Literaturverfilmung – Kinofilm „In den Gängen“

Clemens Meyer - Film In den Gängen (1)Gastrezension von Odette

Das Rauschen des Meeres ist schöner

 

Nach einer Kurzgeschichte von Clemens Meyer

aus Die Nacht, die Lichter

S. Fischer Verlag, erschienen 2008, 272 Seiten, TB 9,95 €

 

Als Leipzigerin und großer Fan des ebenfalls in Leipzig lebenden Autoren Clemens Meyer war der Kinofilm In den Gängen ein Muss für mich. Gleich vorab, ich war sehr beeindruckt von ihm. Trotz der Stille und Ruhe des Films, vergehen die 120 Minuten Laufzeit wie im Flug. Es ist ein Déjà-vu wie man in diesem Film, den literarischen Helden aus Clemens Meyers Büchern wieder begegnet. Es sind die Außenseiter und Unterprivilegierten der Gesellschaft, die niemand so ehrt wie Clemens Meyer, der selbst getestet hat, wie es ist, als Bauarbeiter auf dem Bau zu malochen. Der Film ist ebenso eine witzige Hommage des Gabelstaplerführerscheinbesitzers Clemens Meyer an den Stapler.

Willkommen in der Nacht“ mit diesem Worten begrüßt der Vorarbeiter Rudi (Andreas Leupold) seine Mitarbeiter in der Nachtschicht. Gabelstapler beginnen im Dreivierteltakt des Wiener Walzers von Johann Strauß zwischen den Hochregalen zu tanzen. Mitarbeiter gehen langsam, gebeugtem Hauptes durch die Gänge und bestücken die Warenauslagen. Das neonfarbige Licht ist gedrosselt und wie in einem Raumschiff begibt sich der nächtliche Supermarkt in seinen eigenen surrealistischen Kosmos. Die Mitarbeiter sind eine eingeschworene Solidargemeinschaft. „Fünfzehn“ heißt Pause, der Kaffeeautomat ist die Kommunikationszentrale, Tiefkühltruhen rauschen wie Turbinen und in Sibirien gibt es keine Gabelstapler. Gabelstapler jeder Art, „Hubi“ und „Ameise“ sind die technischen Hauptdarsteller. Nach der Schicht werden die Stapler in der Ladestation geparkt und mit dem Stromkabel zum Aufladen verbunden. Dann ist auch für sie Feierabend.

Es sind Rituale, welche auch der „Frischling“ Christian verinnerlichen wird. Zu Beginn erhält er die Grundausstattung in seinen neuen blauen Kittel gesteckt. Sie beinhaltet Kuli, Cuttermesser und Namensschild. Diese Rituale nimmt der Regisseur Thomas Stuber auf und zeigt sie als Routinen in dem Film, wie zum Beispiel das Anziehens des Kittels zu jedem Schichtbeginn und der Blick in den Spiegel an der Tür zum Markt, mit der Aufschrift: „So sehen dich die Kunden“. Christian ist die Hauptfigur des Filmes. Er beginnt eine Ausbildung in dem anonymen Supermarkt in der Nähe von Bitterfeld. Die ruhige Art und das, durch die Hasenscharte, bedingte Lispeln des Schauspielers Franz Rogowski macht die Figur des Christian von Beginn an sympathisch. Christian, der Schweiger, der liebevoll vom altgedienten Herrn der Getränkeabteilung Bruno betreut wird, verliebt sich in Miss Süßwarenabteilung Marion (Sandra Hüller).

In den Gängen kommen sich beide näher und ihre platonische Liebe, gibt dem Arbeitsleben im Großmarkt einen neuen Gesprächsstoff. Wunderbar die Szene, in der Christian, Marion nach Art der YES Werbung einen Schokoriegel mit einer Kerze darauf zum Geburtstag schenkt. Doch Marion ist unglücklich verheiratet. Christian, der aus dem Knast kommt und sich mit der Ausbildung im Markt von seinen alten Kumpels trennt, wird durch die Pause in der Liebe zurückgeworfen und verfällt in alte Lebensgewohnheiten. In der Szene in einer Spelunke, sieht man die großartige Leistung der Schauspieler. Absolut authentisch kippen sie ihre Biere und halten dabei die Zigarette in der selben Hand.

