Leander Steinkopf – Stadt der Feen und Wünsche

Leander Steinkopf - Stadt der Feen und WünscheEine lesenswerte Milieustudie

 

Leander Steinkopf

Stadt der Feen und Wünsche

Hanser Berlin, erschienen Januar 2018, 112 Seiten, HC 16,00 €

 

Dieses kleine Büchlein las ich auf meiner täglichen Fahrt mit der U-Bahn, die mich durch die Facetten von Berlin führt. Somit war ich mittendrin im Geschehen und konnte das Gelesene just in diesem Moment in der Gegenwart beobachten. Mit Stadt der Feen und Wünsche ist Leander Steinkopf eine lesenswerte Milieustudie gelungen. Er hält Berlin den Spiegel vor.

Als aufmerksamer Beobachter bringt er den Berliner Alltag ungeschönt auf den Punkt. Die nachfolgenden Zitate geben euch einen Eindruck seiner treffenden Schreibweise. 

Ich betrachte den Bürgersteig mit Neid, auf dem ich nun nach Hause gehe. Für jeden Stein gibt es dort einen Ort und ein Gefüge, passende Partner, Nähe und Halt.“ Seite 22

 

Alle kommen mit so großen Erwartungen hierher, dass der Gedanke undenkbar wird, dass hier bloß Mittelmaß zu finden ist. Und alle Enttäuschten fühlen sich allein mit ihren Gefühlen, sie wagen sie nicht auszusprechen, sie wollen nicht klein sein in dieser großen Stadt.“ Seite 94

Sein Protagonist ist ein stiller Beobachter, eher pessimistischer Art, ohne Antrieb etwas selbst in die Hand zu nehmen. Er wartet auf das große Glück! Lässt sich durch Berlin treiben und mustert es mit wachen Augen. Wir begleiten ihn durch die Stadt. Alle Wege scheinen offen, doch sind sie nicht ohne Entbehrungen zu beschreiten. Unzählige Hürden sind zu überwinden. Schon Freunde zu finden, ist hier fast unmöglich, wie der Protagonist selbst erfahren muss und mir in Gesprächen von Zuzügler immer wieder bestätigt wird.

Realistisch und unverblümt nimmt er Berlin seinen „Charme“, den Außenstehende so gerne sehen. Er trifft auf Anonymität und Freiheit, aber auch Gleichgültigkeit – Glück sieht anders aus. Der Traum vom Glück wird schnell von der alltäglichen Realität eingeholt. Einsamkeit, Armut, Angst und Gewalt. Obdachlosigkeit prägt ebenso das Stadtbild. Leander Steinkopf schildert seine Erlebnisse und Beobachtungen schnörkellos, ohne zu beschönigen und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Dennoch strahlt Berlin, eine für Berliner schwer nachvollziehbare Faszination aus. Das hippe Berlin hat seine Schattenseiten und wird schnell zum Alltag. Berlin ist ein Molloch, ein Auffangbecken vieler gestrandeter Existenzen, die hier ihr Glück suchen. Doch die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Berlin hat natürlich auch seine schönen, ruhigen und lebenswerten Seiten, die ich als geborene Berlinerin nicht missen möchte.

Stadt der Feen und Wünsche ist ein Lehrstück für alle, die hoffen in Berlin ihr Glück zu finden. Ich sehe es als eine Pflichtlektüre, die erdet. Sie dämpft ein wenig die Euphorie der Erwartungen und erspart die große Enttäuschung, die Berlin manchmal sein kann.

 

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© Peter-Andreas Hassiepen

Leander Steinkopf, 1985 geboren, studierte in Mannheim, Berlin und Sarajevo, promovierte schließlich über den Placeboeffekt. Er arbeitet als freier Journalist für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ und die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“, veröffentlicht literarische Essays im „Merkur“ und schreibt Komödien für das Theater. Er lebt in München.

Quelle: Hanser

 

Weitere Infos:   www.hanser-literaturverlage.de/buch/stadt-der-feen-und-wuensche/978-3-446-25860-0/,   www.hanser-literaturverlage.de/autor/leander-steinkopf/

Bildquellen:   Jacqueline Böttger,   https://www.hanser-literaturverlage.de/files/autorenfotos/Steinkopf1.jpg

 

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