Ronja von Rönne – Wir kommen

Ronja von Rönne - Wir kommen.jpgGastrezension von Odette

Wir kommen – was & wer kommt?

 

Ronja von Rönne

Wir kommen

Aufbau Verlag, erschienen März 2016, 208 Seiten, HC 18,95 €

 

Was & wer kommt? Eine Frage die sich mir beim Lesen des Buches mit dem Titel Wir kommen stellt. Hoffentlich ist damit nicht ein neuer Typ von jungen Literaten gemeint, so wie er in Anzeigen für das Buch beworben wird. Nach dem Lesen dieses Buches fragte ich mich, warum ich es überhaupt gelesen habe. Worin der tiefere Sinn, des für mich lustlos und chaotisch wirkenden Buches bestehen sollte.

Ronja von Rönne möchte mit ihrem Buch hipp wirken, wie die Vierer-Clique, die in einer polyamoren Liebesbeziehung lebt. Aber Liebe kommt, außer vielleicht einem Kuss, nie so richtig vor. Auch das Coole und Entspannte ist nicht lebendig und deshalb für mich eher langweilig beschrieben. Nichts in dem Buch hat Potenzial für etwas Besonderes. Ein handwerklich begabter Schriftsteller hätte vielleicht noch etwas aus der Themenkombination machen können, Ronja von Rönne ist es überhaupt nicht gelungen.

 

Tagebuch als Therapie

Geschrieben ist das Buch im hippen Slang. Am Anfang des Buches fragte ich mich, ob Berichterstattungen aus dem Dorf, analog Juli Zehs „Unterleuten“ (Rezension hier auf dem Blog) im Trend liegen? Doch diesen Vergleich verwarf ich nach den ersten Zeilen sofort. Die ersten Seiten des Buches beginnen spannend. Noras Therapeut geht vierzehn Tage in den Urlaub, um ihre Panikattacken einschätzen zu können, soll sie in seiner Abwesenheit ein Tagebuch schreiben. Einer der ersten Sätze, über den sie uns dabei philosophieren lässt ist: „wenn ich rausgucke ist da die Stadt, gerade ist eine Uhrzeit „– widerspiegelt dies den Stil „junge Generation Kultur“?

Vom Therapeuten kommend, schaute sie in den Briefkasten und findet dort eine Einladung zu Majas Beerdigung. Maja, war eine Jugendfreundin, deren Tod sie nicht wahr haben will. Mit ihr wuchs sie in einem Dorf an der Küste auf. Ja, die hippe Nora ist eigentlich ein Landei. Obwohl die Freundschaft als eng beschrieben wird, war es doch nur eine Beziehung heranwachsender Teenager. Um der Trauer und ihren Panikattacken zu entgehen, beschließt sie mit ihrer Vierer-Beziehung in Karls Ferienhaus an die Ostsee zu fahren. Die Vier sind Nora, die Ich-Erzählerin und Schauspielerin einer Shopping-Serie. Ihr Ex Karl und dessen magersüchtige Freundin Leonie mit Kind Emma-Lou, das nicht spricht, aber man auch nicht genau erfährt, wie alt es ist. Als auch der grindige Freund Jonas, den Karl und Leonie vor Jahren zum Trösten für Nora organisiert haben. Ach ja, eine Schildkröte mit Namen 360 Grad gehört auch noch zum Team. Das Boheme zieht sich in das Künstlerdomizil an die Ostsee zurück. Dinge passieren, die interessant zu erzählen wären und auch ein spannendes Buch ausmachen sollen. Aber entweder handelt Ronja von Rönne sie lustlos ab oder, wie das Verschwinden von Emma-Lou und Jonas, nimmt sie nicht wieder in den Erzählfluss auf, obwohl die Spannung im Text erzeugt wird. Es herrscht Lagerkoller an der Ostsee. Die Intellektuellen können nichts miteinander anfangen, außer zu spinnen. So wollen sie aus Langeweile und um Mitmenschen zu manipulieren, eine Sekte gründen. Gespickt von Unlogik, wie kann sie Mails von ihrer Agentin erhalten, wenn sie ihre eigenen Telefone und Laptops zerstört hat, zieht sich das Buch in die Länge.

 

LBM 2016 (13)Spätestens in der Mitte des Buches, habe ich es bereut, das Buch vor der Leipziger Buchmesse nicht gelesen zu haben. Gern hätte ich Ronja von Rönne interviewt und mit meinen vielen Fragen konfrontiert.

Geldsorgen, Existenzängste kennen die Vier nicht. Karl ist Schriftsteller, da scheint man ein Vermögen zu verdienen und mit Arbeit hat der Job wohl auch wenig zu tun. Das Anstrengendste, so wird uns suggeriert, ist die Organisation von Partys.

Sätze beginnen mit „immer noch keine mail von Maja“, ach ja da war ja noch die Parallelgeschichte mit der verstorbenen Freundin. Die Autorin erzählt gequält, wie die gemeinsame Jugend verlief. Terror auf dem Kaufland-Parkplatz und Mobbing eines Mitschülers bis zum Tod, sind die Inhalte.

Das Buch endet für mich wie ein Fragezeichen. In einem Interview wurde Maria Furtwängler von dem Wochenmagazin Die Zeit gefragt: „Haben Sie ein Herz für die „Welt“ Kolumnistin Ronja von Rönne? Die kenne ich nicht. Soll ich sie kennen?“ war ihre Antwort. Ich hoffe, in Ronja von Rönne steckt mehr Potenzial, dass sie ein neues besseres Buch veröffentlicht und nicht ihren Namen benutzt, um es nicht durch eine Verwechslung zum Ladenhüter werden zu lassen.

Für mich war das Lesen des Buches, zwei Tage vergebene Zeit. Mit einigen guten Zitaten wie das auf Seite 141 „Schlechter Sex, das ist Liebe“ undAll diese Möglichkeiten gäbe es, wäre dieses Leben nicht meins. Denn eigene Leben sind störrisch, sie sind langweilig, die Tage vergehen, und nur ab und zu stößt man sich den Zeh an oder wird zum Studium zugelassen, oder der Hund stirbt. Dann erscheint alles plötzlich klarer und es erscheint noch klarer, wenn man darüber schreibt.“, endet das Buch.

 

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© Carolin Saage

Ronja von Rönne, 1992 in Berlin geboren, lebt in Berlin und Grassau. Seit 2015 Redakteurin im Feuilleton der Welt. Mehr von der Autorin unter www.sudelheft.de.

Quelle: Aufbau Verlag

 

Ach ja, wer sich jetzt noch fragt: Was bedeutet das Streichholz auf dem Cover? Die Antwort ist ganz banal. Es ist das zu Beginn kurz erwähnte Notizbuch, welches sie von ihrem Therapeuten zum Aufschreiben ihrer Erlebnisse erhalten hatte.

 

Weiter Infos:   www.aufbau-verlag.de/index.php/wir-kommen.html,   http://sudelheft.blogspot.de/

Bildquelle:   Jacqueline Böttger – Cover + LBM,   http://www.aufbau-verlag.de/media/Upload/author/600021619.jpg

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