Joey Goebel – Irgendwann wird es gut

Liebenswerte Außenseiter

 

Joey Goebel

Irgendwann wird es gut

Diogenes, erschienen Februar 2019, 320 Seiten, HC 18,99 €

 

Meine erste Begegnung mit Joey Goebel führte mich zu Vincent. Einem musikalischen Talent, dessen Mentor ihm gleich zu Beginn offerierte, dass er zwar berühmt jedoch nie glücklich werden würde. Harter Tobak glänzend erzählt, der hier auf dem Blog schon begeistert besprochen wurde. Goebel hat ein Talent dafür, seine Leser zu begeistern. Obwohl oder vielleicht weil er in einer 30.000 Seelengemeinde in Kentucky wohnt, welche er bisher nicht verlassen hat. Die Nähe zu Nashville erklärt für mich sein Interesse an Gitarren und Musik, dass er in Vincent so mitreißend schildert. Einen amerikanischen Verlag hat Goebel bisher nicht. Die Entdeckung durch Diogenes war für beide Seiten ein echter Glücksfall. Inzwischen hat er fünf Bücher veröffentlicht.

In seinem aktuellen Buch Irgendwann wird es gut versucht er sich erstmalig an Kurzgeschichten. Handlungsort ist der fiktive Ort Moberly in Kentucky. In der Art wie Goebel seine Geschichten aneinanderreiht, lesen sie sich fast wie ein Roman. Allesamt befassen sich mit den Themen Scheitern und Einsamkeit. Auch autobiografische Züge, wie den Antikmarkt seiner Mutter und seine Jugendband, für die er mehr als 100 Songs schrieb und tatsächlich auf Tour durch Kentucky ging, lässt Goebel in seine zehn Geschichten einfließen.

Die Protagonisten seiner Geschichten sind antriebslos. Eine unsichtbare Starre und Melancholie lässt sie nicht den Mut aufbringen, eine Grenze zu überschreiten und sich aus ihrer Situation zu befreien. Somit fallen sie immer wieder in ihre alten Verhaltensmuster zurück. Joey Goebel zeigt genial wie sich dies durch alle Alters- und Gesellschaftsschichten zieht. Von der attraktiven erfolgreichen TV-Moderatorin, deren Verehrer sie jeden Abend mit zwei Drinks auf der Couch sitzend anhimmelt, die letztlich unglücklicher ist als es scheint. Einer ergreifenden Beziehung zwischen Mutter und Sohn, die seit Jahren zusammenleben und ihre Krankheiten pflegen. Diese Situation lässt sie immer weiter in eine Depression versinken, wiederkehrende Schuldgefühle lassen eine Abnabelung des Sohnes in eine Beziehung nicht zu. Und auch vor der Jugend macht Goebel nicht halt. So lässt er den Sänger einer Teenie-Band auf der Bühne selbstbewusst und kraftvoll wirken, doch anschließend kehrt er in seine einsame Welt zurück. Einige Figuren sind in mehreren Geschichten miteinander verflochten. Somit fügt sich alles Steinchen für Steinchen zu einem großen Ganzen zusammen.

Goebels Lektorin Anna von Planta bezeichnet seinen Stil als einen Mix aus Witz und tiefer Traurigkeit, womit er Außenseitern eine Stimme gibt. Die Protagonisten seiner Kurzgeschichten denken, „dass sich das eigentliche Leben woanders abspielt“, sie wagen einen Schritt aus ihrer Welt, doch können sich nicht durchringen ihn zu vollenden. Dennoch macht er sie zu liebenswerten Personen, die wenigstens einen Menschen an ihrer Seite haben. Schlussendlich verbindet sie eine Gemeinsamkeit, die Suche nach einem klein wenig Glück.

Da das Buch nicht viel Elan und Motivation verbreitet, empfehle ich es step by step zu lesen. So lassen sich die Geschichten gut überdenken, denn einen Lichtblick gibt es für die Figuren, sie sind nicht allein.

 

 

Eine besondere Freundschaft

Neben den zehn Kurzgeschichten fügt sich am Ende des Buches ein von Benedict Wells geführtes Interview an. Sein Zitat auf Goebels Buchcover lässt keinen Zweifel hinsichtlich ihrer Freundschaft aufkommen.

