Paul Auster – 4 3 2 1

Paul Auster - 4321Gastrezension von Odette

Eine Katze hat sieben Leben – Archibald Ferguson vier.

 

Paul Auster

4 3 2 1

Rowohlt Verlag, erschienen Januar 2017, 1264 Seiten, HC 29,95 €, jetzt auch als TB 18,00 € erhältlich

 

Sicherlich fragt sich der ein oder andere Leser, wie sein Leben verlaufen wäre, wenn man unter anderen Konstellationen gelebt hätte. Diese Frage stellt sich auch der junge Schriftsteller Archibald Ferguson, als er von seiner Mutter den Familienwitz über die Entstehung des Namen „Ferguson“ hört. Als sein damals junger russischer Großvater nach Amerika emigrierte, bekam er von einem Mitreisenden den Tipp nicht seinen langen, unaussprechlichen jüdischen Namen zu nennen. Er soll lieber sagen, er heißt Rockefeller. Als er dann aufgeregt vor dem Einwanderungsbeamten stand, kann er sich nicht mehr an den Namen erinnern den ihm der alte Mann nannte. Stattdessen sagt er „Ich hob fargessen!“ und der Beamte schreibt Ichabod Ferguson in das Anmeldeverzeichnis.

Über diese Situation denkt der junge Ich-Erzähler in 4 3 2 1 viele Stunden nach und beschließt, einen Roman zu schreiben über vier genetisch identische, aber charakterlich verschiedene Menschen mit demselben Namen Ferguson. Alle vier haben die gleichen Eltern, aber werden in unterschiedlichen gesellschaftlichen Strukturen leben. Der Inhalt des Buches ergibt sich durch die Frage: „Was sich ereignen könnte, aber nicht ereignet hat.“

Der Roman 4 3 2 1 ist in sieben Abschnitte gegliedert. Die einzelnen Kapitel beginnen immer wieder mit Version 1 bis 4 und schließen an die Inhalte des vorangehenden Kapitels an. Das ist gewöhnungsbedürftig. Ich muss zugeben, dass ich es wagen wollte, die Version 3, welche mich am Meisten rührte, bis zum Ende zu lesen. Ich tat es nicht. Um nicht den Faden zu verlieren, notierte ich mir die Verläufe der Geschichten auf Karteikarten. Vor Beginn jedes neuen Kapitels konnte ich eine Zusammenfassung der Version durchlesen und nahtlos an den Inhalt anknüpfen. Ich hoffte, dass mir auf diesem Weg, die kleinen spitzfindigen Details nicht verloren gegangen sind. Die vier Fergusons wachsen unter verschiedenen Rahmenbedingungen auf. Sie sind mal Waisen, mal reich, arm oder im Mittelstand groß geworden. Die Protagonisten lieben nicht nur Frauen, sondern machen auch gern Männern Avancen. Charakterlich besitzen sie eine breite Bandbreite von mutig bis draufgängerisch und schüchtern. Der Ausgang mancher Versionen ist sehr bewegend. Am Ende des Buches wird der junge Schriftsteller Ferguson wieder mit sich allein sein, daher der Titel 4 3 2 1.

Bis dahin erfährt der Leser sehr viel über die Geschichte Amerikas, die Geschichte der jüdischen Emigranten, über den „way of life“, die Stadt New York und deren berühmte Universitäten Columbia und Princeton (New Jersey). Die Handlung spielt in den 1950-er bis 70-er Jahren. Die Textinhalte sind sehr detailreich. Wahrscheinlich hat der Autor Paul Auster die Studentenunruhen an den Universitäten miterlebt, so authentisch sind seine Beschreibungen. Bis zum Ende des Buches nimmt der Leser an einem spannenden Experiment teil.

 

Auster_4321 - Siri Hustvedt_Sommer.jpgPaul Auster stammt wie sein Held Archie aus Newark, New Jersey. Wie die Romanhelden aus seinen Versionen studiert er Anglistik und vergleichende Literaturwissenschaften. Lebte wie seine Fergusons einige Jahre in Frankreich. Auster schreibt gern über die Stadt New York und kann sie besonders gut beschreiben, da er in Brooklyn lebt. Er ist mit der Schriftstellerin Siri Hustvedt verheiratet und hat zwei Kinder.

Nachdem wir uns im Literaturkreis den Sommer mit dem Roman Der Sommer ohne Männer, geschrieben von Austers Ehefrau Siri Hustvedt, versüßt haben, begegnete ich diesem Wälzer mit großem Respekt. Trotz der über 1.200 Seiten liest es sich leicht und flüssig. Auster ist ein Meister des Erzählens und man hört beim Lesen seine Stimme. Das Buch trägt autobiographische Züge. Gern hätte ich den Roman im New Yorker Central Park oder besser im Morningside Park gelesen. Nun bin ich stolz dieses Lesevergnügen bewältigt zu haben. Das Regal der „noch zu lesenden Bücher“ ist um 1,3 kg leichter.

Grandios und immer mit einer Prise Humor. Ein immens vielschichtiges und intelligentes Buch!

 

 

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© Lotte Hansen

Paul Auster wurde 1947 in Newark, New Jersey, geboren. Er studierte Anglistik und vergleichende Literaturwissenschaften an der Columbia University und verbrachte nach dem Studium einige Jahre in Frankreich. International bekannt wurde er mit seinen Romanen Im Land der letzten Dinge und der New-York-Trilogie. Sein umfangreiches, vielfach preisgekröntes Werk umfasst neben zahlreichen Romanen auch Essays und Gedichte sowie Übersetzungen zeitgenössischer Lyrik. Sein bisheriges Lebenswerk krönte er mit dem Weltbestseller 4321.

Quelle: Rowohlt

 

Weitere Infos:   www.rowohlt.de/autor/paul-auster.html,   www.rowohlt.de/hardcover/paul-auster-4-3-2-1.html

Bildquellen:   Odette Nathke,   https://www.rowohlt.de/bild/b57c/2682949/3/416/af_auster-paul_001.jpg

 

2 thoughts on “Paul Auster – 4 3 2 1

  1. Lieber Jochen Brachmann, vielen Dank für Ihren Kommentar. Es freut mich zu lesen, dass es mir mit meinen Notizen nicht allein so ging. Sie gaben mir Struktur und ich konnte mich somit in den verschiedenen Geschichten schnell wieder zurecht finden. 4 3 2 1 ist vielleicht gerade deshalb eine absolute Leseempfehlung. Viele Grüße, Odette

  2. Ihre Buchbesprechung gefällt mir. Und besonders lustig finde ich das erste Foto oben, wo ich handgeschriebene DIN A4 Seiten sehe. Ich hatte den Roman gleich nach Erscheinen gelesen und habe am Ende der Lektüre 12 volle handgeschriebene DIN A4 Seiten vor mir. Ich brauchte das für mich, um immer wieder durch die verschiedenen Ebenen zu kommen. Es hatte mir sehr viel Spaß gemacht. Eine sehr intensive und schöne Lese-Erfahrung war das für mich! Viele Grüße Jochen Brachmann

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