Lisa Wingate – Libellenschwestern

Libellenschwestern.jpgGastrezension von Odette

Erzwungenes Kinderglück

 

Lisa Wingate

Libellenschwestern

Limes Verlag (Random House), erschienen März 2018, 480 Seiten, HC 22,00 €

 

Zwangsadoptionen waren in der DDR eine Maßnahme, um politischen Gegnern zu Schaden. Ihnen wurden die Kinder weggenommen und in politisch korrekten Familien großgezogen. In Buenos Aires demonstrieren jeden Donnerstag Mütter und Großmütter. Sie suchen ihre Kinder und Enkel, die Ihnen ebenfalls aus politischen Gründen entzogen worden.

Im Roman Libellenschwestern geht es nicht um politische Adoptionen. Der Inhalt des Buches dreht sich um Entführungen von Kindern aus Geldgier. Diese unglaublichen Fälle fanden ab den 1920er Jahren in Amerika statt. Betrogen wurden nicht nur die entführten Kinder und deren Eltern, sondern auch die neuen Familien. Perfider Weise suchte man sich als Adoptiveltern reiche, kinderlose Familien aus. In ihrer Not und Trauer, keine leiblichen Kinder zu bekommen, zahlten sie hohe Beträge, um wie sie dachten, bedürftigen Kindern eine neue Heimat geben zu können.

Das Buch basiert auf historischen Tatsachen. Mit Hilfe von fiktiven Personen wird daraus ein sehr schmerzlicher Roman, in dem bis auf die Täter, ausnahmslos auch die Adoptiveltern Opfer sind. Viele der adoptierten Kinder kennen ihre Geschwister und ihre eigene Vergangenheit nicht. Lisa Wingate wählt unter den entführten Kindern der fiktiven Familie Foss ein älteres Kind als Erzählerin dieses Romans aus. Die ältere Schwester Rill Foss, hat die Geburt aller Geschwister miterlebt. Ihr geschwisterliches Band ist so stark, dass sie die Kinder der Familie zusammenhalten will. Nach der Trennung übernimmt sie gegenüber ihren Eltern die Verantwortung. Bis zu ihrem Lebensende wird sie ihre Geschwister suchen.

Libellenschwestern wechselt in den Kapiteln zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Immer mehr Fakten fügen sich zusammen. Der Roman beginnt 1939 in Memphis, Tennessee. Die 12-jährige Rill Foss lebt mit ihren vier Geschwistern und den Eltern, wie Huckleberry Finn auf dem Shanty Boat „Arcadia“ in den Seitenarmen des Mississippis. Als ihre Mutter zur Geburt von Zwillingen ins Krankenhaus muss, werden sie von Mitgliedern der Zweigestelle der Children’s Home Society in Memphis entführt. Rill hat eine Vorahnung, denn wie die anderen Hausbootbewohner vermeiden sie den Kontakt zur Stadt.

Jahre später: Avery Stafford, erfolgreiche Staatsanwältin, Tochter von Senator Wills Stafford, trägt stolz das Libellenarmband ihrer Großmutter Judy. Drei Libellen sind zu einem Armband verknüpft. Es ist ein Familienerbstück. Averys Großmutter ist dement und kann sich an ihre Vergangenheit nicht mehr erinnern. Während eines Besuches in einem Altersheim wird Avery das Armband von der 90-jährigen Bewohnerin May Crandall gestohlen. Woher kennt sie das Armband und was hat sie mit der Familie zu tun?

Die Autorin Lisa Wingate ist Journalistin und Autorin. Sie liebt es, über Menschen zu recherchieren und ihr Leben zu erzählen. Aufmerksam auf die Geschichte über die grausamen Praktiken von Georgia Tann wurde sie durch eine Fernsehdokumentation. Das diese schrecklichen Taten in der Zeit von 1920 bis 1950 möglich waren, war für die Autorin unfassbar. Erst 1996 war es den Eltern und Geschwistern erlaubt, in Adoptionsunterlagen Einblick zu erhalten. Aufgerüttelt durch eine TV- Sendung recherchiert sie weiter. Zweifellos hat die Gesellschaft Childrens Home Society viele Kinder vor Armut bewahrt und ihnen ein Leben in einer reichen Familie gewährleistet, doch ohne ihre leiblichen Eltern. Georgia Tann nahm Armut zum Anlass, um den Profit zu steigern. Bevorzugt wurden von ihren Spähern blonde Kinder ausgesucht. Die hauptsächlich armen Familien hatten nicht die finanziellen Mittel, um nach ihren vermissten Kindern zu suchen. Sie akzeptierten den Verlust. Um ihre Taten zu legalisieren, änderte sie das damals bestehende Adoptionsrecht.

Sie wünschen sich sehnlichst ein Kind? Wir helfen Ihnen gern!“ – „Sie träumen von einem Weihnachtsgeschenk aus Fleisch und Blut.“ und schon wurden Kinder auf Bestellung auf dem Schulweg, im Garten, auf Spielplätzen weggefangen.

Für die Öffentlichkeit war sie die Mutter der Adoption. Ihr Netzwerk wurde jahrelang nicht aufgedeckt, auch äußerten sich keine Mitarbeiter über die Taten von Georgia Tann. Erst bei Ermittlungen wegen der exorbitanten Säuglingssterblichkeit in Kinderheimen wurde man auf die Missstände aufmerksam. Doch es kam zu keinen öffentlichen Enthüllungen und offiziellen Untersuchungen. Tann wurde nie strafrechtlich verfolgt und starb wenige Tag nach den Enthüllungen an Krebs. Die Kinderheime wurden geschlossen. Die Ermittlungen privater Detektive wurden bewusst von den reichen, prominenten und einflussreichen Adoptiveltern verhindert. Schätzungsweise 5.000 Kinder und Babys verkaufte man in dieser Zeit wie eine Ware. Eine unbekannte Anzahl überlebte die Adoption nicht. Diese Tatsache lässt die Autorin auch in ihren Roman einfließen.

Der Roman ist eine Familiensaga, die in einer sehr einfühlsamen Sprache geschrieben ist. Der Schreibstil wird durch lange Sätze und wechselnde Handlungen bestimmt. Die Inhalte sind gut recherchiert. Die Handlung ist nachvollziehbar, und der Leser spürt die Schmerzen und Verzweiflung der handelnden Personen.

 

Lisa Wingate ist Journalistin und Autorin mehrerer preisgekrönter Romane. Was ihr am Schreiben am meisten gefällt ist, dass sie dadurch Menschen näher kennenlernt, reale genauso wie fiktive. Sie lebt in den Ouachita Mountains in Arkansas, USA.

Quelle: Random House

 

Weitere Infos:   www.randomhouse.de/Buch/Libellenschwestern/Lisa-Wingate/Limes/e532055.rhd,   www.randomhouse.de/Buch/Libellenschwestern/Lisa-Wingate/Limes/e532055.rhd#vita

Bildquelle:   Odette Nathke

 

 

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