Hier haben Clemens Meyer und Thomas Stuber auf jedes noch so kleine Detail geachtet. Aufgefrischt wird der Film In den Gängen mit viel Situationscomic und wunderbar kurzen prägnanten Dialogen. Geräusche und Musik sind in den Film wichtig und mit Sorgfalt gewählt. Sie untermalen und erweitern die Szenen. Neben Klassik, hört man Titel von Son Lux den Bedroom Song und Son House mit seinen Südstaaten Blues.

Nach dem Dienst verabschiedet der Vorarbeiter die Mitarbeiter per Handschlag und schickt sie in die graue Welt des Alltags. In nur drei Kapiteln, welche den drei Hauptfiguren Christian, Marion und Bruno gewidmet sind, erfährt man, wie deren Leben außerhalb des Großmarktes aussieht. Christian, haust in einer Platte. Bruno, träumt von der Vergangenheit als LKW-Fahrer in VEB Fernlasttransporte und Marion schuftet, um ein überteuertes Eigenheim abzuzahlen. Die Gesellschaftskritik merkt man den Film unterschwellig an. Wir besitzen 21 Nudelsorten und schmeißen jeden Abend Unmengen von Lebensmitteln weg. Da der Film ein Märchen ist, kann noch alles gut werden. Das Rauschen des Meeres, was immer wieder in dem Film zu hören ist, symbolisiert die große Sehnsucht, wie auch die Fototapete mit Palmen im Aufenthaltsraum.

Der Film wurde nach einer Kurzgeschichte von Clemens Meyer aus dem Buch Die Nacht, die Lichter gedreht. Mit dem Leipziger Thomas Stuber hat Clemens Meyer bereits seinen zweiten Film produziert. Wenn zwei Leipziger ein Projekt in die Hand nehmen kommt so etwas Großartiges, wie dieser Film heraus. Unbedingt anschauen und die Bücher von Clemens Meyer lesen.

 

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Foto: Gaby Gerster

Clemens Meyer, geboren 1977 in Halle / Saale, lebt in Leipzig. 2006 erschien sein Debütroman ›Als wir träumten‹, es folgten ›Die Nacht, die Lichter. Stories‹ (2008), ›Gewalten. Ein Tagebuch‹ (2010), der Roman ›Im Stein‹ (2013) sowie die Frankfurter Poetikvorlesungen ›Der Untergang der Äkschn GmbH‹ (2016). Für sein Werk erhielt Clemens Meyer zahlreiche Preise, darunter den Preis der Leipziger Buchmesse. ›Im Stein‹ stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis, wurde mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet und für den Man Booker International Prize 2017 nominiert. ›Als wir träumten‹ wurde für das Kino verfilmt sowie ›In den Gängen‹ nach einer Erzählung von Clemens Meyer, beide Filme liefen im Wettbewerb der Berlinale. Im Frühjahr 2017 erschienen die Erzählungen ›Die stillen Trabanten‹.

Quelle: S. Fischer

 

 

Weitere Infos:   www.meyer-clemens.de/site/clemens_meyer/home,   www.fischerverlage.de/buch/die_nacht_die_lichter/9783596174874,   www.berlinale.de/de/archiv/jahresarchive/2018/02_programm_2018/02_Filmdatenblatt_2018_201815252.php#tab=filmStills,   www.fischerverlage.de/autor/clemens_meyer/18379

Bildquellen:   Odette Nathke,   https://www.fischerverlage.de/media/fs/108/thumbnails/AF_Meyer_Clemens__0042_Web.jpg.34914706.jpg

 

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