Joey Goebel – Vincent

Joey Goebel - Vincent (1)Gastrezension von Odette

Zwischen Genie und Wahnsinn

 

Joey Goebel

Vincent

Diogenes, erschienen März 2007, 448 Seiten, TB 13,00 €

 

Der Roman von Joey Goebel erinnert mich sehr an John Irvings „Owen Meany“. In Beiden geht es um Genies. Vincent wird zu einem der wichtigsten Produzenten von Liedtexten und Drehbüchern in Amerika werden. Unbekannt für die Meisten, denn er agiert im Hintergrund. Für so ein Leben muss man geboren sein. Doch das ist nicht alles, so ein Leben kann man bewusst unglücklich gestalten, kalt und erbarmungslos. Dafür sorgt sein Entdecker und Entwickler Harlan. Er gestaltet ihm eine Zukunft, in welcher er zu großer Innovation und Produktivität befähigt wird.

Forster Lipowitz ist einer der größten Magnaten der US-Amerikanischen Unterhaltungsbranche. Zum Ende seines Lebens möchte er Gott spielen. So wie andere Mäzene Museen bauen und Künstler fördern, um letztlich doch nur ihre gesammelten Werke teuer zu verkaufen, setzt er sich die Aufgabe mit einer Eliteschule für begabte Kinder, den Kommerz und die Dekadenz der Musikbranche zu revolutionieren. Alles, was er bisher veröffentlicht hat, ist nur sinnloser Trash. Mit dem Projekt „New Renaissance“ will er noch einmal etwas Großes schaffen.

Zu Beginn des Romans ist Vincent sieben Jahre alt. Ab diesem Zeitpunkt wird sein Leben aus Sicht seines Manager Harlan erzählt. Auch Harlan war in der Musikbranche tätig, hat es aber nie zu Ruhm und Ehren geschafft. Um so akribischer führt er nun seine Aufgabe durch und erhofft, so endlich Anerkennung zu erhalten. Als Erstes zerstört er das Familienleben von Vincent, dieser lebt in einer Patchworkfamilie. Seine Mutter wird als eine Art Pamela Anderson beschrieben. Sie scheint wunderschön zu sein und ist fast jedes Jahr schwanger. Deshalb hat Vincent auch eine große Anzahl von Geschwister mit unterschiedlichen Vätern. In der Schule ist er der Außenseiter und dank Harlan findet er auch keine Freundin, stattdessen produziert er immer mehr Songtexte und Drehbücher. Ein schlechtes Gewissen hat Harlan bisher noch nicht. Nach Beendigung der Schule verschafft er Vincent ein kleines Apartment und überwacht gewissenhaft seine Erfolge. So entstehen Drehbücher für neue Serien und Texte. Diese werden von „künstlichen“ Sängern interpretiert. Satirische Parallelen zu aktuellen Stars der amerikanischen Musikindustrie findet man im Buch zu Genüge. Vincent wird immer erfolgreicher. Die Situation spitzt sich zu, als Harlan ihm auch noch seinen besten Freund wegnimmt. Vincent verfällt dem Alkohol und schreibt keine Zeile mehr.

Die Zukunft von Harlan und Vincent scheint zerstört. Auch das Ziel von Forster Lipowitz wird nicht erreicht. Eine Verbesserung der Unterhaltungsindustrie durch das Projekt „New Renaissance“ tritt nicht ein. In dekadenten Partys zerstört sich die Branche immer weiter und Vincent wird am Ende doch noch die Wahrheit über sein verkauftes Lebens erfahren.

Das Buch enthält viele Nebendarsteller, denen Joey Goebel interessante Charaktere verleiht. Hier ist wirklich keine Person zu viel. Jeder Protagonist hat in dieser zynischen, mit zahlreichen Katastrophen angereicherten Geschichte seine Bedeutung. Der Schreibstil erinnert mich stark an John Irving und T.C. Boyle. Auch von diesen beiden amerikanischen Autoren findest du hier Buchempfehlungen.

Ich habe dieses Buch sehr genossen. Die gut formulierten Sätze und vor allem die Story, welche zum Nachdenken anregen, waren ein Lesevergnügen. Mit seinem tollen Schreibstil könnte Joey Goebel ebenfalls ein Talent aus der Eliteschule der „New Renaissance“ ein. Und im wahren Leben gehört tatsächlich Benedict Wells, der mit Becks letzter Sommer (Rezension folgt in Kürze) in gewisser Weise seine Geschichte aufgriff, zu seinen Bewunderern.

 

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© Regine Mosimann / Diogenes Verlag

Joey Goebel ist 1980 in Henderson, Kentucky, geboren, wo er auch heute lebt und Schreiben lehrt. Seine früheren Romane ›Vincent‹, ›Freaks‹ und ›Heartland‹ wurden in 14 Sprachen übersetzt. Zuletzt erschienen: ›Ich gegen Osborne‹.

Quelle: Diogenes

 

Beim Lesen wird mir erst bewusst, wie viele Menschen hinter einem Film und/oder einer Musikgruppe stehen. Ohne diese unbekannten Genies wären so manche Schauspieler und Sänger nichts. Und somit ist dieser lesenswerte Roman eine Hommage an diese Unbekannten.

 

 

Hard Rock Cafe Berlin (15)Diesen Roman lasen wir im Literaturkreis Berlin und besprachen ihn natürlich wieder in einem thematisch passenden Restaurant. Somit wählten wir das Hard Rock Cafe Berlin, welches neben der Musik auch die Berliner Geschichte hautnah erleben lässt.

Details zu unserem aufregenden Abend findet ihr in diesem lesenswerten Beitrag.

 

Weitere Infos:   www.diogenes.ch/leser/titel/joey-goebel/vincent-9783257236477.html,   www.diogenes.ch/leser/autoren/g/joey-goebel.html, http://www.hardrock.com/cafes/berlin/

Bildquellen:   Jacqueline Böttger,   Pressebild_JoeyGoebel_cFoto-Regine-Mosimann-Diogenes-Verlag_300dpi.jpg

 

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