Daniela Krien – Die Liebe im Ernstfall

Daniela Krien - Liebe im Ernstfall.jpgVielfalt der Lebensentwürfe

 

Daniela Krien

Die Liebe im Ernstfall

Diogenes, erschienen März 2019, 288 Seiten, HC 22,00 €

 

Daniela Krien schafft mit ihren sehr persönlichen Lebensgeschichten sogenannte Archetypen. Sie präsentiert uns fünf verschiedene Frauentypen, die uns das Gefühl vermitteln, sie bereits zu kennen. Schon nach kurzer Zeit wirken die Figuren auf mich sehr vertraut und aus dem Leben gegriffen. Jede Leserin, ich gehe davon aus, dass dieses Buch mehrheitlich von Frauen gelesen wird, erkennt in den beschriebenen Profilen sicher eine Freundin bis hin zu sich selbst, wieder.

Dabei könnten die Protagonistinnen in Die Liebe im Ernstfall kaum unterschiedlicher sein. Sie heißen Paula, Judith, Brida, Malika und Jorinde. Die beiden Letztgenannten sind Geschwister. Den Reigen eröffnet Paula.

Bei der Buchhändlerin Paula, verheiratet und zwei kleine Kinder, scheint die Welt in Ordnung. Doch ein jeher Schicksalsschlag, der plötzliche Kindstod ihrer Tochter, bringt die Beziehung ins Wanken. Es kommt zu unüberbrückbaren Differenzen und Vorwürfen, welche unausweichlich zur Trennung führen. Erst Jahre später erfährt sie mit Wenzel eine neue Liebe, dem ihre Freundin Judith in einer sehr mitfühlenden Situation begegnet. Bereits in der nächsten Geschichte lernen wir auch Judith, Paulas beste Freundin, kennen. Die begeisterte Reiterin mit eigenem Pferd ist Ärztin und lebt aufopferungsvoll für ihren Job. Dies erschwert die Suche nach dem passenden Partner. Die Jahre vergehen, One-Night-Stands sorgen zwar für Abwechslung, aber die Beziehungen über Partnerportale sind nicht von Dauer und bringen ungeahnte Probleme mit sich.

Als Dritte im Bunde gesellt sich die unter Schreibblockaden leidende Schriftstellerin Brida hinzu. Sie fühlt sich in ihrem Leben eingezwängt und unerfüllt. Verheiratet mit Götz, gibt dieser ihr in Punkto Liebe alles was sie braucht. Ein Fakt, der sie auch nach Ende ihrer Beziehung, eng miteinander verbindet. Nach der Trennung wachsen ihre gemeinsamen Töchter im sogenannten Nestmodell auf. In dieser offenen Beziehung haben beide neue Partner, die keine Bedrohung für sie bedeuten. Bis plötzlich Swenja auftaucht und ihr Lebensmodell scheitern lässt.

In den zwei weiteren Geschichten lernen wir die Geschwister Malika und Jorinde kennen. Malika entpuppt sich als ehemalige Freundin von Götz. Er war ihre große Liebe, doch betrog sie mit der Autorin Brida. Dieses Erlebnis führt Malika in eine endlos anhaltende Depression. Sie lebt allein, denn kein anderer Mann hielt bisher dem Götz-Vergleich stand. Darüber hinaus konnte sie als begabtes Musiktalent, die von ihren Eltern vorgezeichnete Zukunft als Violinistin, nicht erfüllen.

Seit der Kindheit besteht zwischen den Schwestern starke Konkurrenz, welche ihr gesamtes Zusammensein prägte. Die Künstlereltern bevorzugten die antiautoritäre Beziehung zu ihren Kindern. Für sie waren sie Helmut und Vicky. Jorinde war die vielversprechendere Tochter, die ihr Talent zur Schauspielerin ausbaute. Schon früh nutzte sie diesen Vorteil gegenüber Malika aus. Obwohl Jorinde ihre ältere Schwester sehr mochte und um ihre Aufmerksamkeit buhlte, führte dies zu einem angespannten Verhältnis. Erst später, inzwischen ist Jorinde Mutter zweier Kinder und von ihrem Ex-Mann getrennt, nähert sich das Verhältnis der Schwestern aufgrund eines ungewöhnlichen Vorschlages Jorindes wieder an.

Die fünf gewählten Frauenfiguren sind frei erfunden. Es gibt kein direktes Vorbild, dennoch kann ich mich beim Lesen mit ihren Charakteren identifizieren. Geschickt verbindet Daniela Krien die Geschichten miteinander, indem einzelne Figuren zurückhaltend und harmonisch eingefügt als Verbindungsteil fungieren. Somit sind alle Frauen miteinander verwoben, ohne sich zwingend persönlich zu kennen. Dieses gewählte Stilmittel, schafft Vertrauen und ich fühle mich sofort in die Geschichten eingebunden. Ähnlichkeiten zu sich selbst sieht Krien in der Figur der Brida, die ebenso mit dem Schriftstellerdasein und den damit verbundenen Schreibblockaden zu kämpfen hat. Damit bestätigt sie meine Vermutung einer persönlichen Verbundenheit, da ich Bridas Geschichte im Zusammenspiel der fünf Figuren als ungewöhnlich lang und ausführlich empfand.

Auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse hatte ich im Rahmen des Diogenes-Bloggertreffens das Vergnügen Daniela Kriens Buchvorstellung mit anschließendem Interview zu erleben. Passenderweise spielt das Buch in Leipzig, obwohl dies an sich keinen Einfluss auf die Geschichten hat, aber es ist schön bekannte Orte im Verlauf der Handlung zu erkennen. Krien im Osten aufgewachsen und jetzt in Leipzig lebend, thematisiert Ost-Biografien, die die Wendezeit erlebt haben und nun mitten im Leben stehen. Im Detail spielt diese Zeit zwar keine Rolle, aber ich glaube eine Art der Emanzipation und Eigenständigkeit zu erkennen, die besonders die ostdeutschen Frauen innehaben. Sie sind stark, strukturiert und wollen ihre Situation verändern. Das Ziel vor Augen treibt sie an, ohne zu wissen, ob sie es wirklich erreichen werden.

 

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Foto: Maurice Haas / © Diogenes Verlag

Daniela Krien, geboren 1975 in Neu-Kaliß, studierte Kulturwissenschaften und Kommunikations- und Medienwissenschaften in Leipzig. Seit 2010 ist sie freie Autorin, 2011 erschien ihr Roman ›Irgendwann werden wir uns alles erzählen‹, der in 14 Sprachen übersetzt wurde. Ihr 2014 veröffentlichter Erzählband ›Muldental‹ wurde 2015 mit dem Nicolaus-Born-Debütpreis ausgezeichnet. Daniela Krien lebt mit zwei Töchtern in Leipzig.

Quelle: Diogenes

 

Weitere Infos:   https://www.diogenes.ch/leser/titel/daniela-krien/die-liebe-im-ernstfall-9783257070538.html, https://www.diogenes.ch/leser/autoren/k/daniela-krien.html,   https://www.leipziger-buchmesse.de/

Bildquellen:   Jacqueline Böttger,   Foto: Maurice Haas / © Diogenes Verlag

 

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