David Benioff – Stadt der Diebe

Stadt der Diebe - Cover.jpgGastrezension von Odette

 

Winterskälte im Sommer

 

David Benioff

Stadt der Diebe

HEYNE, erschienen Mai 2010, 384 Seiten, TB 9,95 Euro

 

Unser aktuelles Literaturkreisbuch Stadt der Diebe führt uns in das belagerte und eiskalte Leningrad. Kolja und Lew erleben die Belagerung durch die Deutschen in dieser Stadt. Kolja, als Mitglied der Roten Armee, Lew als Brandwache in den Kirow Werken. 

Filmreif und sehr authentisch beschrieben, schwebt ein toter deutscher Soldat in die leere Straße und landet vor dem Haus von Lew. Dieser plündert den Deutschen mit seinen Freunden aus und wird von einer Militärstreife wegen dieser Straftat verhaftet. Gemeinsam mit Kolja findet er sich im Gefängnis wieder. Kolja hat ebenfalls eine Straftat begannen, nämlich Fahnenflucht und so rechnen beide mit ihrer Hinrichtung. Um so größer die Verwunderung, dass sie den nächsten Morgen noch erleben und zum Kommandanten der Stadt geführt werden. Der Kommandant verspricht ihnen ihre Freilassung, wenn sie ihm ein dutzend Eier für die Hochzeit seiner Tochter besorgen.

 

Ein dutzend Eier – nichts leichter als das?

Was für eine irrwitzige Idee, die nun im Buch unglaubwürdig und konstruiert umgesetzt wird. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, welcher Kolja und Lew in die Abgründe der Stadt führt. Hier treffen sie auf das Leid der Bevölkerung und deren tägliche Suche nach etwas Essbarem. Die Episode über den Kannibalismus lässt mir immer noch einen Schauer über die Haut fahren. Die Erzählweise von Benioff ist extrem spannend und wortreich, aber historisch gesehen, wird es immer verworrener. Als sie feststellen, dass sie wohl keine Eier in der Stadt finden werden, begeben sie sich auf die Suche außerhalb des Belagerungsringes. Dabei fragt man sich, wenn beide so leicht aus der Stadt kamen, warum sind 1,1 Millionen Menschen in ihr gestorben? Auf der einzigen Versorgungsroute über den Ladogasee konnte man zwar eingeschränkt die Stadt verlassen, allerdings nicht so unproblematisch wie im Roman beschrieben. Das Ziel der Deutschen war ja die Belagerung der Stadt, um die Bevölkerung aushungern zu lassen.

Im weiteren Verlauf der Geschichte verliert sich die Suche nach den Eiern in Schilderungen über Hunde als lebendige Bomben, ein in der Winterlandschaft rot erleuchtetes Bordell der Deutschen und eine Liebesbeziehung. Gemeinsam mit der neuen Liebe, einer Partisanin, werden sie wieder gefangen genommen. Damit nun die Eier erneut ins Spiel kommen, spielen sie mit einem deutschen Offizier um die Eier Schach. Natürlich ist jeder Russe ein Schachgroßmeister, so auch Lew und deshalb besiegt er den Offizier mit Leichtigkeit. Da dieser nicht freiwillig verliert, kommt es zu einem Scharmützel, bei dem Kolja die Eier stibitzt. Nun spaziert man siegessicher und seelenruhig in die belagerte Stadt hinein.

 

Wenigstens ein filmreifer Spannungsbogen

Da die Spannung nun auf dem Nullpunkt ist, beschließt David Benioff, das Kolja’s eigene Leute ihm versehentlich in sein stolzes Hinterteil schießen, woran er wenige Tage später im Krankenhaus stirbt. Lew und Kolja haben während der letzten gemeinsamen Tage eine dicke Freundschaft geschlossen. Allerdings stören Koljas ewige Andeutungen über Sex und das Verlangen, mit jeder Frau ins Bett zu gehen.

Mit einem großen Feuerwerk, als wenn das Buch schon Vorbote für ein Drehbuch ist, endet es. Was bleibt, ist die Lebensgeschichte von Lew, dem fiktiven Großvater des Autors.

Mein Fazit, großer Quatsch einer anfangs einmaligen Idee, die allerdings beim besten Willen nicht zu dem historisch schwierigen Thema passt. Der tiefere Sinn bei dem Buch fehlt und es gibt deutlich bessere Bücher, die das Thema beschreiben wie zum Beispiel „Oleg oder Die belagerte Stadt“ von Jaap ter Haar oder „Hunger“ von Elise Blackwell.

 

http://ia.media-imdb.com/images/M/MV5BMTAzNjQzMTEzMzJeQTJeQWpwZ15BbWU3MDkxNjA4NDc@._V1_SX640_SY720_.jpgDavid Benioff, geboren 1970, debütierte 2002 mit dem Roman „25 Stunden“ (Heyne), der von Spike Lee mit Edward Norton und Philip Seymour Hoffman in den Hauptrollen verfilmt wurde. Seither arbeitet er als Drehbuchautor, adaptierte „Drachenläufer“ für das Kino und schrieb unter anderem das Drehbuch zu „Troja“. Er lebt mit seiner Familie in New York.

Quelle: HEYNE, Random House

 

 

Weitere Infos: http://www.randomhouse.de/Taschenbuch/Stadt-der-Diebe-Roman/David-Benioff/e302164.rhd, http://www.randomhouse.de/Taschenbuch/Stadt-der-Diebe-Roman/David-Benioff/e302164.rhd?mid=10&serviceAvailable=true#tabbox

Bildquelle:   Jacqueline Böttger – Stadt der Diebe – Cover.jpg,   http://ia.media-imdb.com/images/M/MV5BMTAzNjQzMTEzMzJeQTJeQWpwZ15BbWU3MDkxNjA4NDc@._V1_SX640_SY720_.jpg

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