Janet Lewis – Die Frau, die liebte

Die Frau die LiebteGastrezension von Odette

Nach einem wahren Kriminalfall

 

Janet Lewis

Die Frau, die liebte

dtv, erschienen März 2018, 136 Seiten, HC 18,00 €

 

In diesem romantischen Cover steckt keine Jane Austen. Die Frau, die liebte – ist ein ideales Buch für eine Besprechung innerhalb eines Literaturkreises. Vortrefflich lässt sich über die Moral dieser Fabel mit Lesefreundinnen diskutieren. Das Buch behandelt einen wahren Kriminalfall, welcher sich im 15. Jahrhundert in einem Hochgebirgsdorf zugetragen hat, als wenn er in der heutigen Zeit spielen würde. Die Schriftstellerin Janet Lewis ist die Chronistin dieser Ereignisse, in einer Zeit, wo das Recht immer auf der Seite des Mannes stand. Trotzdem ist das Buch keine Studie über Moral, aber eine Anregung über all dies zu sprechen.

Hauptfigur ist Bertrande de Rols, eine schöne, zarte und kluge Heldin. Mit 11 Jahren heiratet sie den ebenfalls 11-jährigen Martin Guerre. Diese Hochzeit wurde von den Eltern seit der Geburt geplant, um den Reichtum und das Überleben beider Großbauerndynastien zu sichern. Das Gebirgsdorf Artigues liegt in der Gascogne und hat durch seine Abgeschiedenheit das Glück, nie in die im Tal herrschenden Kriege einbezogen zu werden.

Im Januar 1549 wird die Hochzeit der Beiden gefeiert. Faszinierend und wunderbar wird die Hochzeit geschildert. Efeu und Lorbeerblätter liegen auf dem Steinfußboden, warmes leuchtendes Feuer aus dem Kamin illuminiert die Räume. Doch schon an diesem Hochzeitstag offenbart sich der Charakter des nach Unabhängigkeit strebenden Martins. Als Einziger öffnet er bei der Feier ein Fenster nach draußen, weil er Luft zum Entfalten benötigt. In der Familienrangfolge folgt er seinem Vater. So lange wie dieser lebt, wird er nicht Familienoberhaupt werden. So kommt es vor, dass die Väter so lange leben, dass die Söhne bereits alt sind, wenn sie den Vorsitz übernehmen.

Janet Loxley Lewis wurde 1899 in Chicago geboren. Sie wünschte sich schon als Kind Dichterin zu werden. In ihrer Jugend studierte sie Französisch. 1926 heiratete sie und zieht mit ihren Mann nach Kalifornien. Hier in der Wärme bessert sich ihre Tuberkuloseerkrankung und sie beginnt zu schreiben. Mit ihrem Mann Yvor Winter, der Literaturkritiker und Standfort Professor ist, zieht sie zwei Kinder groß und lebt sehr harmonisch. Ihr Mann macht sie mit historischen Strafrechtsfällen wie diesem vertraut. Daraus resultiert 1941 das Buch mit dem englischen Originaltitel „The wife of Martin Guerre“.

So harmonisch, wie ihr Leben verläuft, verläuft auch das Leben des jungen Paares Bertrande und Martin. Der Verheiratung folgt ein glückliches Familienleben, in das ein Sohn geboren wird. Dieser sichert das Bestehen der Großbauernfamilie ab. Je älter Martin wird, umso stärker spitzt sich die Konkurrenzsituation zu seinem Vater zu. Sie eskaliert, als er Weizen vom Gemeingut stiehlt und auf seiner eigenen Fläche anbaut. Um den Zorn des Vaters aus dem Weg zu gehen, will er, so sagt er es Bertrande, einige Tage nach Toulouse gehen. Im Einvernehmen verabschieden sich beide. Doch er kommt nicht wieder zurück. Die Zeit verstreicht und auf den Hof geht das Leben ohne Martin weiter. Bertrande übernimmt souverän seine Rolle.

Martin wird nicht mehr vermisst, bis ein Mann, der sich als Martin ausgibt, 8 Jahre später vor der Tür steht. Obwohl die Familie in ihm sofort Martin erkennen will, weigert sich Bertrande ihn als Martin anzuerkennen. Da er so ausgeglichen und liebevoll ist, wie der wahre Martin nie war, zweifelt sie. Doch auch Bertrande verfällt seiner Anziehung und wird ihm zwei Kindern schenken. Zur Ruhe kommt sie nicht und als die Zweifel immer größer werden, klagt sie ihn vor Gericht an.

Offen wird sie von den Familienmitgliedern angesprochen, dass sie damit die Gemeinschaft der Familie zerstört. Ihrem zweiten Sohn nimmt sie den liebevollen Vater. Die Familie hat sich an den neuen Martin gewöhnt, trotzdem reißt sie ihnen dieses funktionierende starke Familienmitglied aus der Gemeinschaft, ohne dass er an ihnen eine Straftat begangen hat. Allen, auch Bertrande ist bewusst, dass Martin damals wohl bewusst nicht wiedergekommen ist. Oder erscheint er kurz zur Gerichtsverhandlung, um die Situation aufzuklären und verschwindet dann wieder? Das wäre wohl das Schlimmste und Gemeinste, was der alte Martin, Bertrande antuen könnte.

Dieses kleine dünne Buch mit dem romantischen Cover ist wunderbar. Ein nachdenkliches und für lange Zeit nachwirkendes Lesevergnügen mit viel Potenzial.

 

Janet Lewis (1899 – 1998) wurde in Chicago geboren und lebte zumeist in Kalifornien. Früh begann sie, Gedichte zu veröffentlichen. Zusammen mit ihrem Mann, dem Dichter Yvor Winters, war sie ihr Leben lang politisch streitbar und aktiv, vehemente Kriegsgegnerin und Fürsprecherin der Indianer und Schwarzen. Mit ›Die Frau, die liebte‹ griff Janet Lewis einen der berühmtesten Justizfälle Frankreichs auf und schuf den fulminanten Auftakt zu ihrer Trilogie um strittige Justizfälle. Gleichwohl ist sie in Europa bis heute völlig unbekannt.

Quelle: dtv

 

Weitere Infos:   www.dtv.de/buch/janet-lewis-die-frau-die-liebte-28155/,   www.dtv.de/autor/janet-lewis-21288/

Bildquelle:   Odette Nathke

 

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