Emily Ruskovich – IDAHO

Emily Ruskovich - IDAHOEin Meisterwerk der Verdrängung

 

Emily Ruskovich

IDAHO

Hanser Berlin, erschienen Februar 2018, 384 Seiten, HC 24,00 €

 

IDAHO – USA 2004: Die junge Grundschullehrerin Ann erzählt uns von ihrer Ehe mit Wade, der ein tragisches Schicksal zugrunde liegt. Der Mitfünfziger, bereits wie sein Vater und Großvater zuvor an Frühdemenz erkrankt, kann sich nur noch bruchstückhaft an die damalige Familientragödie erinnern. Gespräche zu den Vorkommnissen finden kaum statt. Zudem zeichnen sich bei Wade die ersten Demenz bedingten Wesensveränderungen ab. Seine plötzlichen Gewaltausbrüche gegenüber Ann beeinträchtigen ihr Zusammenleben. Beides erschwert für sie die Verarbeitung der damaligen Situation und so nimmt uns Ann mit auf ihre Erinnerungen.

Im zweiten Erzählstrang lernen wir Wades ehemalige Frau Jenny kennen. Schweigsam verbüßt sie seit der Tat im Wald, welche sie sofort gestand, eine lebenslange Haft im Gefängnis. Die Autorin analysiert aufmerksam die Psyche der verurteilten Straftäterin als auch den weiteren Insassen, lässt uns an deren Gefühlen und Motiven teilhaben. Elizabeth und Jenny teilen sich eine Zelle. Elizabeth liebt den Deutschunterricht, den sie nach einem gewalttätigen Angriff auf ihre vorherige Mitbewohnerin, nicht mehr besuchen darf. Stattdessen soll die zurückhaltende Jenny ihren Platz einnehmen. Sie fertigt Notizen an, die Elizabeth dankbar liest. Eine Freundschaft entsteht.

 

Doch was ist geschehen?

Genau dies wird zäh und immer wieder nur in Bruchstücken erzählt. Leider wird sich dieser Stil durch das gesamte Buch ziehen. Somit entstehen zweitweise Längen und ich wünschte mir, dass die Autorin Emily Ruskovich in ihrem Debütroman endlich auf den Punkt kommt. Klar ist, dass sich Wade und Jenny mit ihren beiden Mädchen, der sechsjährigen May und der drei Jahre älteren June, zum Zeitpunkt des Geschehens im abgelegenen Wald befanden. Der naturverbundene Messerhersteller Wade wollte kostengünstig Holz auf seinem Pickup laden. Doch plötzlich ist die Situation neu. Jenny sitzt im Wagen, in dem die kleine May von einem Beil getroffen, verstirbt. Aufgeregt und Nerven verloren fährt Wade mit den Beiden ins Dorf, direkt in die Hände der Polizei. Die in der Hektik zurück gelassene Tochter June bleibt von diesem Moment an verschwunden. Auch sofortige Suchaktionen werden erfolglos abgebrochen. Die familiäre Idylle ist zerstört.

Jahre später versucht Ann, nun selbst in dem noch immer existierenden Pickup sitzend, die Tatsituation zu rekonstruieren und die Wahrheit herauszufinden. Inzwischen blicken wir mit ihr zurück auf Wades Leben. Zunächst auf das Kennenlernen und dem folgenden einsamen Leben des Paares auf einem abgelegenen Berg in Ponderosa. Nach anfänglichen Schwierigkeiten stellt sich auch die Geburt der ersten Tochter June ein, die kleine May sollte folgen. Alles scheint glücklich und harmonisch oder war es das wirklich? Ann unterrichtet in der Schule, die Tochter June besuchte und begegnet Wade erstmalig nach dem tragischen Unglück. Als seine Klavierlehrerin baut sie eine persönliche Beziehung zu ihm auf. Kurz darauf wird sie seine Frau. Doch das Geschehene wird nie thematisiert.

Der Roman IDAHO ist sehr sprunghaft geschrieben. Ständig wechseln die Zeiten und Perspektiven. So blicken wir zurück auf das Kennenlernen von Wade und Jenny. Springen wieder vor und erfahren, dass die Suchbilder von Vermissten in den USA regelmäßig altersgerecht angepasst, neu gezeichnet und veröffentlicht werden. Dann sind wir wieder bei Jenny im Gefängnis und schließlich verstirbt Wade mit Mitte Fünfzig an seiner Frühdemenz. Doch wo bleibt die im Klappentext versprochene Aufklärung des Unglücks, welches die Familie zerstörte. Anns Motivation, hinter die Tat zu schauen, schwindet bereits am Anfang des Buches. So plätschert der Roman nur noch dahin. Die Charaktere sind nicht greifbar gezeichnet. Am Ende bin ich enttäuscht, dass die Autorin mir immer wieder aufs Neue suggerierte, die Wahrheit der Vorkommnisse käme nun endlich ans Licht. Ein wenig bereue ich meine kostbare Zeit, die ich diesem Buch gewidmet habe. Zum Abbruch der Lektüre konnte ich mich dennoch nicht durchringen. Die Hoffnung stirbt zuletzt!

 

In der Quintessenz ist der Roman die perfekte Verdrängung. Niemand spricht über das Geschehene und möchte es wahrhaben, dies scheint auch Autorin Emily Ruskovich zu übernehmen. Denn mit dem Zuschlagen des Buches geht eine Geschichte zu Ende, die eigentlich nie richtig angefangen hat. Sehr schade! Das Potential einer spannenden, psychologisch interessanten Geschichte ist vorhanden.

 

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© Sam McPhee

Emily Ruskovich wuchs im Idaho Panhandle auf dem Hoodoo Mountain auf. Sie gewann den O. Henry Award 2015 und ist Absolventin des Iowa Writers’ Workshop. Ab Herbst 2017 lehrt sie an der Boise State University. „Idaho“ ist ihr erster Roman.

Quelle: Hanser

 

Weitere Infos:   www.hanser-literaturverlage.de/autor/emily-ruskovich/,   www.hanser-literaturverlage.de/buch/idaho/978-3-446-25853-2/

Bildquellen:   Jacqueline Böttger,   https://www.hanser-literaturverlage.de/files/autorenfotos/EmiliyRuskovich(c)SamMcPhee_klein_Website.jpg

 

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