Robert Seethaler – Der Trafikant

Robert Seethaler - Der Trafikant_JB.jpgGastrezension von Odette

Von einer besonderen Freundschaft zu Sigmund Freud

 

Robert Seethaler

Der Trafikant

KEIN & ABER, erschienen November 2013, TB 11,90 Euro

 

Wenn Melancholie ein Hilfsmittel ist, der Widrigkeit des Lebens zu entfliehen, haben die Helden der Bücher von Robert Seethaler ein profanes Mittel gefunden, der Grausamkeit der Wirklichkeit zu entkommen. Wie bereits im Buch „Ein ganzes Leben“ stehen die Hauptfiguren, zu ihrer ehrlichen und bedingungslosen Liebe zu einem Menschen.

Ich stimme voll und ganz der Aussage von Elke Heidenreich zu, dass die Bücher eine kleine Kostbarkeit sind, welche man schon an der Gestaltung des Taschenbuches zu spüren bekommt. Die Seitenrücken sind blau eingefärbt und in der Farbe des Schriftzuges des Autorennamens gehalten.

Schon beim Aufschlagen der ersten Seiten war ich gefangen von der Melancholie, Wärme und Romantik der Sprache. Leise und doch brisant wird das Leben des 17-jährigen Franz Huchel, aus dem Dorf Nussdorf im Salzkammergut stammend und sich nun in der Weltstadt Wien bewährend, beschrieben. Der Unterstützer der Mutter ist tot und ihr bleibt nichts anderes übrig, als ihren Sohn in die Stadt zum Onkel Otto Trsnjek, welcher eine Trafik betreibt, zu schicken. Dort in der Ferne soll er sich seinen Lebensunterhalt verdienen. Schon am Anfang des Buches wird der Schmerz und das Fernweh beschrieben. Sehr sanft und ehrlich, denn eine andere Lösung gibt es für Mutter und Sohn nicht. Franz bleibt seiner Mutter weiter verbunden, schreibt ihr jede Woche Ansichtskarten von Wien und sie antwortet ihm auf die natürlichste und treueste Art, mit Karten seiner Heimat vom Attersee.

In der Trafik, einem freistehenden Tabak- und Zeitungsgeschäft, lernt er die Urlauber seines Heimatdorfes in ihrem Alltagsleben kennen. Besonders schön sind Seethalers Schilderungen über seine Kunden und welche Art von Tageszeitung diese kaufen. Eine wunderbare Analyse des Zeitungsmarktes um 1937 und vorallem für alle Liebhaber von Printmedien sehr interessant. Unter seinen Kunden ist auch der berühmte Psychoanalytiker Sigmund Freud. Wer sich nun erhofft, wissenschaftliche oder historische Fakten seines Lebens zu erfahren, wird enttäuscht. Seethaler geht es hier um die Schilderung von Freundschaft und diese besteht aus dem Sitzen auf einer Bank vor dem Haus von Professor Freud. Es geht nicht um großartige Psychologie, sondern Freud erklärt Franz die Philosophie des Lebens. In Form seiner Liebe zur böhmische Varietétänzerin Anezka, die ihn mit ihrer Zahnlücke und den blonden geflochtenen Zöpfen verzaubert.

Neben der kameradschaftlichen Beziehung zu Freud, wird das Verhältnis zum Onkel, welcher im 1. Weltkrieg ein Bein verloren hat, intensiviert. Der Onkel versucht, seine Weltanschauung und sein Geschäft gegen die faschistischen Anfeindungen zu verteidigen. Er ist kein Jude, es gibt keine Konkurrenz, trotzdem wird er von seinen Nachbarn verraten und an den Pranger gestellt. Franz überlegt nicht lange, stellt sich hinter seinen Onkel und betreibt die Trafik weiter, als dieser verhaftet wird.

Und so endet das Buch mit einer Tat, die auch das Ende von Franz sein wird. So selbstverständlich wie es für ihn ist, für die Gedanken eines Freundes zu sterben, bringt er nachts die Hose seines Onkels mit den abgenähten Hosenbein an einen Fahnenmast an. Und weht mit ihr und der Erinnerung über Wien davon.

 

Robert Seethaler, 1966 in Wien geboren, wurde 2007 für seinen Roman Die Biene und der Kurt mit dem Debütpreis des Buddenbrookhauses ausgezeichnet. Er erhielt zahlreiche Stipendien, darunter das Alfred-Döblin Stipendium der Akademie der Künste. Robert Seethaler lebt und schreibt in Wien und Berlin.

Quelle: KEIN & ABER

 

Mehr interessante Informationen zum Leben von Robert Seethaler und weitere Buchempfehlungen findet ihr auch unter www.mein-literaturkreis.de.

 

 

Weitere Infos:   www.keinundaber.ch/de/literary-work/der-trafikant

Bildquelle:    Jacqueline Böttger – Robert Seethaler – Der Trafikant_JB.jpg

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.