Evelyn Waugh – Expeditionen eines englischen Gentleman

Evelyn Waugh - ExpeditionGastrezension von Odette

Reiseberichte aus Tausendundeiner Nacht

 

Evelyn Waugh

Expeditionen eines englischen Gentleman

Diogenes, erschienen Mai 2018, 336 Seiten, HC 24,00 €

 

Evelyn Waugh ist kein Lawrence von Arabien, doch seine Reiseerzählungen und Reiseberichte lesen sich, wie aus Tausendundeiner Nacht. Es ist bewundernswert, dass der Diogenes Verlag die Reiseberichte von Evelyn Waugh veröffentlicht, sind sie doch unbekannter als seine Romane. Ein Leben lang war der Autor auf der Flucht vor Langeweile und innerer Leere. Aus diesem Grund unternahm er zahlreiche Reisen und dokumentierte diese in Tagebüchern.

Die erste Reise unternahm er 1929. 1930 folgte, die im Buch beschriebene Fahrt zur Krönung des Kaisers nach Addis Abeba. Längst waren diese Reisen keine Abenteuer mehr. Eisenbahn- und Schiffsverbindungen vereinfachten den Weg ans Ziel. Als Sonderkorrespondent der Times konnte er zusätzlich mit allen Bequemlichkeiten rechnen. Abessinien, das heutige Äthiopien, war zu dieser Zeit eines der wenigen unabhängigen Monarchien in Afrika. Es lud die ehemaligen Kolonialherren Afrikas zur Krönung des Kaisers Ras Tafarie (Haile Selassie), König der Könige von Abessinien, ein. Evelyn Waugh war einer von vielen Journalisten aus der ganzen Welt, die über die prachtvollen exotischen Feierlichkeiten berichteten. Unter den anwesenden Reportern herrschte der Ehrgeiz als Erster die Neuigkeiten an die eigene Redaktion zu telegraphieren. Dies führte zum Teil zu katastrophalen Verwirrungen. Als englischer Gentleman übertrieb es Waugh mit der Beschreibung der „zivilisierten Wilden“ und schilderte sie als „gelehrige Barbaren“.

Damals nahm man noch die abendländische Überheblichkeit als gegeben an und erwartete sie zum Teil auch in den Artikeln. Die wenigsten Menschen konnten sich ein eigenes Bild von den Ereignissen machen und vertrauten den Zeitungen und Journalen. So lesen sich seine Aussagen für den heutigen Leser ungewohnt antiquiert und politisch eher nicht korrekt.

Neben der Hochzeit beschreibt er ebenfalls seine Heimkehr über Aden, Sansibar, Kenia, Belgisch-Kongo und Südafrika. Mit Äthiopien, dem früheren Abessinien und dem Kaiser Haile Selassie, wird er noch einmal in Kontakt kommen. In den 30iger Jahren besucht Waugh, Mussolini in seiner Villa. Bei einem gemeinsamen Gespräch werden sie wohl auch über seine Reise, anlässlich der Krönung, gesprochen haben. Am 9. Mai 1936 besiegte Mussolini mit seinen Truppen Äthiopien. Das Ende des Kaisers Haile Selassie war besiegelt und Selassie ging ins Exil nach England.

Auf beiden Umschlagseiten des Buches kann man die Reise auf Landkarten nachvollziehen. Das Buch liest sich gut und ist ein Lesevergnügen im Winter, auf Reisen und im Urlaub. Eine weitere Leseempfehlung, die sich thematisch anbietet ist die Geschichte des großen Karl May. Philipp Schwenke begibt sich in seinem Roman „Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste“ humor- und respektvoll auf den Spuren Karl Mays.

 

waugh_evelyn_700056551_beschnitten.jpg

Foto: Archiv Diogenes Verlag

Evelyn Waugh, geboren 1903 in Hampstead, war Maler, Lehrer, Reporter und Kunsttischler, bis er in der Schriftstellerei sein Metier fand und zu einem der wichtigsten englischen Autoren des 20. Jahrhunderts wurde. Im Krieg diente Waugh als Offizier. Waugh, der seit seiner Studienzeit eine Neigung zu dandyhafter Extravaganz pflegte, liebte es, das Publikum durch kontroverse Äußerungen zu provozieren. Er starb 1966 in Taunton, Somerset.

Quelle: Diogenes

 

Weitere Infos:   www.diogenes.ch/leser/titel/evelyn-waugh/expeditionen-eines-englischen-gentleman-9783257070262.html,   www.diogenes.ch/leser/autoren/w/evelyn-waugh.html   

Bildquelle:   Odette Nathke,   waugh_evelyn_700056551_beschnitten.jpg

 

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.