Jörg Fauser – Rohstoff

Eintauchen ins Fauser-Universum

 

Jörg Fauser

Rohstoff

Diogenes Verlag, erschienen Mai 2019, Neuedition, 352 Seiten, HC 24,00 €

 

Beim Lesen von Fausers Zeilen entstehen Bilder in meinem Kopf. Ich stelle mir dazu die Stimme von Manfred Krug vor, der im besten berlinerisch die geschriebenen Worte erzählt. Für mich verkörpert Krug genau die richtige Figur, obwohl man ihm eher die Achtziger als die Sechziger/Siebziger Jahre zuspricht. So erzählt uns Fausers Alter Ego Hans Gelb von seiner turbulenten Zeit zwischen Istanbul, Berlin und der Gegend um Frankfurt am Main. Politische Unruhen, freie Liebe, jede Menge Alkohol und Drogen prägen die Zeit und Gelbs Leben. Rohstoff, der Konsum von Drogen wie Opium und LSD, steht hoch im Kurs. Mit ihnen bessert sich Fauser seinen Lebensunterhalt auf und widmet sich seinem großen Ziel, einmal Schriftsteller zu werden. 

Wir tauchen ein in Jörg Fausers Welt, mit wohl gewählten Worten und ehrlichen Sätzen, die nachhallen. Täglich sitzt er stundenlang an seinen Texten, die sich am Ende zu einem großen und Ganzen, seinem Roman, zusammenfügen sollen. Nur schwer trennt er sich von den liebgewordenen Wachstuchkladden für seine handgeschriebenen Texten. Doch seine erste Reise-Schreibmaschine erweist sich nach anfänglichen Umstellungsproblemen als beste Investition.

Einem Mann die Liebe wegzunehmen, war so gut wie Mord, aber mit einer Schreibmaschine konnte er ihn überleben.“

Seite 89 – Rohstoff

Nach monatelangem Sinnieren ist tatsächlich sein erster Roman „Stamboul Blues“ fertig, welchen er wie Sauerbier anbietet. Sein gut hundert Seiten umfassendes Manuskript versendet er im Original, Kopien waren noch nicht zeitgemäß und wären einfach zu teuer gewesen, an zahlreiche namhafte Verlage. Doch nach einigen Wochen erhält er sein Manuskript, versehen mit wohl formulierten Absagen wie „die Zeit sei für seine Texte noch nicht reif“, wieder zurück. Zwischenzeitlich jobt er auf verschiedenen Stellen, um sich über Wasser zu halten und seinen Rohstoff zu kaufen. Doch der Gedanke, ein großer Schriftsteller zu werden, treibt ihn an. So stürzt er sich in den Aufbau einer Zeitung (zero), die nicht erscheint, schreibt Texte für Magazine (twen) und seinen zweiten Roman „Schmargendorf City“. Cut-up-Stil soll der nächste Trend werden und so führt er ein Interview mit William S. Burroughs, der mit „Naked Lunch“ zum bekanntesten Vertreter der Beatgeneration gehörte.

Weiter geht es am Rand des Existenzminimums, die Suche nach der großen Liebe bleibt unerfüllt, wird mit kurzen Beziehungen und One-Night-Stands aufpoliert. Das Wohnen in einem besetzten Haus und das dazugehörige leben in einer Kommune, die sich in allen Facetten der linksorientierten politischen Landschaft engagierte, gehörte ebenso hinzu. Die darauffolgenden Jobs in der Bundesbank, bei einer Wach- und Schutzgesellschaft bis hin zum Gepäckverteiler am Flughafen lassen ihn das Leben kennenlernen, welches er nicht führen möchte. Sein großes Ziel, Schriftsteller zu werden steht! Das nachfolgende Zitat finde ich nach wie vor sehr bezeichnend:

Ich weiß, irgendwann werde ich gedruckt und gelesen.“

Quelle: Fauser im Brief an seinen Vater, 1970

Die Begeisterung für Jörg Fauser konnte auch postum nicht auf mich übergreifen. Jedoch las ich gern diesen autobiografischen Roman, bei dem sich Fauser in Harry Gelb verwandelte. Ich bewundere seine Hartnäckigkeit hinsichtlich seiner Liebe zum Schreiben verbunden mit dem Ziel, ein großer Autor zu werden. Es wäre ihm wahrscheinlich auch gelungen, hätte ihn nicht ein Unfall in der Blüte seines Lebens aus dem Leben gerissen. Auch sein besonderer Schreibstil, von der Diogenes Lektorin Martha Schoknecht hochgelobt, blieb mir verborgen. Er las sich unterhaltsam und kurzweilig, jedoch nicht sonderlich spektakulär. Wahrscheinlich ist es wirklich so ein „Autorending“. Zahlreiche Schriftsteller haben ihn für seinen Stil verehrt wie man auch den beiden Nachworten von Michael Köhlmeier und Matthias Penzel eindeutig entnehmen kann.

In diesem Jahr wäre Jörg Fauser 75 Jahre alt geworden. Diogenes ehrt ihn mit einer Neuedition seiner Werke, einer eigenen Autorenseite mit dem Slogan „Fauser. Lesen. Jetzt.“ und zahlreichen Veranstaltungen. Eine davon erlebten wir auf der diesjährigen LitBlog-Convention in Köln, wo viele Blogger zum Teil erstmalig in das Fauser-Universum eintauchten.

 

Foto: Fauser Archiv

Jörg Fauser wurde 1944 bei Frankfurt am Main geboren. Nach Abitur und abgebrochenem Studium lebte er längere Zeit in Istanbul und London. Er arbeitete u.a. als Aushilfsangestellter, Flughafenarbeiter, Nachtwächter. Ab 1974 widmete er sich hauptberuflich dem Schreiben. Seine Romane, Gedichte, Reportagen und Erzählungen sind eine Ausnahmeerscheinung in der deutschen Literatur. Jörg Fauser verunglückte 1987 in der Nacht nach seinem Geburtstag tödlich bei München auf der Autobahn.

Quelle: Diogenes

 

Weitere Infos:   https://www.diogenes.ch/leser/titel/joerg-fauser/rohstoff-9783257070347.html,   https://www.diogenes.ch/leser/autoren/f/joerg-fauser.html

Bildquellen:   Jacqueline Böttger,  Pressebild_JoergFauser_cFoto-Fauser-Archiv_72dpi – mit Genehmigung Diogenes-Verlag

 

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