Rhidian Brook – Niemandsland

Rhidian Brook - NiemandslandGastrezension von Odette

Aus englischer Sicht

 

Rhidian Brook

Niemandsland

btb, erschienen November 2015, 384 Seiten, TB 9,99 €

 

Hamburg 1946, ein Jahr nach dem zweiten Weltkrieg. Deutschland ist in Besatzungszonen unterteilt. Zwischen den Besatzern herrschen Skepsis und Vorurteile, die so weit gehen, dass man Helgoland sprengen will. Die Engländer haben nur Schutt in ihrem Gebiet, die Russen Agrarland und die Franzosen können sich an dem Wein erfreuen.

Es herrscht Ungewissheit, welche Besatzungszonen bleiben und so werden wertvolle Sachen, wie zum Beispiel Kunstgegenstände illegal in die Heimat transportiert. Unter der deutschen Bevölkerung indes herrscht Hunger und Trauer. Verwahrloste Kinder streifen durch vom Feuersturm zerstörte Stadteile, Leichen befinden sich noch zu Hunderten unter den Trümmern. Eine hoffnungslose Zukunftsaussicht bedrückt die Überlebenden. Selbst die Besatzer fragen sich, wann wird wieder alles aufgebaut sein?

Colonel Lewis Morgan ist der englische Stadtkommandant von Hamburg. Seine Familie holt er nach Deutschland nach. Der älteste Sohn wurde durch eine deutsche Bombe in England getötet. Seine Frau Rachel fühlt sich durch die Trauer im Land der Täter fremd. Als Soldatenfrau ist sie an Umzüge und das Unterordnen ihrer Gefühle, zum Wohl des Dienstherrn ihres Mannes, gewöhnt. Dagegen findet sich Edmund, der jüngere Sohn der Familie, schnell in Deutschland zurecht. Er trifft sich mit den elternlosen Kindern, geht Freundschaften ein und versorgt diese mit den wertvollen Tauschmittel Zigaretten. Alfred, der deutlich ältere Boss der Kinderbande, ist Mitglied der Wehrwolfbewegung.

Eigentlich hätte die Familie Morgan, die Villa der deutschen Familie Lubert beschlagnahmen können. Lubert ist Architekt und wohnt gemeinsam mit seiner Tochter in der herrschaftlichen Villa an der Elbe. Seine Frau hat er im Krieg bei einem Angriff verloren. Doch Lewis Morgen, der auch Lawrence von Hamburg genannt wird, beschließt sich die Villa mit dem Deutschen zu teilen. Sie zeihen ins Dachgeschoß. Morgans Frau Rachel wird sehr bieder und unelegant beschrieben. Sie findet es am Anfang unmöglich, mit dem Deutschen, dem Verlierer und Nazi wortwörtlich unter einem Dach zu leben.

Bis hierhin entspricht der Roman von Rhidian Brook einer wahren Geschichte. Der Großvater des Autors Walter Brook hat 1946 die Geschichte erlebt. Er steht Pate für die Figur des Lewis Morgan, dem Lawrence von Hamburg. Die nun folgende Liebesbeziehung des Romans zwischen Rachel und dem Deutschen Lubert dagegen entspricht seiner Fantasie. Durch den Krieg stehen sich die Engländer und die Deutschen verfeindet und ängstlich gegenüber. Es herrscht ein Fraternisierungsverbot. Etwas unglaubwürdig kommt deshalb die Liebe der Beiden ins Spiel. Glaubwürdiger, die Beziehung zwischen Luberts Tochter Frieda und Alfred, dem Bandenanführer und Mitglied der Wehrwolfbewegung. Die Wehrwolfbewegung hatte zum Ziel, Anschläge auf die Besatzer durchzuführen und Spionage zu betreiben. Alfred nutzt die Hörigkeit seiner jungen Freundin und die Wohngemeinschaft mit den Engländern aus, um an geheime Unterlagen der Besatzer zu kommen. Beim Versuch, den Colonel zu töten, wird er selbst zum Opfer.

Eigentlich ist die Rahmenhandlung nur Beiwerk. Wichtiger sind die Fakten, die man dem Buch entnimmt. Die Gefühle der englischen Besatzer waren mir neu. Auch kannte ich die Wehrwolfbewegung nicht. Das Buch ist ein kurzweiliger in sich stimmiger Roman, welcher die Zustände im Deutschland der Nachkriegszeit aus englischer Sicht beleuchtet. Die wahre Geschichte und die authentische Alltagsschilderung gibt dem Buch seine Daseinsberechtigung. Der Roman ist nicht wertend, sondern schildert die Fakten angenehm neutral, sowohl aus deutscher wie auch aus englischer Sicht. Sehr ehrlich finde ich die Berichterstattung über den illegalen Kunsthandel auch auf britischer Seite.

 

Rhidian Brook, geboren 1964, schreibt Drehbücher für Film und Fernsehen, Kurzgeschichten und Romane. Sein Debut „The Testimony of Taliesin Jones“ wurde vielfach ausgezeichnet, u .a. mit dem Somerset Maugham Award. Er lebt mit seiner Familie in London.

Quelle: Random House

 

Weitere Infos:   www.randomhouse.de/Taschenbuch/Niemandsland/Rhidian-Brook/btb-Taschenbuch/e483947.rhd,    www.randomhouse.de/Taschenbuch/Niemandsland/Rhidian-Brook/btb-Taschenbuch/e483947.rhd#vita

Bildquellen:   Odette Nathke

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