Ian McEwan – Kindeswohl

KindeswohlEs duldet keinen Aufschub

 

Ian McEwan

Kindeswohl

Diogenes, erschienen Januar 2015, 224 Seiten, HC 22,00 €/TB 12,00 €

 

Fiona Maye hat viel erreicht. Als Richterin am Obersten Gericht in London trifft sie weitreichende Entscheidungen. Sie verhandelt Fälle des Familiengerichtes, die kaum vielfältiger sein könnten. Von Unterhaltsforderungen, Streitigkeiten unter den Eltern über unterschiedliche Auffassungen zur Erziehung bis hin zu schweren Fällen von Kindesmissbrauch. Über allem steht ihr letztes Wort. Ihre Entscheidung zum Kindeswohl, auch über die Wünsche der Eltern hinweg. Dies obwohl oder vielleicht gerade deshalb, sie selbst nie eine Elternschaft erlebte. Beruflicher Erfolg und schließlich die Berufung zur Richterin, stellten den Kinderwunsch immer wieder zurück. Jetzt mit fast sechzig Jahren, auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, steckt ihre Ehe mit Jack in der Krise. Mitten in einem schwierigen Fall, der Fionas ungeteilte Aufmerksamkeit fordert, offenbart Jack seinen Wunsch. Um sein sexuelles Verlangen nochmals so richtig auszuleben, bittet er Fiona um ihr Einverständnis zu einem Verhältnis mit seiner jungen Assistentin. Nachvollziehbar, dass dies nicht auf Begeisterung stößt. Folglich verlässt Jack ohne ihre Entscheidung das Haus.

Völlig aus der Bahn geworfen, von Jack verlassen, sinniert Fiona über ihr Leben und stürzt sich schließlich wieder in ihre Arbeit. Professionalität, um die beste Entscheidung zum Wohl der Kinder zu treffen, ist angesagt. Die Zukunft des Kindes ist alles was zählt. In ihrer emotionalen Anspannung muss sie den Fall des Adam Henri, der keinen zeitlichen Aufschub duldet, entscheiden. Es geht um Leben und Tod. Die Eltern des an Leukämie erkrankten Jungen lehnen die lebensnotwendige Bluttransfusion ab. Ihr Glaube als Zeugen Jehovas lässt diese Behandlung nicht zu. Da Adam in wenigen Monaten das 18. Lebensjahr erreichen wird, soll auch sein Wunsch berücksichtigt werden. Fiona besucht den schwerkranken Adam, der sie mit seinem Lebensmut sowie seinem Talent für Musik und Gedichte begeistert. Doch sein Wunsch entspricht der Religion seiner Eltern, die ihn über Jahre hinweg prägte. Allerdings hat er keine Vorstellung davon, welche Qualen er ohne die Behandlung erleiden muss und unweigerlich zum Tod führen.

Entgegen den Willen des Jungen und seiner Eltern entscheidet Fiona zum Kindeswohl. Sie lässt die Therapie zu. Er soll nicht leidvoll und als Märtyrer seines Glaubens sterben. Erfolgreich genesen, inzwischen die Beziehung zu seinen Eltern abgebrochen, wendet sich Adam eines Tages hilfesuchend an Fiona. Diese entzieht sich seinem Wunsch und kann sich einem Zusammentreffen dennoch nicht entziehen. Fiona gerät in einen folgenschweren Zwiespalt.

Ian McEwan hat mit Kindeswohl einen sehr einfühlsamen Roman geschrieben. Die Handlung ist fiktiv, orientiert sich allerdings an ähnlichen Fällen des Familiengerichtes. Die Geschichte entwickelt sich beim Lesen zum Sog. McEwan zeigt auf, wie schwer es ist, die emotionalen Fälle zu ertragen. Oftmals über das erträgliche Maß hinaus, rational zu entscheiden und somit Verantwortung zu tragen, die nicht an der Tür des Gerichtssaales endet. Eine Aufgabe die meine absolute Hochachtung und großen Respekt verdient.

Im August dieses Jahres wird Kindeswohl mit Emma Thompson in der Hauptrolle, im Kino zu sehen sein.

 

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© Annalena McAfee

Ian McEwan, geboren 1948 in Aldershot (Hampshire), lebt bei London. 1998 erhielt er für ›Amsterdam‹ den Booker-Preis und 1999 den Shakespeare-Preis der Alfred-Toepfer-Stiftung für das Gesamtwerk. Sein Roman ›Abbitte‹ wurde zum Weltbestseller und mit Keira Knightley verfilmt. Er ist Mitglied der Royal Society of Literature, der Royal Society of Arts und der American Academy of Arts and Sciences.   

Quelle:   Diogenes

 

Weitere Infos:   www.diogenes.ch/leser/titel/ian-mcewan/kindeswohl-9783257069167.html,   www.diogenes.ch/leser/autoren/m/ian-mcewan.html

Bildquellen:   Jacqueline Böttger,   Pressebild_IanMcEwan_cFoto-Annalena-McAfee_72dpi[1]

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