Michel Houellebecq – Unterwerfung

Michel Houellebecq - Unterwerfung

Michel Houellebecq

 

Unterwerfung“

DUMONT Buchverlag, 272 Seiten, erschienen 16.01.2015, HC 22,99 EUR

 

Ende letzten Jahres erfuhr ich von dem Erscheinen eines neuen Houellebecq Romans. Nach meiner Begeisterung für „Karte und Gebiet“ war ich auf das neue Werk des zynischen und kontrovers diskutierten Autors sehr gespannt.

Aber das „Unterwerfung“ im Januar 2015 solch eine Brisanz erfährt, hat mich schockiert. Das erste Drittel des Buches habe ich regelrecht verschlungen, da diese Fiktion die aktuell politische Situation in Europa so real wiederspiegelt. Selten habe ich solch einen packenden Roman gelesen. 

Vor dem Hintergrund der Attentate am 07. Januar in Paris (dem Erscheinungstag des Buches und Anschlag auf die Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“, welche Houellebecq auf die Titelseite brachte) war ich wie gebannt und stellte mir die Frage, ob auch die nächsten Seiten Realität werden könnten.

 

Protagonist und Alter Ego Houellebecqs ist François. Ein labiler, selbstverliebter Literaturwissenschaftler an der Pariser Universität Sorbonne mit Bindungsschwierigkeiten und jährlich zum Semesterende wechselnden Liebschaften. Seine Leidenschaft zum Dichter Joris-Karl Huysmans (19. Jahrhundert und katholisch konvertiert) begleitet den Leser im gesamten Roman, wobei Houellebecq immer wieder Parallelen zu den gesellschaftlichen Entwicklungen seiner Zeit zieht.

Der Roman spielt im Jahr 2022. In Frankreich stehen die Präsidentschaftswahlen an und um einen Sieg des rechtsextremen Front National zu verhindern, unterstützen Sozialisten und Konservative den gemäßigten muslimischen Kandidaten. Und es kam wie es bei Houellebecq kommen musste, die Muslimische Bruderschaft gewinnt mit knapper Mehrheit die Wahl. Mit der Bekanntgabe des Wahlergebnisses beginnen die ersten Unruhen über die in der Presse aber nicht berichtet wird. François flüchtet aus Paris und wird an einer Tankstelle selbst Zeuge von Mord und Plünderung.

Die Muslimische Bruderschaft setzt auf die Verbreitung der Religion und deren Werte, ihre Interesssen liegen in der gezielten Veränderung der Demografie und der Bildung. Ziele sind eine schnelle Erhöhung der Geburtenrate, der Rückzug der Frauen aus dem öffentlichen Leben und der Arbeitswelt und die Rückbesinnung auf Handel und Handwerk. Die Bildung wird auf ein Minimum reduziert. Ein Schulbesuch wird nur noch bis zur sechsten Klasse ermöglicht, weitere Bildung an Universitäten muss nun selbst finanziert werden. Diese sind natürlich in den Händen der Muslime und werden mit viel Geld in Elite-Unis verwandelt.

 

François letzte Freundin Myriam, eine 22-jährige jüdische Studentin, flieht mit ihrer Familie nach Israel. Dort kann sie die gewohnten Rechte einer modernen Frau auf Bildung und Selbstbestimmung weiter wahrnehmen. In Frankreich aufgewachsen und keinen Bezug zu Israel, geht sie diesen Schritt obwohl ihr der Abschied sehr schwer fällt. Eine Zukunft in Frankreich sieht sie nicht mehr.

Die Universität, an der François tätig ist, wird von der Muslimischen Brüderschaft übernommen. Von Saudi-Arabien mit unbegrenzten Geldmitteln ausgestattet, lehrt die Sorbonne ab sofort den Islam. Als Gegenleistung für seine Kündigung wird ihm eine lebenslange Pension oder die Konvertierung zum Islam, mit einer Besoldung in dreifacher Höhe in Aussicht gestellt. Ob sich François dieser Verlockung entziehen kann, möchte ich an dieser Stelle offen lassen.

 

Das Buch endet mit dem Satz: “Ich hätte nichts zu bereuen.“

 

Das Erscheinen des Romans wurde im Vorfeld mit Skandalen um eine apokalyptische Angstvision begleitet, wobei sich die Geschichte erstaunlich ruhig und im weiteren Verlauf ohne Gewalt bzw. Attentate einer möglichen Islamisierung Frankreichs widmet. Houellebecqs Fantasien, seine Satire und Ironie machen nachdenklich und „Unterwerfung“ zu einem grandiosen Buch.

 

 

Michel Houellebecq wurde 1958 geboren. Er gehört zu den wichtigsten Autoren der Gegenwart, seine Bücher werden in über vierzig Ländern veröffentlicht. Zuletzt erschienen der mit dem renommiertesten französischen Literaturpreis, dem Prix Goncourt, ausgezeichnete Roman »Karte und Gebiet« (2011), der Gedichtband
»Gestalt des letzten Ufers« (2014) sowie sein Roman »Unterwerfung« (2015).

Quelle:    DUMONT Buchverlag

 

 

 

Weitere Infos:   www.dumont-buchverlag.de,   www.houellebecq.info/deutsch

Bildquellen:   Jacqueline Böttger – Michel Houellebecq – Unterwerfung  

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