A.L. Kennedy – Süßer Ernst

Gastrezension von Odette

24 Stunden Liebe

 

A.L. Kennedy

Süßer Ernst

Hanser Verlag, erschienen November 2018, 500 Seiten, HC 28,00 €

 

Jonathan Sigurdsson, 59 Jahre, ist kein isländischer Fußballspieler, sondern Kind einer skandinavischen Emigrantenfamilie und Verfasser von romantischen Liebesbriefen. Als Beamter arbeitet er im ehrwürdigen Westminster. Zu seinen Stärken gehört das elegante Umformulieren von Reden und Zitaten seiner Vorgesetzten. Dieses Talent kommt ihm auch bei der Formulierung von Liebesbriefen zu Gute. Im Buch wird er Jon genannt. Seine liebende Brieffreundin ist Meg Williams, die als Buchhalterin bei einer Tierorganisation arbeitet.

Im Buch Süßer Ernst von A.L. Kennedy sind Meg und Jon, die einzigen Figuren, um die es in dem überdrehten Roman geht. Wie ein anderer Klassiker der englischen Literatur, spielt der Roman nur an einem Tag, dem 14. April 2015. Inhaltlich geht es nicht um die beruflichen Katastrophen der Beiden, sondern um ihr chaotisches Privatleben, in einer wie A.L. Kennedy ausdrückt untergehenden Nation. Der Leser ahnt den nahenden Brexit, obwohl dieser im Buch nicht explizit erwähnt wird.

Das Buch startet, in dem der Leser, Jon bei der Pflege des Gartens seiner Ex-Frau zusieht. Die Hektik des Lebens hält Einzug. In die, durch ein Netz geschützte Blumenrabatte, hat sich ein Amseljunges verfangen. Jon befreit es, wird von der Amsel Mutter attackiert und vom Vogeljungen aus Dankbarkeit für die Befreiung vollgeschissen. So beschmutzt kann er nicht ins Büro, sieht er doch verwahrlost, wie einer der Penner vor dem Westminster aus.

Die Kapitel des Buches sind nach Uhrzeiten unterteilt, 24 Stunden von 6:45 bis 6:45 am nächsten Tag. Länger als die reale Zeit dauern würde, zieht sich die Fahrt von Jon, mit Kauf der neuen Hose bis ins Büro über viele Seiten hin. Seine Beziehung zu seiner Frau wird beleuchtet, der Grund der Scheidung, das Verhältnis zur Tochter und die Heuchelei in seinem Job erklärt. In dem Kapitel wird zur Parallelwelt von Meg gewechselt. Meg ist um die vierzig und Alkoholikerin. Als bankrotte Ex-Wirtschaftsprüferin hat sie keine Freunde und führt lieber Selbstgespräche. Hier finden sich dezente Hinweise zur wirtschaftlichen Situation des Empires, das einem Untergangsszenario gleicht. Jon steht für die Politik, Meg für die Wirtschaft und gemeinsam sehen sie dem Ende der Nation sitzend auf einer Bank am Telegraph Hill entgegen.

Meg und Jon lernen sich durch Liebesbriefe kennen, welche Jon im Auftrag von Meg an Meg sendet. Nach seiner Scheidung schreibt Jon bis zu 12 Liebesbriefe an alleinstehende Frauen, auf die er nie eine Antwort erwartet und die er auch nicht kennenlernen möchte. Diese Briefe verfasst er in einem altmodischen, sittlich einwandfreien charmanten Stil. Die Übergabe erfolgt über ein Postfach, welches irrtümlicherweise bereits vom Geheimdienst kontrolliert wurde. Meg lauert tagelang vor diesem Postfach und versucht zu ergründen, wer Jon sein könnte. Tatsächlich kommt es zu einem nicht vereinbarten Treffen.

Süßer Ernst ist kein einfaches Buch zum Lesen. Es verlangt eine Menge Hintergrundwissen über literarische, politische und wirtschaftliche Sachverhalte. A.L. Kennedy beschreibt die seelisch beschädigte und traumatisierte Spezies des modernen Großstadtmenschen. Nach Liebe wird auch in Zeiten des Turbokapitalismus gesucht. In diesem genialen Gegenwartsroman sind die schrägen Typen normal und wir Leser hetzen, wie Getriebene durch das dreckig überdrehte London.

Des Weiteren findet ihr hier auf dem Blog die Besprechungen zu Kennedys Romanen Schreiben und der Der letzte Schrei.

 

© Peter-Andreas Hassiepen

A. L. Kennedy, 1965 im schottischen Dundee geboren, wurde bereits mit ihrem ersten Roman Einladung zum Tanz (2001) berühmt und zählt zu den wichtigsten zeitgenössischen englischen Autorinnen. Sie wurde mit zahlreichen wichtigen Literaturpreisen ausgezeichnet. 2007 erhielt sie den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur, 2016 den Heine-Preis. Kennedy lebt in London und unterrichtet kreatives Schreiben an der University of Warwick. Bei Hanser sind Das blaue Buch (Roman, 2012), Ein schlechter Sohn (Hanser-Box, 2014), Der letzte Schrei (Erzählungen, 2015), Schreiben (Blogs & Essays, 2016) und Süßer Ernst (Roman, 2018) erschienen.

Quelle: Hanser Verlag

 

 

Weitere Infos:   https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/suesser-ernst/978-3-446-26002-3/,   https://www.hanser-literaturverlage.de/autor/a-l-kennedy/

Bildquellen:  Odette Nathke,   https://www.hanser-literaturverlage.de/files/autorenfotos/Kennedy%20A.L._hf_i.jpg

 

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.