Benedict Wells – Becks letzter Sommer

Wells - Becks letzter SommerGastrezension von Odette

Gibt es im Leben eine B-Seite?

 

Benedict Wells

Becks letzter Sommer

Diogenes Verlag, erschienen Dezember 2009, 464 Seiten, TB 12,00 €

 

Rauli, das unentdeckte Musikgenie aus der letzten Schulbankreihe ist in diesem Roman die Hauptfigur. Als Litauer fristet er ein trostloses Schulleben ohne Freunde. Ein ebenso angepasstes Leben führt Robert Beck. Er ist, wie bereits sein Vater, Lehrer an einem Münchner Gymnasium. Seine Kurskombination Deutsch und Musik ist für ihn nicht unbedingt eine große Herausforderung. Privat lebt er lieber allein, verfolgt von der Angst, wie sein Vater Rainer Beck zu enden. Ohne Frau, als ungeliebter Lehrer, der an einem Herzinfarkt vor dem Fernseher stirbt. Becks Mutter eine Französin, hat die Familie verlassen, als Beck noch ein Kind war.

Ja, früher denkt der 37-Jährige, da war er als Leadsänger seiner Band, ein heißer Feger. Nun ist von der Band, nur sein neurotischer Freund Charly geblieben. Doch dieser Sommer soll endlich eine Wende im Leben von Beck und Rauli bringen.

Erzählt wird die Geschichte des Lehrers Beck aus der Sicht eines ehemaligen Schülers. Man kann annehmen, dass es der Autor Benedict Wells selbst ist. Im Buch lässt er die Erlebnisse über einen längeren Zeitraum Revue passieren. Anfänglich besucht er seinen Lehrer in München und später in dem italienischen Dorf Ratio. In Raito wird Beck später seinen Lebensabend verbringen. Benedict Wells webt in das Buch eigene Musik und Literaturempfehlungen ein. Seine Protagonisten besuchen den Film zu John Irvings Buch „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ und diskutieren im Literaturcafe über Bukowski und Nabokov.

Die ersten Seiten des Buches beginnen mit dem Intro „On the Road to Raito“. Beck, der Held des Buches, der eigentlich feige ist, flüchtet als Zechpreller aus einem italienischen Restaurant. Nach dem Intro folgt das Inhaltsverzeichnis. Da wir ein Buch über Musik lesen, gliedert Benedict Wells die Aufteilung der Kapitel, wie auf einer Schallplatte und nennt das ganze Tracklist. Seite A enthält die Songs 1 bis 4, in denen es um die Schulzeit in München geht. Auf Seite B hören wir die Songs 5 bis 7, die uns nach Istanbul führen und am Ende in Raito ausklingen. Jedem „Kapitel-Song“, gibt der Autor einen passenden englischen Titel, zum Beispiel „Things have changed“. In einem Satz wird kurz erklärt, was hier passiert.

Bevor ich das Becks letzter Sommer las, schaute ich mir den Film zum Buch an und konnte mir so den wunderbar vertrottelten Beck, alias Christian Ulmen bestens vorstellen. Rauli ist ein Typ, wie wir uns einen genialen Musiker vorstellen müssen. Mit Metallica Shirt und Bundeswehrparker, spielt er in der Fußgängerzone Lieder nach seinem Gehör, textet und komponiert mit einer Leichtigkeit. Beigebracht hat es ihm niemand, er besitzt das nötige Talent dazu und noch eine Portion mehr davon. Über seine Herkunft und Familie erzählt er Legenden und versucht, sein Leben zu verschleiern. Nur eins will ihm so gar nicht gelingen, der dreifache Salchow.

