Michel Houellebecq – Serotonin

Gastrezension von Odette

Flucht aus der Tristesse

 

Michel Houellebecq

Serotonin

Dumont Buchverlag, erschienen Januar 2019, 330 Seiten, HC 24,00 €

 

Wer Glückshormone benötigt, weil er in einer Wohnung mit Masterzimmer in der angesagten Stadt Paris, mit einer exotischen, asiatischen Freundin wohnt, kann nur eine tragische Figur von Michel Houellebecq sein.

In diesem Roman ist es Florent-Claude Labrouste. Der 46-jährige studierte Agrarökonom, ist ein Mitglied der gehobenen französischen Mittelschicht. Er führt ein träges und langweiliges Leben. Dadurch kommt er dem Leser deutlich älter vor, als er ist. Ohne Freunde, mit einer japanischen Freundin, der er nicht gewachsen ist und die ihm, nach dem er bei der ersten erotischen Party ohne Teilnahme gegangen ist, betrügt. Das Einzige, was er besitzt, sind die geerbten Immobilien und das Geld seiner Eltern, die im Gegensatz zu ihm, ein erfülltes Leben geführt haben.

In der Presse liest er, dass jährlich 12.000 Franzosen verschwinden und ungestört ein neues Leben führen. Der Konfrontation mit seinem Leben aus dem Weg gehend, beschließt er, dass das auch ein Weg für ihn wäre. Nur mit seinem Laptop, auf dem sein Leben gespeichert ist, verlässt es seine Wohnung und zieht in das letzte noch verbliebende Raucherhotel der Stadt. Die verbleibende Zeit, er hat gekündigt, verbringt er mit dem Besuch der ehemaligen Gefährtinnen seines Lebens.

Um dieses Vorhaben umzusetzen, benötigt der Aussteiger ein Glückshormon, das den antriebslosen Florent-Claude zum Aufstehen zwingt. Daher der Titel des Buches Serotonin. Die Tablette Captorix fördert die Freisetzung von Serotonin, dem Glückshormon. Die damit verbundenen Nebenwirkungen sind Impotenz und Libidoverlust. Nicht schlimm für Florent-Claude, hat er bereits mit diesen Themen abgeschlossen. Eine weitere Nebenwirkung ist Übergewicht. Das Sprichwort: „Essen ist der Sex des Alters“ passt somit perfekt.

Zu seinen Gefährten aus der Vergangenheit gehört sein Studienfreund Aymeric. Aymeric d’ Harcourt-Olonde stammt aus einer uralten normannischen Adelsfamilie, welche tausende Hektar Weideland, ca. 300 Milchkühe besitzt und trotz biologischer Landwirtschaft ein Opfer der europäischen Agrarbürokratie geworden ist. Hier lässt Michel Houellebecq einfließen, dass auch er Agrarwirtschaft studiert hat. Tradition zählt in der heutigen Gegenwart nicht mehr, ist sein Resümee. Nur schwer kann Aymeric das Familienschloss über Wasser halten. Die Viehzucht funktioniert, bringt aber durch die EU-Normen keinen Ertrag mehr ein. Französische Waren sind auf dem Weltmarkt nicht mehr konkurrenzfähig. Seine Frau hat ihn für einen asiatischen Klavierspieler im Stich gelassen, seine Kinder und Erben der Familientradition mitgenommen. In diesem Kapitel spiegelt sich Houellebecqs Meinung zur EU wider. Der Autor ist für den Austritt aus der EU und der NATO und wünscht sich die volle Souveränität Frankreichs zurück. Houellebecq bewundert den Mut für den Brexit, denn er ist ein Nationalist.

Das Buch hat unbewusst einen prophetischen Hintergrund. Kam es nach dem Erscheinen des Buches Unterwerfung zu dem Attentat auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“, nimmt er hier die Gelbwesten-Bewegung mit Beteiligung der französischen Landwirte voraus.

Was ich nicht gern las, sind seine sexistischen und pornografischen Textstellen, wie die Seiten über den deutschen Vogelkundler, welcher auf dem Land Kinder missbraucht. Es ist nicht nur grausam geschrieben, sondern trägt auch sarkastische Züge. Im nächsten Kapitel erschreckt er den Leser, als der frustrierte Florent-Claude mit einem Präzisionsgewehr das unschuldige Kind einer ehemaligen Geliebten umbringen will und ist erleichtert, dass er sein Vorhaben aufgibt. Sie war die Liebe seines Lebens, die er mit sinnlosem Fremdgehen verlor.

Der Roman Serotonin ist sprachlich gut zu lesen. Die Geschichte wird sehr bildlich erzählt. Als Einzelgänger der heutigen Gesellschaft wandelt Florent-Claude ziellos durch das Leben. Besitz und Wohlstand sind nur eine Droge und können das wahre Leben nicht ersetzen. Die Emanzipation hat das Leben seiner Generation zerstört, bei seinen Eltern hat die Gesellschaft noch funktioniert.

Am Ende des Buches heißt es:

Wir sind den Illusionen von individueller Freiheit, von einem offenen Leben, von unbegrenzten Möglichkeiten erlegen“.

 

© Philippe Matsas / Flammarion

© Philippe Matsas / Flammarion

Michel Houellebecq wurde 1958 geboren. Er gehört zu den wichtigsten Autoren der Gegenwart. Für seine Bücher, die in über vierzig Ländern veröffentlicht werden, wurde er mit den wichtigsten Preisen ausgezeichnet, u. a. dem Prix Goncourt. 2015 erschien sein Roman ›Unterwerfung‹, der wochenlang auf der Bestsellerliste stand und ein großes Medienecho hervorrief.

Quelle: Dumont

 

Weitere Infos:  http://www.dumont-buchverlag.de/autor/michel-houellebecq/,   http://www.dumont-buchverlag.de/buch/houellebecq-serotonin-9783832183882/

Bildquelle: Odette Nathke,   http://www.dumont-buchverlag.de/media/5/thumbnails/HOUELLEBECQ%20Michel%206-17_sw_klein.jpg.22842.jpg

 

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.