiWi, erschienen April 2019, 640 Seiten, HC 25,00 €

 

Verarmte Kinder in einer verschmutzten Fabrik. Das ist nicht England zu Zeiten der industriellen Revolution. Nein, das ist das England der Zukunft. Es herrscht Endzeitstimmung, in der die Menschen nur noch unnötiges Beiwerk sind, in einer Stadt, die Rochdale heißt. Menschen werden zum Sklaven ihres eigenen Smartphones. Jeder hängt über seinem Endgerät. Wem erinnert das nicht an die heutige Gegenwart? Später kommt die Überwachung mit Hilfe der Endgeräte hinzu. Finanzsysteme kollabieren, der Bitcoin vernichtet Geld. Die Beschaffungskriminalität zum reinen Überleben steigt. Bevölkerungsschichten werden ausgeschlossen. Im Leben der Menschen herrscht der Teufel.

Aus dieser düsteren Gegenwart, in der die Menschen durch Algorithmen ersetzt werden, entstammen die vier Kinder, über die das Buch GRM – Brainfuck berichtet. Mit ihnen durchlebt der Leser eine Reise durch Hilfslosigkeit, Aggressivität und Depression. Die vier entstammen unterschiedlichen Biographien. Nicht alle kommen aus den einfachsten Verhältnissen, in der Arbeitslosigkeit, Drogen- und Alkoholsucht der Eltern ihr Leben beeinflusst. Einige kannten vernünftige Elternhäuser, doch die dramatische Entwicklung der Gesellschaft, hat sie an deren Rand gedrängt. Eines haben sie gemeinsam, sie wollen ihr Leben zusammen in die Hand nehmen und sich an denen rächen, welche ihnen dieses Leben eingebrockt haben. In dem Ort Rochdale sehen sie keine Zukunft und beschließen, nach London zu ziehen. Für den Rest der Gesellschaft sind sie unsichtbar, da sie nicht „gechipt“ sind. Die Bezahlung eines Grundeinkommens ist an einem Chip gebunden, welchen sich die Bevölkerung einpflanzen lassen muss. Die Kinder können dies nicht, da sie damit automatisch als hilfsbedürftige allein lebende Kinder in ein Heim ohne Zukunft und Überlebenschance eingewiesen werden würden. So können sie in London frei agieren.

Sibylle Berg setzt nicht konsequent den Erzählstrang um die Kinder fort, sondern lässt die Zuspitzung der Lage an weiteren Personen Revue passieren. Was zum Teil spannend, klischeehaft und auch langatmig ist. Die apokalyptische Stimmung strengt den Leser bei der Lektüre sehr an. Man ist froh, das Ende erreicht zu haben, um diese, von der Autorin erschaffenen Welt zu verlassen, in der man zahlreiche Parallelen und Entwicklungstendenzen zur heutigen Welt sieht. Eine Fülle von aktuellen gesellschaftlichen und politischen Themen werden in dieser Dystopie behandelt. Allerdings werden diese im Verlaufe des Buches so überspitzt, das es dem Buch nicht gut tut und zu einem Thesen-Roman verkommt. Möchte man das GRM anfangs noch Freunden mit dem Hinweis empfehlen, dass musst du unbedingt lesen, verwirft man sein Vorhaben. Die Gewalt, der Populismus und die Angst, die in dem Buch vorkommt ist nicht mehr logisch. Die Entwicklung der vier Hauptfiguren, wird in den über 600 Seiten nur lieblos fortgesetzt.

Wie ich finde wird der Leser von den Gedankengängen der Autorin stark beeinflusst. Man sollte GRM – Brainfuck sehr kritisch lesen. Was ich am Anfang des Buches noch plausibel und logisch empfand, wurde zum Ende hin verworren und widersprach sich. Parallelen zum gesellschaftskritischen Roman im Stil Georg Orwell, allerdings mit stark feministischen und zum Teil pornohaften Passagen, sind von der Autorin gewollt. Brutale Handlungen, die einem beim Lesen schaudern lassen und man das Buch schließen möchte. Dies sind Stilmittel, um ihre Aussagen zu bekräftigen. An manchen Stellen sehr pornographisch und zu brutal, wie die brutale Vergewaltigung von Kindern. Der weiße englische, dekadente Mann ist zu unglaubwürdig für die Geschichte, welche Sibylle Berg erzählen möchte. Zu viel sind die Themen: Mietpreisexplosion, Klimawandel, künstliche Intelligenz, Aggressivität in der Gesellschaft, Kapitalismus, Russen, Chinesen, Araber, Brexit, rechte Gewalt, Grundeinkommen, Mediennutzung, Impfgegner und noch vieles mehr.

Interessante künstlerische Freiheiten bietet die Grammatik, Zeichensetzung und Satzstruktur des Buches. Leider verliert GRM zum Ende hin seine Glaubhaftigkeit. Sibylle Berg bleibt nicht der dramaturgischen Linie, um die Geschichte über die Jugendlichen treu. Die Story verliert sich in zu vielen Untergeschichten und Nebenfiguren. Der Focus auf ein Ziel, einen Sinn des Buches fehlt. Das Ende in dem die Welt fast wieder harmonisch ist, kommt viel zu spät und überfordert den Leser. Es wäre vielleicht besser gewesen, wenn nur die Linie fortgesetzt wird, in der die Kinder ihre Peiniger töten wollen. Die Entwicklung hin zur Brave New World ist steinig, wird aber am Ende des Buches erreicht.

 

Sibylle Berg lebt in Zürich. Ihr Werk umfasst 25 Theaterstücke, 14 Romane und wurde in 34 Sprachen übersetzt. Berg fungierte als Herausgeberin von drei Büchern und verfasst Hörspiele und Essays. Sie erhielt diverse Preise und Auszeichnungen, u.a. den Wolfgang-Koeppen-Preis (2008), den Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreis (2016), den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor (2019) sowie den Thüringer Literaturpreis (2019).

Quelle: KiWi

 

Weitere Infos:   https://www.kiwi-verlag.de/buch/grm/978-3-462-05143-8/,   https://www.kiwi-verlag.de/autor/sibylle-berg/518/

Bildquellen:   Odette Nathke

 

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