Natsume Sōseki – Der Bergmann

Der Bergmann.jpegGastrezension von Odette

Die Angst vor dem Gesichtsverlust

 

Natsume Sōseki

Der Bergmann

DuMont, erschienen März 2018, 240 Seiten, TB 11,00 €

 

Meine Rezension möchte ich heute mit einem Zitat von Haruki Murakami beginnen, der Natsume Sōseki verehrte und auch das Vorwort zu diesem Buch schrieb.

Es macht mich sehr glücklich, dass ich diesen Roman, der über hundert Jahre alt ist, heute noch lesen kann und er sich so gegenwärtig anfühlt. Er bewegt mich zutiefst und kann und darf nicht in Vergessenheit geraten.“

Der Bergmann ist ein hoch aktuelles Buch, von dem man nicht glaubt, dass es 1907 geschrieben wurde. Ein 19-jähriger Jugendlicher aus wohlhabender Tokioer Familie ist von seinem bisherigen Leben enttäuscht. Auch die Liebe spielt diesem noch unsicheren Mensch übel mit. In so einer, für junge Menschen, aussichtslosen Lage, verlassen sie häufig überstürzt ihr zu Hause. So geht es auch der Hauptfigur in diesem Roman, der kurz vor dem Selbstmord steht. Gerade mal seinen dünnen weißblauen Kurume-Kimono streift er über und begibt sich in die für ihn unbekannte Welt. Hier ist er ein leichtes Opfer von pfiffigen Bauernfängern. Einsam die Straße entlanggehend, wird er schnell angesprochen und man versucht ihn für einen Job in der Kupfermine zu begeistern. Der Beruf des Bergmanns klingt für den jungen Mann so ehrenwert und fremd, dass er zustimmt und dem Werber blind folgt.

Ob es damals der Arbeitsvermittler war oder heute Drogenhändler sind, sie beeinflussen die Jugendlichen, ziehen sie in ihren Bann und nutzen sie aus. Noch fragt sich der junge Mann, warum er so leichtgläubig mitgegangen ist. Sich ohne Geld zu einer Bahnfahrt überreden lässt und damit in finanzielle Abhängigkeit gerät. Im Buch wird diese Auseinandersetzung auf vielen Seiten geschildert und nimmt einen Hauptteil ein. Fast denkt man beim Lesen, er wird nie in der Miene ankommen oder das Bergwerk ist nur ein Trick des Bauernfängers für größere Gemeinheiten. Auf den Weg sammelt der Werber, mit einer wunderbaren Leichtigkeit, zwei weitere entlaufene Jugendliche ein. Es sind Kinder, die aus einem bäuerlichen Milieu stammen und nicht dem Intellekt des Ich-Erzählers entsprechen. Warum sie auf der Straße herumlümmeln, erfahren wir nicht. Er, als verwöhnter Städter, kann sich mit ihnen nicht verständigen, da sie Dialekt sprechen und beschreibt sie als Tiere. Bewusst lässt der Autor diese Meinung dem Ich-Erzähler vortragen und distanziert sich gleichzeitig von dessen Äußerung. Natsume Sōseki vermied es bewusst, persönliche Kritik an der Gesellschaft zu üben.

Im Bergwerk angekommen, bemerkt der Ich-Erzähler seinen Irrtum. Er sieht heruntergekommene Arbeiter und keinen Glanz. Seine Scham über diesen Irrtum macht ihn trotzig. Mit aller Macht will er nun Bergmann werden. Lebendig begraben zu sein, scheint ihn ein idealer Ausweg aus seiner Situation. Dieses Leben zu beginnen, ist wie Sterben, ohne dass er den Weg des Selbstmordes wählen muss.

Selbstmord und Gesichtsverlust ist ein häufig gewähltes Thema in der japanischen Literatur. Sein Gesicht zu verlieren gilt als große Schande.

