Juli Zeh – Neujahr

Juli Zeh - NeujahrRückblickender Neubeginn

 

Juli Zeh

Neujahr

Luchterhand Literaturverlag, erschienen September 2018, 192 Seiten, HC 20,00 €

 

Nach Leere Herzen ist Juli Zeh mit Neujahr wieder ein lesenswerter Roman gelungen. Dabei soll nicht unerwähnt bleiben, dass Zeh schon fast im Akkord Romane schreibt. Die Dystopie Leere Herzen erschien im Herbst 2017. Sie sollte ein provozierendes Zukunftsszenario werden, kam jedoch viel zu zahm daher und ließ die versprochene Dramatik vermissen. Ein Jahr zuvor feierte Juli Zeh mit Unterleuten ihren bislang größten Erfolg. Hier zeichnete sie in einem unberührten Dorf in Brandenburg ein realistisches Bild unserer Zeit. Doch die trügerische Idylle im Märkischen Sand trügt und taugt wunderbar als Drehbuchvorlage. Für das Frühjahr 2019 ist die Ausstrahlung der Verfilmung in den Öffentlich-Rechtlichen angekündigt.

Mit Neujahr begibt sich Zeh sich auf neues Terrain. Protagonist ist der in Göttingen lebende Henning. Mit Frau und zwei Kleinkindern verbringt er zum Jahreswechsel seinen Familienurlaub auf Lanzarote. An Neujahr steigt er aufs Rad. Von nun an erklimmen wir gemeinsam mit ihm den Berg im idyllisch gelegenen Ort Femés und erhalten Einblicke in sein Leben. Ähnlich wie die Berg- und Talfahrt an Tempo gewinnt, scheint er im Alltag den Boden unter den Füßen zu verlieren. Der Balanceakt zwischen Familie und Beruf, wo er immer allem und jeden gerecht werden will, gerät zunehmend aus den Fugen. Juli Zeh widmet sich hier einem Thema, das Frauen seit Jahrzehnten bewegt und nun auch in der Männerwelt angekommen zu sein scheint, dem Spagat zwischen Familie und Beruf.

Überforderung ist hier die Diagnose. Plötzlich auftretende Panikattacken, die Zeh sehr gefühlvoll und ausführlich beschreibt, prägen sein Leben. Das jederzeit drohende Aufbrechen der Symptome bringt Hennings gesamte Gefühlswelt durcheinander. Man spürt seine Ängste hautnah. Versteht nun auch, warum er alles um sich herum in Frage stellt. Und beim Lesen ertappe ich mich bei der Frage, wie ich mit solch einer Situation umgehen würde, um diese Attacken in den Griff zu bekommen. Gemeinsam erklimmen wir schließlich den Berg. Genießen die Aussicht und entdecken ein Haus, dass in Henning ungewollte Erinnerungen hervorruft. Er hat das untrügliche Gefühl schon einmal hier oben gewesen zu sein.

Noch völlig in meinen Gedanken vertieft, konfrontiert mich Juli Zeh mit dem plötzlichen Wechsel in eine andere Erzählebene. Dieses neue Szenario verwirrt mich. Die nachfolgende, sehr ausführliche Erzählweise kann ich zunächst nicht einordnen. Sie führt uns zurück in Hennings Kindheitserinnerungen und zeichnet das Horrorszenario zweier kleiner Kinder, die alleingelassen im Haus, verzweifelt nach ihren Eltern suchen. Beklemmend und fassungslos, auf die Erlösung wartend, lese ich mich in einen Rausch, der mich letztendlich etwas ratlos und enttäuscht zurücklässt.

Unterm Strich wirkt einiges sehr konstruiert, Vergangenheit mischt sich mit Gegenwart – da war mehr drin. Und wie so oft stellen wir fest, dass uns die Erlebnisse unserer Kindheit und die elterliche Erziehung prägen. Aus meiner Sicht keine neue Erkenntnis. Doch um dem Roman nicht die Spannung zunehmen, soll hier nicht mehr verraten werden. Grundsätzlich ist der neue Juli Zeh Roman ein Pageturner. Die knapp 200 Seiten lesen sich flüssig, verschiedene Genre wie Thriller als auch Familiensaga werden bedient. Mit der Quintessenz, die sich der Leser aus der Handlung zieht, muss jeder selbst umgehen. Ich bin mir sicher, dass es hierzu sehr unterschiedliche Ansichten geben wird. Gerade dies macht Neujahr zu einem lesenswerten und diskussionswürdigen Roman.

 

juli_zeh_autorin_am_steg_lg.pngJuli Zeh, 1974 in Bonn geboren, studierte Jura in Passau und Leipzig. Schon ihr Debütroman „Adler und Engel“ (2001) wurde zu einem Welterfolg, inzwischen sind ihre Romane in 35 Sprachen übersetzt. Ihr Gesellschaftsroman „Unterleuten“ (2016) stand über ein Jahr auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Juli Zeh wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Rauriser Literaturpreis (2002), dem Hölderlin-Förderpreis (2003), dem Ernst-Toller-Preis (2003), dem Carl-Amery-Literaturpreis (2009), dem Thomas-Mann-Preis (2013), dem Hildegard-von-Bingen-Preis (2015) und dem Bruno-Kreisky-Preis (2017) sowie dem Bundesverdienstkreuz (2018).

Quelle: Random House

 

Weitere Infos:   https://www.randomhouse.de/Buch/Neujahr/Juli-Zeh/Luchterhand-Literaturverlag/e529881.rhd,   https://www.randomhouse.de/Buch/Neujahr/Juli-Zeh/Luchterhand-Literaturverlag/e529881.rhd#vita

Bildquelle:   Jacqueline Böttger,  juli_zeh_autorin_am_steg_lg.png

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