Chris Kraus – Sommerfrauen, Winterfrauen

Sommerfrauen WinterfrauenGastrezension von Odette

Ungeheuerliche Offenbarungen im Künstlermilieu

 

Chris Kraus

Sommerfrauen, Winterfrauen

Diogenes, erschienen 29. August 2018, 416 Seiten, HC 24,00 €

 

Puma Rosen hat nicht nur einen außergewöhnlichen Namen und einen Vater dem „Gottes Stolpersteine“ ständig im Weg liegen. Nein, neben seinem beschriebenen katastrophalen Talent, besitzt er eine Begabung zur Lebensorganisation und macht aus einer kleinen Erbse einen Puma.

Der Roman Sommerfrauen, Winterfrauen startet mit dem Vorwort seiner Tochter. Diese verfasste den Text am 13. Januar 2018 in New York. Auf fünf Seiten schildert sie in netter Art, welche tollpatschige Veranlagung ihr Vater hat. Ein unbedachter Schritt bei einer gemeinsamen Bergwanderung führt zu seinem Tod. Dieses frühe Ableben ist nicht so tragisch, hatte doch der Vater, der den kuriosen Namen Jonas Maximilian Johannes Dietrich trägt, schon seit seiner Jugend geahnt, dass er nicht alt werden würde. Seiner Tochter hinterlässt er als Erbe drei Kladden. In diesen Tagebüchern hat er handschriftlich seine Erlebnisse während eines Studienaufenthaltes vom 17. September bis 17.Oktober 1996 in New York dokumentiert. Puma beschließt den Text über die 32 Tage in New York zu digitalisieren und zu Ehren ihres Vaters herauszugeben, ist sie doch auch ein Teil dieser Geschichte.

Ich bin ein Fan der Ideen von Chris Kraus. Viele seiner Filme und Bücher konsumierte ich bereits und finde auch in diesem Roman deutlich seine Handschrift. Dieser Roman spielt im Filmmilieu. Wie einst Chris Kraus ist Jonas Regiestudent. Hieß der Meister von Chris Kraus damals Rosa von Praunheim, muss der Buchheld Jonas, Lila von Dornbuschs künstlerische Ideen kineastisch umsetzen. Dieser denkt an nichts Geringeres als an einen Film über Sex, im rauen, radikalen New York. Damit er gleich mit der harten Realität vertraut wird, verschafft er Jonas eine Wohnung bei seinem Freund Professor Jeremiah. Dieser wohnt in der düstersten Ecke der Lower East Side. Von der durchgedrehten Künstlerexistenz ist Jonas begeistert. Da er es nicht so intensiv mit Sex hält, könnte das Thema seines Filmes ab diesem Zeitpunkt gescheiterte Künstlerexistenzen heißen. Doch wer Chris Kraus kennt, wartet auf die Familiensaga, dem Opa der in der SS gedient hat und die Arbeitskraft aus Riga. Letztere soll Jonas auf Bitten seines Vaters in New York besuchen. Hier lebt das ehemalige jüdische Kindermädchen seines Vaters mit Namen Tante Paula. Parallelen zum Buch Kaltes Blut, deren Rezension ihr ebenfalls hier auf dem Blog lesen könnt, werden sichtbar.

Deshalb lässt er auch auf Seite 107 Paula sagen: „Ja“ sagte ich, „um die Vergangenheit geht es ja immer. Deshalb bin ich ja auch hier.“ Zu Hause wartete Jonas Freundin Mah. Sie ist eine Winterfrau. Während seines Aufenthaltes am Hudson River wird er die durchgeknallte Nele, eine Sommerfrau kennenlernen. Mir sind die Begriffe Sommer- und Winterfrau nicht geläufig. Im Buch findet sich auf Seite 179 eine ausführliche Beschreibung:

Eine Sommerfrau braucht Anbetung, männliche Hege und Pflege, eine Gartenschere, weil sie wie wilde Hecken wächst und geschnittenen werden will, nach ihren Vorstellungen, aber gedüngt mit den Exkrementen des Mannes (oder zumindest seinem Geld).“ Seite 179

Sommerfrauen sind Schönwetterfrauen … Die Winterfrau hingegen ist autark. Sie wohnt in ewigem Permafrost. … Eine Gartenschere braucht sie nicht, warum auch, auf ihr liegt immer Schnee.“ Seite 180

Das Buch enthält wenige Höhepunkte. Die Idee, die hinter der Veröffentlichung der Kladden steckt, wird am Ende aufgelöst. Die Dialoge besitzen Drehbuchcharakter. Das Buch las sich gut, doch irgendwie sprang der Funke nicht über. Die Charaktere sind witzig und überspitzt geschildert, so dass man öfters ein Lächeln im Gesicht trägt. Kennt man die Biographie von Chris Kraus, fragt man sich, wie viel Autobiographisches in diesem Buch steckt. Nach den Knallern Kaltes Blut und dem Film „Poll“ fehlte mir etwas Neues, etwas Einzigartiges.

 

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Foto: Maurice Haas / © Diogenes Verlag

Chris Kraus, geboren 1963 in Göttingen, ist Filmregisseur, Drehbuchautor und Romancier. Seine Filme (darunter ›Scherbentanz‹, ›Poll‹) wurden vielfach ausgezeichnet, ›Vier Minuten‹ mit Monica Bleibtreu und Hannah Herzsprung gewann 2007 den Deutschen Filmpreis als bester Spielfilm. Sein jüngster Film, die Tragikomödie ›Die Blumen von gestern‹ mit Lars Eidinger in der Hauptrolle, wurde mit unzähligen Preisen, u.a. dem Tokyo Grand Prix, geehrt. Der Autor lebt in Berlin.Quelle:   Diogenes

 

Weitere Infos:  www.diogenes.ch/leser/titel/chris-kraus/sommerfrauen-winterfrauen-9783257070408.html,   www.diogenes.ch/leser/autoren/k/chris-kraus.html

Bildquellen:  Odette Nathke,  Pressebild_ChrisKraus_cFoto-Maurice-Haas-Diogenes-Verlag_72dpi[1].jpg

 

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