Joey Goebel ist einer der besten und lesenswertesten Autoren der Gegenwart. Wie sehr beneide ich alle, die seine Bücher noch nicht kennen und zum ersten Mal lesen dürfen.

Benedict Wells

Diese besondere Beziehung zwischen ihnen zeichnet auch ihren vergleichbaren Schreibstil aus. Beide Autoren sind von persönlichen Erfahrungen geprägt, die sie federleicht, fast spielerisch wirkend, in ihren Romanen einfließen lassen. Auch Wells hatte sich im letzten Jahr mit Die Wahrheit über das Lügen erstmalig den Kurzgeschichten gewidmet. Ihr gemeinsames Thema ist die Einsamkeit, welches sie selbst in unterschiedlichen Facetten erlebt haben und ihr literarisches Schaffen inspiriert. Ihr Stil ist vielversprechend und wir können uns sicher auf weitere Leseabenteuer in Roman- oder Geschichtenform freuen.

 

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© Regine Mosimann / Diogenes Verlag

Joey Goebel, 1980 in Henderson, Kentucky, geboren, ist Schriftsteller, Drehbuchautor, Musiker – ein weltweit gefeiertes Multitalent. Seine Romane ›Vincent‹, ›Freaks‹ und ›Heartland‹ wurden in 14 Sprachen übersetzt. Joey Goebel hat einen kleinen Sohn und lebt in Henderson, wo er englische Literatur unterrichtet.

Quelle: Diogenes

 

 

Gastkommentar von Odette

Da dieser Roman auch Odette begeisterte, könnt ihr nachfolgend auch ihre Eindrücke lesen.

Moberly ist die heimliche Hauptfigur des Romans Irgendwann wird es gut. Die Kleinstadt besteht aus einer Schule, einem Wal-Mart, einem Antik-Kaufhaus, einem Ramada-Inn, einer Kreuzung, Rasen und … hier leben Menschen in einem Universum, die lieber heute, als morgen aus der Kleinstadt in Kentucky wegwollen. Die Handlung spielt binnen eines Jahres Mitte der Neunziger. Joey Goebel wählt für deren Lebens- und Situationsbeschreibung einen interessanten Romanstil, ein Mosaik aus Kurzerzählungen. Diese Kurzerzählungen könnten gut und gern einzeln veröffentlicht werden, aber in der Reihenfolge der Veröffentlichung in diesem Buch gelesen, ergeben sie einen Roman über Moberly – einer Stadt im amerikanischen Nirgendwo, ihrer Bewohner und deren herrschende Einsamkeit.

Die fiktive Stadt Moberly ist so authentisch beschrieben, dass sie überall auf dem platten Land existieren könnte, nicht nur in Amerika. Es ist die Mittelschicht, die bequem ohne Perspektive, aber gefühlsarm durch das Leben gleitet. Das Buch ist ein Stück entschleunigte Literatur. Die Charaktere sind psychologisch interessant gezeichnet. Es sind nicht nur männliche Schicksale, nein Joey Goebel schaffte es genauso gut weibliche Teenager in ihrer Gefühlswelt abzubilden.

Wie bei dem Roman Vincent habe ich mich sofort in das Buch verliebt. Neben traurigen Männern ist auch wieder Musik ein Thema. Das es gut wird, wünscht man den tragisch komischen, doch herzensguten Menschen. Der Autor Joey Goebel schaut in ihre Seele, behandelt sie sehr respektvoll und mit einer unvergleichlichen Situationskomik. Natürlich kommt Kritik an der Gesellschaft unterschwellig zur Sprache.

 

 

Weitere Infos:   https://www.diogenes.ch/leser/titel/joey-goebel/irgendwann-wird-es-gut-9783257609462.html,   https://www.diogenes.ch/leser/autoren/g/joey-goebel.html

Bildquelle:   Jacqueline Böttger,  Pressebild_JoeyGoebel_cFoto-Regine-Mosimann-Diogenes-Verlag_300dpi.jpg

 

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