Kristine Bilkau – Die Glücklichen

Die Glücklichen - Kristine Bilkau.jpgWenn der Schein trügt

 

Kristine Bilkau

Die Glücklichen

Luchterhand Verlag, erschienen März 2015, 304 Seiten, HC 19,99 €

 

Kristine Bilkau hat mit Die Glücklichen einen Gegenwartsroman geschrieben, der sich der sogenannten Generation X widmet. Um die vierzig, wie man so sagt in den besten Jahren, hat diese Generation nach gelungenem Berufseinstieg ggf. -aufstieg eine Familie gegründet, lebt oft bürgerlich und hat sich einen festen Stand in der Gesellschaft geschaffen. Kurzum der deutsche Mittelstand. 

 

 

Alle sind glücklich, doch der Schein trügt

Aber wie fest ist dieser Stand, wenn plötzlich berufliche Veränderungen den gewohnten Lebensstandard bedrohen. Die Glücklichen sind hier Isabell und Georg, die in einer Großstadt leben, gern in Bio-Läden einkaufen und aufs Geld nicht achten müssen. Ihre schöne Altbauwohnung in bester Wohngegend wird gerade saniert, ist hinter Planen versteckt und mit der Beendigung der Sanierung, dem Abbau der Planen, kommt symptomatisch das ganze Unheil ans Licht.

Cellistin Isabell, Anfang dreißig, kehrt nach der Elternzeit mit dem gemeinsamen Sohn Matti, wieder in die Arbeitswelt zurück. Als Mitglied eines Orchesters sitzt sie nun jeden Abend im Orchestergraben des Musicaltheaters und wartet mit zitternden Händen auf ihren Einsatz. Dieses Handicap wird natürlich auch von ihren Orchesterkollegen, mit zeitlich befristeten Arbeitsverträgen und somit starkem Konkurrenzverhalten, bemerkt. Schließlich belastet Isabell diese Situation so stark, dass sie sich in eine Physiotherapie flüchtet und ihren Job verliert.

Ihr Mann Georg, um die vierzig, ist Journalist in der Printredaktion einer Tageszeitung, welche mit stetig schwindender Auflage, sinkenden Absatzzahlen und letztlich ihrer Existenz kämpft. Die Branche ist von Veränderung, Ungewissheit, Perspektivlosigkeit geprägt, was unweigerlich zur Insolvenz des Verlages führt und für Georg den Weg in die Arbeitslosigkeit bedeutet. Als Leser müssen wir nun miterleben als auch mitfühlen wie diese Situation die Beziehung enorm belastet und auf eine harte Probe stellt.

 

 

Mit allen Mitteln die Fassade aufrecht erhalten

Isabell und Georg haben nun keinen normalen Alltag eines Berufstätigen mehr, ihr Alltag außerhalb ihrer Wohnung reduziert sich auf Arztermine und erfolglose Bewerbunsggespräche. Die Angst vor dem sozialen Abstieg, dem Versagen lässt bei beiden eine unsägliche Stille, Schweigen und Anspannung entstehen. Es liegen viele unausgesprochene Vorwürfe in der Luft – die Beziehung droht zu zerbrechen.

Als dann auch noch Georgs Mutter Erika stirbt, die nach dem Tod ihres Mannes weiterhin im ehemaligen Ladengeschäft der alten Radio- & TV-Werkstatt lebte, steigt Georgs Melancholie ins Unermessliche. Er sieht Parallelen zum Leben seines Vaters, der damals die Zeichen der Zeit nicht erkennen wollte, immer weiter in sein Geschäft investierte und letztlich doch in der Insolvenz endete. Georg fühlt sich wie ein ewig Gestriger, der die Digitalisierung des Journalismus sowie den Wettbewerb zwischen Online und Print lange verdrängte und auf „Heilung“ hoffte. Und genau in dieser scheinbar aussichtslosen Situation, erwacht Isabell aus ihrer Lethargie und nimmt endlich wieder das Ruder in die Hand…

 

 

Kristine Bilkau ist mit ihrem Roman eine sehr einfühlsame Charakterisierung der deutschen Mittelstandsfamilien gelungen. Diese Generation ist heute mehr denn je von tiefer Verunsicherung als auch Versagensängsten geprägt und fühlt sich durch den Verlust ihrer Sicherheit von der Gesellschaft ausgegrenzt.

http://www.ndr.de/kultur/buch/kristinebilkau104_v-contentgross.jpgKristine Bilkau, 1974 geboren, war 2008 Finalistin des Literaturwettbewerbs Open Mike in Berlin und 2009 Stipendiatin der Autorenwerkstatt des Literarischen Colloquiums Berlin. 2010 erhielt sie das Stipendium des Künstlerdorfes Schöppingen und 2013 nahm sie an der Bayerischen Akademie des Schreibens des Literaturhauses München teil. Sie arbeitet als Journalistin für Frauen- und Wirtschaftsmagazine und lebt mit ihrer Familie in Hamburg. „Die Glücklichen“ ist ihr erster Roman.

Quelle:   Random House

 

Die aufgegriffene Thematik über eine Generation, die plötzlich ein zweites Mal nach Ausbildung oder Studium, an einer Weggabelung steht und weitreichende Entscheidungen treffen muss, ist heute leider kein Einzelfall mehr. Diese Situation kann jeden treffen und wird zunehmend aufgrund der technischen Veränderungen und der Globalisierung der Arbeitswelt, Teil unserer Gesellschaft – also Alltag werden. Wir stehen heute nicht mehr nur vor der Entscheidung uns verändern zu wollen, um eine neue Herausforderung im Job zu finden, sondern uns verändern zu müssen. Wir müssen Signale rechtzeitig erkennen, den Mut zur Veränderung haben, solange noch alles läuft, aber das ist leichter gesagt als getan. Kristine Bilkau lässt das Ende ihres Roman bewusst offen. Auch sie hat kein Geheimrezept für den „richtigen“ Lebensweg parat, der zunehmend dem Lebenszyklus eines Produktes, dass irgendwann abgelaufen ist, ähnelt.

 

 

Weitere Infos:   www.randomhouse.de/Buch/Die-Gluecklichen-Roman/Kristine-Bilkau,   www.randomhouse.de/luchterhand

Bildquellen:   Jacqueline Böttger – Die Glücklichen – Kristine Bilkau.jpg,   http://www.ndr.de/kultur/buch/kristinebilkau104_v-contentgross.jpg

2 thoughts on “Kristine Bilkau – Die Glücklichen

  1. Hallo Marc,

    lieben Dank für deinen Tipp, da schaue ich gerne mal vorbei. Ich finde es auch sehr spannend wie dieser Roman so vielfältig besprochen wird und vor allem wie mich diese Geschichte, als nur ein Synonym der vielen Veränderungen in unserer Gesellschaft, doch beschäftigt.

    Lieben Gruß
    Jacqueline

  2. Hallo Jacqueline,
    und eine weitere Besprechung, die das Buch gut findet. Es wird langsam unheimlich, wie gut das Buch in der Bloggosphäre besprochen wird.
    Wenn du Interesse hast, kannst du mal bei der Seite Let’s talk about books vorbei schauen, da wird gerade ganz beherzt über „Die Glücklichen“ diskutiert.
    Gruß
    Marc

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