Kuhn/Materna – Keine Angst vorm Fliegen

Keine Angst vorm Fliegen_1.jpgGastrezension von Odette

Zwei Schmetterlinge umrunden die Welt

 

Ellen Kuhn/Joachim Materna

Keine Angst vorm Fliegen

tredition, erschienen Oktober 2015, 488 Seiten, HC 24,99 €

 

Wer möchte nicht am liebsten die Flinte ins Korn werfen und einfach mit seinem Partner abhauen, um das Leben ohne die verdammten Verpflichtungen zu genießen. Ellen 27 Jahre, Managerin und Fitnesstrainerin, und ihr Lebensgefährte Achim 59 Jahre, vom Beruf Arzt, haben es getan. Ungefähr 1.553 Tage nachdem sie sich in einem von Ellen geleiteten Fitnesskurs beim Spinning kennengelernt haben, beginnt ihre außergewöhnliche Liebesbeziehung. Dieses „außergewöhnlich“ bezieht sich nicht auf ihren Altersunterschied, sondern auf die Harmonie. Es fiel mir beim Lesen nicht schwer, ihnen diese Weltreise zu gönnen. Ebenfalls ist es glaubhaft, dass sie das Buch, parallel geschrieben haben, so wie sie sich abends gemeinsam im Bett Bücher vorlesen. Nach den 488 Seiten sind Ellen und Achim mir ans Herz gewachsen. Vor meinen Augen sehe ich, wie sie unter Palmen auf der Terrasse dieses Buch schreiben und uns Mut und Sonnenstrahlen in die Welt schicken.

Das Buch Keine Angst vorm Fliegen ist in sieben Kapitel gegliedert und beginnt mit einer Widmung „Für Dich”, damit ist der jeweilig andere Partner gemeint.

 

Eine kleine Weltreise von Asien

Teil Eins führt uns in ein Kloster in Nepal. Statt mit Buddhistischen Mantras beginnt es dramatisch. Die so akribisch geplante Weltreise hätte schneller als gedacht zu Ende gehen können, denn Achim wird mit der Diagnose Nierensteine ins Krankenhaus von Katmandu eingeliefert. Beide haben Glück im Unglück. Beim Transport vom Kloster ins Krankenhaus, rutschen die Nierensteine wahrscheinlich in die Blase. Eine Operation, welche den Abbruch der Reise bedeutet hätte, wird nicht notwendig. Nachdem der erste Stress der Besinnungsreise vorübergegangen ist, wird es entspannender und man erhält Einblicke in das Klosterleben und die soziale Struktur Nepals.

Nach einer durchfrorenen Trekkingtour von Jomsom nach Muktinath im Himalaya geht es im Teil Zwei der Reise – zum Aufwärmen nach Bali. Wie Ameisen haben sich beide in ihrem Leben vor der Weltreise gefühlt. Ameise Ellen wurde zur Arbeit in die Ameisenstadt getrieben und benötigte für den Weg dorthin über zwei Stunden. Ameise Achim im weißen Kittel, lies sich von seinem Perfektionismus und Ehrgeiz treiben. Diese Lebenssituationen, ab dem Zeitpunkt ihres Kennenlernens, werden zwischen den Buchkapiteln in Form ihrer persönlichen, zum Teil sehr witzigen E-Mail, SMS und Facebook-Kommunikation beschrieben.

Dem zweiten Kapitel vorangestellt sind jeweils Textausschnitte aus dem Buch: „Bali. Insel der Götter“ von Prof. Albert Leemann. Bali fasziniert beide von Anfang an. Ist das ein Land, in dem sie später leben möchten? Wir werden es erfahren. Doch zunächst erfahren wir in diesem Abschnitt viel über die Gesellschaftsstruktur des Landes. Deutlich kristallisiert sich die Art des Buches heraus. Es ist ein Reiseführer und ein Buch der Landeskunde zugleich. Interessant für uns als Leser ist, wie die Balinesen sich und ihre Kinder, nach dem Rang der Kaste benennen. An den Kindernamen kann man die Reihenfolge unter den Geschwistern ermitteln. Das ganze Spektrum des Balinesischen Lebens, wie Geburt, Heirat und Tod wird vorgestellt und dies so bildlich, dass man wirklich Bilder vermisst. Ein kleines Manko des Buches Keine Angst vorm Fliegen. Wenigstens im Innenteil, wäre es schön gewesen, einige ihrer Fotos aus den einzelnen Ländern veröffentlicht zu sehen.

 

Weiter nach Australien

Von der gechillten Idylle in Bali reisen sie ins pralle Leben nach Sydney und damit fast wieder in den Alltag der Heimat. Anstehen vor der Opernkasse, gestresste Businessmenschen lassen sie über ihren Ameisenalbtraum philosophieren. Natürlich besticht Australien mit herrlicher Natur, die es zu erwandern gilt. Sie erleben traumhafte Strände, die sie sich auf Pfaden mit giftigen Tieren erkämpfen. Wohnen bei freundlichen Gastgebern, wie im Gästehaus in Townsville und erfahren viel über die Geschichte dieser Auswanderer.

