Delphine de Vigan – Loyalitäten

LoyalitätenGastrezension von Odette

Bis zur Erlösung

 

Delphine de Vigan

Loyalitäten

Dumont, erschienen 17.09.2018, 176 Seiten, HC 20,00 €

 

Theo ist ein Scheidungskind und mit dreizehn Jahren alkoholabhängig. Im Wochenrhythmus wechselt er sein zu Hause. Eine Woche bei seiner Mutter, die nächste Woche ist er bei seinem Vater. Wenn Theo freitags von seinem Vater kommt, zwingt die Mutter ihn zu duschen, damit sie den Geruch ihres Ex-Mannes nicht wahrnimmt. Räumlich liegen die beiden Wohnungen acht Metrostationen entfernt. Im Bett kann Theo nicht schlafen, da der Stress bei ihm einen Tinnitus verursacht.

Theo trinkt Alkohol, weil er gehört hat, dass 4 Gramm Alkohol im Blut reichen, um sein Bewusstsein zu verlieren. Dieses Koma ist sein Ziel, für das er mit immer höheren Mengen an alkoholischen Getränken trainiert. Das Stadium, in dem das Gehirn in den Ruhestand geht, soll für ihn die Erlösung bringen.

Ich liebe es, den Alkohol in meinem Körper zu spüren. Erst im Mund, dieser Augenblick, wenn die Kehle die Flüssigkeit aufnimmt, und dann diese wenigen Zehntelsekunden, in denen die Wärme in seinem Magen hinuntergleitet, er könnte ihrer Spur sogar mit dem Finger folgen. Er mag diese feuchte Welle, die ihm den Nacken streichelt und sich in seinen Gliedern wie ein Betäubungsmittel ausbreitet.

Theo – Seite 11

Mathi ist sein Schulfreund. Seine Eltern leben zwar zusammen, aber schon seit Jahren aneinander vorbei. Theos Schulfreund hat gelernt sich anzupassen und so trinkt er lieber mit, statt die Freundschaft zu nutzen, um ihm zu helfen. Mathis Mutter Cecile erwischt die Beiden beim Trinken. Sie ist die Tochter eines Alkoholikers und kennt den Teufelskreis. Aus diesem Grund spricht sie das Thema bei ihrem Mann nicht an, damit dieser nicht denkt, sie hat das Problem des Alkoholismus in die Familie gebracht. So ist das nun mal mit der Loyalität.

Die Einzige, welche die Probleme kommen sieht, ist Helene, die Lehrerin. Helene kommt aus einem ähnlichen Milieu und kennt die falsche Loyalität zu den Eltern aus eigener Erfahrung. Sie sieht Theo an, dass ihm etwas fehlt. Doch unsere Gesellschaft hat uns gelehrt an Problemen vorbeizuschauen, aus Angst etwas Falsches zu sagen. Verhalten spricht sie das Problem unter den Lehrern an und wird nicht ernst genommen.

Theo lernt sehr schnell, die Rolle zu spielen, die von ihm erwartet wurde. Sparsam gesprochene Worte, neutraler Gesichtsausdruck, gesenkter Blick.

Lehrerin Helene – Seite 45

Im diesem Buch gibt es keine Person, die nicht unter psychologischen Problemen leidet. Wie krank ist nur unsere Gesellschaft. Die Erzählung spielt in Paris, doch die Probleme existieren ebenso in Deutschland. Unsere Gesellschaft wird immer egoistischer. Jeder möchte sich persönlich verwirklichen und macht erst recht nicht in der Beziehung zu einem anderen Menschen halt davor.

In der Zwischenzeit baut Theos Vater immer mehr ab. Nach der Schule muss er sich nun auch um ihn kümmern und die Wohnung reinigen. Im Internet versucht Theo ihm einen neuen Job zu verschaffen, weiß er doch, dass der Vater im schlimmsten Fall das Sorge- und Umgangsrecht für ihn verlieren kann. Zum Ende des Romans verlässt sein Vater das Haus und später auch das Bett nicht mehr.

Theos Situation spitzt sich hoffnungslos zu. Eine Bezugsperson hat er nicht. Immer wenn er mit der Lehrerin Helene sprechen will, werden sie unterbrochen. Nun bleibt nur noch der Rettungsanker Alkohol. Während eines Treffens mit älteren Jungs gelingt ihm sein Vorhaben. Er fällt in das gewünschte Koma.

Ich weiß, dass Kinder ihre Eltern schützen und dass dieser Pakt des Stillschweigens sie manchmal sogar das Leben kostet.

Lehrerin Helene – Seite 134

Gewalt, die sich, unter Gefahr der Selbstvernichtung, gegen das eigene Selbst wendet wird immer häufiger. Fakt ist, dass Jugendliche heute deutlich mehr Alkohol trinken und das nicht nur aus langer Weile.

Das Buch Loyalitäten ist sehr bedrückend. Es ist zwar in einem Zug lesbar, doch das Thema bleibt lange präsent. Wie dekadent ist doch die Gesellschaft, dass Kinder und Jugendliche Woche für Woche mit mehreren Taschen, manchmal nur für ein paar Kilometer, umziehen. Das Buch sollte zur Pflichtlektüre werden, für Eltern, welche ihre Kinder zwischen sich pendeln lassen und denken so ihren Fehler der Trennung zu kompensieren. Was im Inneren dieser Kinder im schlimmsten Fall vorgeht, wenn die Eltern untereinander jeden Kontakt abbrechen, zeigt dieses Buch.

 

Sie, die Loyalität ist es, die Kinder getrennter Eltern verstummen lässt.

Quelle: Delphine de Vigan

 

Ein ebenso lesenswerter Roman von Delphine de Vigan, der es in diesem Jahr zu einer Literaturverfilmung geschafft hat, ist Nach einer wahren Geschichte. Ein geniales Verwirrspiel um Wirklichkeit und Schein, welches ich euch sehr empfehlen kann. Die Rezension zu diesem sehr spannenden, psychologisch perfekt inszenierten Roman findet ihr auch hier auf dem Blog.

 

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© Delphine Jouandeau

Delphine de Vigan, geboren 1966, erreichte ihren endgültigen Durchbruch als Schriftstellerin mit dem Roman ›No & ich‹ (2007), für den sie mit dem Prix des Libraires und dem Prix Rotary International 2008 ausgezeichnet wurde. Ihr Roman ›Nach einer wahren Geschichte‹ (DuMont 2016) stand wochenlang auf der Bestsellerliste in Frankreich und erhielt 2015 den Prix Renaudot. Bei DuMont erschien 2017 ihr Debütroman ›Tage ohne Hunger‹. Die Autorin lebt mit ihren Kindern in Paris.

Quelle: Dumont

 

Weitere Infos:   www.dumont-buchverlag.de/buch/vigan-loyalitaeten-9783832183592/,   www.dumont-buchverlag.de/autor/delphine-de-vigan/

Bildquelle: Odette Nathke,  http://www.dumont-buchverlag.de/fileadmin/_processed_/csm_DE_VIGAN_DELPHINE_G_acd951a4b9.jpg

 

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