Judith Schalansky – Der Hals der Giraffe

Jacqueline Böttger - Cover Der Hals der GiraffeGastrezension von Odette

 

Anpassung als Schlüssel der Evolution

 

Judith Schalansky

Der Hals der Giraffe

Suhrkamp Verlag, erschienen September 2011, 224 Seiten, HC 21,90 €

 

Anlässlich eines Besuches des Stuttgarter Literaturhauses wurde ich in der Buchhandlung auf das Projekt „Stuttgart liest ein Buch“ aufmerksam. Bereits zum zweiten Mal (erstmalig 2012) las Stuttgart ein Buch und begleitete dies mit zahlreichen Veranstaltungen. Ich finde es spannend und herausfordernd zugleich, wenn viele Menschen einer Stadt das gleiche Buch lesen, um anschließend darüber zu diskutieren.

Gelesen wurde in diesem Jahr das Buch von Judit Schalansky „Der Hals der Giraffe“. Dieser Roman wurde durch eine Jury aus Vertretern der Stuttgarter Literaturszene ausgewählt. Der Suhrkamp Verlag gab anlässlich dieser Aktion, eine von der Autorin liebevoll gestaltete Sonderausgabe heraus. Dieser Sonderausgabe ist es zu verdanken, dass ich, die noch nichts von dem Projekt wusste, auf dieses Buch aufmerksam wurde. Mich inspirierte der, auf dem Cover des Taschenbuches, geprägte Giraffenkörper zum Kauf und erst in zweiter Hinsicht der Inhalt des Buches. Ich glaube die Autorin Judith Schalansky wird mir diesen Umstand nicht übelnehmen, ist sie doch auch eine begeisterte Buchherstellerin, welche bereits mit der 2011 erschienenen Hardcover-Ausgabe von der Stiftung Buchkunst mit dem Preis für das schönste Buch des Jahres gekürt wurde.

Inhaltlich führt uns das Buch Der Hals der Giraffe in die vorpommerische Provinz. Es herrscht Endzeitstimmung – alle wollen weg! Ihr großes Ziel sind Großstädte, wie auch Stuttgart. Weniger Kinder werden geboren und damit sind auch in den Kleinstädten soziale Einrichtungen wie Schulen von der Schließung betroffen. Im Buch schildert Judith Schalansky sehr gut, wie lang und zeitaufwendig der Schulweg dieser Kinder ist. Die Hauptfigur Inge Lohmark, man ist geneigt Frau Lohmark zu schreiben, ist Biologielehrerin und analysiert diesen Sachverhalt sehr kühl und aus Sicht der Evolution. Biologie ist auch Anpassung, doch Anpassen und Entwickeln möchte Frau Lohmark sich nicht mehr, sie wird zur störenden Beobachterin und Protokollantin des Unterganges. Wie bestimmte Tierrassen ausgestorben sind, so wird auch in vier Jahren die Schule aufgrund des Schülermangels geschlossen werden. Andere Lehrer kämpfen noch dagegen an, sie jedoch engagiert sich selbst bei der Förderung ihrer Klasse nicht und schiebt Dienst nach Vorschrift.

 

Die Situation in Inge Lohmarks Familie sieht nicht besser aus, die Tochter ist nach Amerika ausgewandert, dort mit Mann und Kariere beschäftigt, so das mit Enkelkindern zeitnah nicht zu rechnen sein wird. Nur ihr Mann hat sich angepasst und ist zum erfolgreichen Straußenzüchter geworden.

 

Im Klappentext des Buches steht:

Als sie schließlich Gefühle für eine Schülerin entwickelt und ihr Weltbild ins Wanken gerät, versucht sie in immer absonderlicheren Einfällen zu retten, was nicht mehr zu retten ist.“

Davon habe ich, bis auf die intensive Beschreibung der Mädchen während einer Busfahrt, im Buch nichts bemerkt. Später nimmt sie die Schülerin Erika in ihrem Auto mit, eine andere Schülerin aus ihrer 9. Klasse wird gemobbt und am Boden zerstört in der Schule gefunden. Das ist auch alles was ich zu diesem Thema finden konnte, an dieser Stelle ist der Handlungsstrang etwas undurchsichtig.

 

Judith Schalansky hat mich mit ihrer analysierenden fast fachlichen Wissenschaftlersprache, aber auch zynischen Sprache als Stilmittel gefangen. Es ist in drei Kapitel, welche drei Tage im Leben von Frau Lohmark beschreibt, unterteilt. Jedes der drei Kapitel „Naturhaushalte“, „Vererbungsvorgänge“ und „Entwicklungslehre“ wurde mit Schautafeln aus dem Tierreich illustriert und rechtfertigt wohl deshalb den Untertitel „Bildungsroman“. Nein, nur eine These von mir, warum der Untertitel so gewählt wurde erschließt sich mir nicht, ist aber auch nicht nötig. Aus meiner Sicht hätte des Buch noch etwas länger sein können, denn leider ist es zu Ende, bevor es erst richtig beginnt. Stoff für einen längeren Roman wäre vorhanden, so bleibt es eine gute Erzählung.

 

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© Susanne Schleyer

 Judith Schalansky, 1980 in Greifswald geboren, studierte Kunstgeschichte und Kommunikationsdesign. Ihr literarisches Debüt, der Matrosenroman Blau steht dir nicht, erschien 2008. Für ihren Atlas der abgelegenen Inseln und für Der Hals der Giraffe wurde sie unter anderem mit dem Preis der Stiftung Buchkunst (Die schönsten deutschen Bücher) ausgezeichnet. Sie lebt als freie Schriftstellerin in Berlin.

Quelle:   Suhrkamp Verlag

 

 

Nun noch einmal zurück zu „Stuttgart liest ein Buch“. Gern hätte ich an der Führung im Giraffengehe in der Wilhelmina teilgenommen. Das breite Spektrum des Buches bietet so viele Diskussionsgrundlagen für die Themen Evolution, Schulsystem, Landverödung, Entvölkerung in den neuen Bundesländern, Bildungspolitik über Liebe und zwischenmenschliches Zusammenleben bis hin zum Wechsel des Systems von Sozialismus zum Kapitalismus. Das wäre auch etwas für meine Buch-Heimatstadt Leipzig.

 

 

Weitere Infos:   www.suhrkamp.de/buecher/der_hals_der_giraffe-judith_schalansky,   www.stuttgart-liest-ein-buch.de,   www.stiftung-buchkunst.de,   www.literaturhaus-stuttgart.de/haus/buchhandlung-im-literaturhaus

Bildquellen:   Jacqueline Böttger – Cover & diverse,   http://www.boersenblatt.net/media/747/thumbnails/Longlist%202011_c%20Susanne%20Schleyer.jpg.646598.jpg

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