Wie Drogenabhängige kommen die Arbeiter nicht mehr von der Arbeit los, verschulden sich für Essen und Unterkunft. Der Ich-Erzähler schildert uns, anlässlich seines einmaligen Besuches in der Mine, die katastrophalen Arbeitsbedingungen, ohne großartige Wertung. Mit den Arbeitern solidarisiert er sich nicht. Erklärbar ist dies mit der niederen Klassenzugehörigkeit und entspricht der damaligen hierarchischen Klassengesellschaft in Japan. In einer Kantine lebt ein Team von Bergarbeitern zusammen. Wie Leibeigene schlafen sie hier und essen, dafür müssen sie mit ihrem Lohn aus der Miene zahlen. Immer tiefer verschulden sie sich bei dem Besitzer der jeweiligen Kantine. Nach dem der junge Mann für den Dienst in der Mine auf Grund einer Bronchitis untauglich geschrieben wird, ist er eine Zeit lang die rechte Hand eines Kantinenbesitzers und arbeitet als Buchhalter. Ihm fehlt es weiterhin an Mitgefühl für die Menschen im Berg. Unbelehrbar und mit der Hochnäsigkeit, wie vor seinem Abenteuer, tritt der junge Mann nach fünf Monaten den Heimweg zu seiner Familie an.

Der Autor verleiht seinen Helden keine Einsicht. Er lässt ihm während seines Aufenthaltes, das Schicksal des gebildeten Yasu kennenlernen, der weil er einen Menschen ermordet hat, in das Bergwerk geraten ist. Doch über die einfachen Menschen macht er sich keine Gedanken, äußert sogar Zustimmung, dass sie solche minderen Arbeiten übernehmen müssen. Haruki Murakami bestärkt dies mit dem Zitat „Die fremde Welt bleibt ihm fremd.“.

Im Vorwort von Haruki Murakami erhalten wir Zusatzinformationen über den Roman und die Kupfermine. In die deutsche Sprache übertragen wurde dies von der Japan-Expertin und langjährigen Murakami-Übersetzerin Ursula Gräfe. Ich habe das Vorwort erst nach dem Buch gelesen, um mir nicht durch Vorurteilen und Wertungen das Leservergnügen zu trüben. Demnach wird über die existierende Ashio Mine berichtet. Der Rohstoff Kupfer wurde in Japan zur Herstellung von Münzen und Waffen verwendet. Tatsächlich kam es auch zu einem Arbeiteraufstand aufgrund der im Buch geschilderten Arbeitsumstände, aber nicht auf Grund des Buches. Der Autor war selbst nie in der Kupfermine gewesen. Die Arbeits- und Lebenswelt ließ er sich von Arai, einem jungen Bergmann schildern, der eine kurze Zeit in der Mine gearbeitet hatte. Ob er dem Schicksal des jungen Tokioer entspricht bleibt offen, doch es könnte das Schicksal von Arai sein, denn das Buch endet mit folgendem Wortlaut:

Das waren meine ganzen Erfahrungen als Bergmann. Und alles entspricht der Wahrheit. Das kann man schon daran erkennen, dass das hier kein Roman geworden ist.“

 

http://www.dumont-buchverlag.de/fileadmin/_processed_/csm_SOSEKI_NATSUME_G_1bae16dad7.jpgNatsume Sōseki (1867–1916) gehört zu den wichtigsten Vertretern der klassischen Moderne Japans. Nach dem Studium der englischen Literatur lebte er von 1900 bis 1903 in London, später arbeitete er als Professor für Englisch an der Universität von Tokio. Nach literaturtheoretischen Schriften und Lyrik veröffentlicht er ab 1906 zahlreiche Romane, die im Geist des Fin de Siècle, oft melancholisch gestimmt, die Auseinandersetzung zwischen westlichen und traditionellen Werten reflektieren.

Quelle: DuMont

 

Weitere Infos:   www.dumont-buchverlag.de/buch/tb-soseki-der-bergmann-9783832164461/,   www.dumont-buchverlag.de/autor/natsume-soseki/

Bildquelle:   Odette Nathke,  http://www.dumont-buchverlag.de/fileadmin/_processed_/csm_SOSEKI_NATSUME_G_1bae16dad7.jpg

 

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