Ellen hatte vor anderthalb Jahren ein Burnout und auch Achim war in der Tretmühle gefangen. Immer mehr Patienten und Vorträge. Wie bekannt kommt mir dies beim Lesen vor. Selbst die Gründe, wie Gewöhnung an das verdiente Geld und Geltungsbewusstsein, durch die erfolgreiche Arbeit, sind uns allen gut bekannt. Uns alle treiben der Perfektionismus und das deutsche Absicherungsdenken. Umso genialer, die Begegnung im Kapitel sechs auf Viti Levu auf den Fidschi Inseln. In ihrem Hotel führen sie ein Gespräch mit Manoa, der Tochter des Restaurantbesitzers. Sie argumentiert zwar wie ein Faultier, aber hat vielleicht Recht. Warum soll sie in die Tretmühle einsteigen, gute Schulausbildung, Studium, anspruchsvoller Job, Karriere, um dann ein Burnout wie die Gäste ihres Vaters zu bekommen. Da bleibt sie lieber entspannt, macht das Nötigste und genießt ihr Leben. Ja, wer im Paradies lebt, der kann leicht so sprechen.

 

Und schließlich auf nach Südamerika

Weitere Stationen der Weltreise sind Bolivien und Argentinien. Zum Ende ihrer Reise wird es philosophisch. Eine neue Facette des Buches, hin zum Beziehungsratgeber tritt an den Tag. Obwohl man den sportlichen und geistig regen Achim sein Alter in den Schilderungen des Buches nicht anmerkt, hat er beziehungstechnisch schon viel erlebt. Als er Ellen kennenlernte, war er noch in einer Beziehung. Seine Frau verstarb kurz nachdem er sich von ihr getrennt hatte. Seine erwachsenen Töchter sind älter als Ellen. Auch Ellen hatte vor Achim eine problematische Beziehung hinter sich. Beim Lesen bin ich erstaunt, wie perfekt die Beiden miteinander zurechtkommen. Ich bin bei solchen Schilderungen eher etwas skeptisch, doch auch wenn die Schilderungen teilweise sehr verkitscht sind, fand ich die Dialoge glaubhaft, was mich wiederum selbst erstaunte. Manchmal ist es eine zu perfekte Beziehung, zu schmalzig, um wahr zu sein.

Der Aufenthalt in Argentinien erinnert mich an unseren Urlaub, auch wir standen 21 Uhr kratzend vor den Eingangstüren der Restaurants. Argentinier essen sehr spät zu Abend und wir hatten bereits pünktlich 18 Uhr deutschen Hunger. Ellen und Achim wohnten im Stadtviertel Palermo, in dem auch wir übernachteten. Alte Erinnerungen an die Straßen und Häuser kamen beim Lesen auf. Sicherlich trifft das auf viele Leser beim Lesen des Buches zu, wenn sie sich auch in den beschriebenen Destinationen aufgehalten haben. Wieder ein Anreiz das Buch zu lesen. Da Argentinier für das Thema Machos und Männer stehen, wird ein Exkurs über die Männerwelt amüsant in die Seiten eingefügt. Nicht alle Gastgeber sind so entspannt wie Wiktor in Buenos Aires. Auf ihrer Reise begegnen sie immer wieder gestressten Geschäftsreisenden, Familien oder Gastgebern von Gästehäusern. Die letzte Etappe der Weltreiserouten führt über Bolivien zum Reiseziel Curacao. In Curacao dem letzter Abschnitt, betreten sie niederländisches Hoheitsgebiet und alles erinnert stark an die europäische Strenge und Lustlosigkeit.

 

Zum Schluss wird die „to-take-home“ Liste abgearbeitet und ein Resümee über die Reise gezogen. Lustig noch die drei größten Skurrilitäten der Menschheit: 1. Essen fotografieren, ja da erwischt man sich häufig selbst, 2. Schlange stehen, noch bevor der Check-in Schalter im Flughafen öffnet, 3. nach der Landung aufspringen, Gepäck krallen und Handy anschalten.

Am Tag 134 beenden sie ihre Weltreise und melden sich 638 Tage nach Tag null der Abreise per E-Mail. Wie geht es weiter? Ist Australien das zukünftige Land, in dem sie leben wollen und was verbirgt sich hinter der E-Mail von Olivia und Will?

Wer dies erfahren möchte, sollte Keine Angst vorm Fliegen jetzt unbedingt als Reiselektüre lesen.

 

Kuhn-MaternaEin Buch – zwei Autoren. Jedes Wort, jeder Satz, jedes Kapitel ist die Fusion der Gedanken und Formulierungen zweier Menschen unterschiedlichen Geschlechts. Ein Paar, das nicht nur das gemeinsame Leben teilt, sondern auch die Leidenschaft zur Literatur und zum Schreiben.
Ellen Kuhn studierte Betriebswirtschaft, bevor sie als CSR- und Eventmanagerin in einem international ausgerichteten Unternehmen tätig war. Dr. Joachim Materna studierte Medizin, bevor er als Facharzt für Innere Medizin nach einigen Klinik-Jahren eine eigene Praxis leitete.

Quelle: tredition

 

Weitere Infos:   https://tredition.de/autoren/ellen-kuhn-joachim-materna-15975/keine-angst-vorm-fliegen-hardcover-66902/,   https://tredition.de/autoren/ellen-kuhn-joachim-materna-15975/

Bildquelle: Jacqueline Böttger – Cover,   https://publish-books.tredition.de/tredition/ImageHandler.ashx?ImageId=240022

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