Der Dritte im Bunde ist der 27-jährige Deutschafrikaner Charlie Aguobe. Er ist Becks einziger Freund und auch noch nicht im Leben angekommen. Außerdem ist er ständig auf der Suche nach einer Krankheit, an der er sterben wird. Im Mittelpunkt der Geschichte über drei Rockstars steht die Suche nach Liebe und Erfolg. In vier Gesprächen erfahren wir, wie Becks bisheriges Verhältnis zu Frauen war. Mit Lara, die er parallel zu Rauli trifft, soll alles anders werden. Rauli ist ebenfalls verliebt, in die Schulschönheit Anna. Unbewusst motivieren die beiden Frauen unsere Helden zu Höchstleistungen in der Musik. Beck beschließt, Rauli zu managen und ihm mit seinen Texten und Liedern zum Star zu machen. Für sich selbst schließt er ein Comeback nicht ganz aus. Der erste Auftritt wird ein Mega Erfolg. Eingeladen hat er ebenfalls seinen alten Bandkollegen Holger Gersch. Dieser ist Mitarbeiter des Plattenlabel Sony BMG und soll ihm bei der Vermarktung helfen. Wird dieser akzeptieren, dass es Rauli nur gemeinsam mit Beck gibt?

Auf post it’s notiert sich Rauli Ideen und Liedtexte für neue Stücke. Diese verwahrt er in einer mit Rockstars bekleben Schatztruhe auf. Beck schaut in einem unbemerkten Augenblick in sie hinein und stellt fest, dass Raulis bessere Texte und Kompositionen schreibt als er. Sein größter Schatz und das musikalisch beste Lied, ist der Titel „Finding Anna“. Für Beck ist nun klar, er muss den Jungen ziehen lassen. Er schenkt ihm seine Gitarre Fender Stratocaster, diese wird Rauli ein Leben lang begleiten.

 

Gibt es im Leben eine B-Seite? Im Buch ja und diese zweite Chance ist eine Art Roadmovie.

Charly, der in einer Psychischen Einrichtung lebt, steht morgens vor Becks Tür und überredet ihn, mit seinem uralten VW zu seiner kranker Mutti nach Istanbul zu fahren. Rauli und jede Menge Drogen sind mit an Bord. Nachdem Lara in Rom eine Ausbildung zur Modedesignerin beginnt, ist Beck wieder allein. Rauli hat die Schule abgebrochen und alle Drei haben nun Zeit, während der Reise über ihr Leben nachzudenken.

Im Bonustrack erfahren wir dann das Ende der Geschichte. Ob es Rauli tatsächlich zum Rockstar schafft? Gelingt es Beck, aus seinem Leben auszubrechen? Und was tauscht Rauli gegen Becks Katze ein?

… also schmeißt den Plattenspieler an und lest selbst!

 

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Foto: © Bogenberger / autorenfotos

Benedict Wells wurde 1984 in München geboren. Nach dem Abitur zog er nach Berlin und widmete sich dem Schreiben, seinen Lebensunterhalt bestritt er mit diversen Nebenjobs. Sein vierter Roman ›Vom Ende der Einsamkeit‹ stand mehr als anderthalb Jahre auf der Bestsellerliste, er wurde u.a. mit dem European Union Prize for Literature (EUPL) 2016 ausgezeichnet und bislang in 27 Sprachen übersetzt. Wells lebt in Berlin und Bayern.

Quelle:  Diogenes

 

 

Anmerkung von Jacqueline

An dieser Stelle empfehlen sich noch zwei Anmerkungen. Wem diese Besprechung und das Thema Musik zusagt, der wird sicher auch an Joey Goebels Roman über das Musikgenie Vincent gefallen finden. Kritisch und satirisch zugleich beleuchtet Goebel die Entwicklung der US-Amerikanischen Unterhaltungsindustrie. Lesenswert und eine gute Ergänzung zu Wells Buch.

Darüber hinaus möchte ich noch einige Gedanken zum Autor Benedict Wells ergänzen. Meine erste Begegnung mit seiner Literatur war der Roman Vom Ende der Einsamkeit. Dieser zeigt eine ganz andere Seite von Wells, sehr persönlich und einfühlsam. Ganz anders als das Roadmovie Becks letzter Sommer und gerade deshalb, möchte ich ihn euch besonders ans Herz legen. Ich bin mir sicher, ihr werdet ebenso begeistert sein. Zum Einlesen findet ihr auch diese beiden Rezensionen auf dem Blog.

 

Weitere Infos:   www.diogenes.ch/leser/titel/benedict-wells/becks-letzter-sommer-9783257240221.html,   www.diogenes.ch/leser/autoren/w/benedict-wells.html

Bildquellen:   Odette Nathke 

 

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