Uwe Timm – Ikarien

Uwe Timm IkarienGastrezension von Odette

 

Eine Utopie mit Folgen

 

Uwe Timm

Ikarien

KiWi, erschienen September 2017, 512 Seiten, HC 24,00 €

 

Ikarien ist sowohl der Name eines Inselstaates in dem Roman des französischen Frühsozialisten Etienne Cabet „Reise nach Ikarien“, als auch eine Bewegung, die eine utopische Siedlung in Amerika gründete. Ziel ist der demokratische Kommunismus. Die Arbeiter sind an der Macht und das oberste Gebot ist Gleichheit und Gütergemeinschaft. Diese Romanidee hatte 1847 etwa 400.000 Anhänger in Frankreich. Zur Umsetzung in die Realität sollten Musterstädte in Amerika angelegt werden. Mehrere Versuche scheiterten. Erst 1849 gab es eine erfolgreiche Übernahme einer schon fast städtischen Siedlung der Mormonen in Nauvoo am Mississippi River. Circa 500 Anhänger lebten hier. In der Stadt existierten sehr fortschrittliche Einrichtungen, wie Kindergärten, Krankenstationen, eine Sonntagsuniversität, Wäschereien und eine Apotheke. 1856 wurde Cabet aus der Stadt ausgewiesen. 1857 meldete die Stadt Nauvoo Konkurs an.

Mit dem Lesen des Romans Ikarien von Uwe Timm tat ich mich anfangs sehr schwer. Die Fakten, welche ich vom Buch erwartete sind in eine Rahmenhandlung eingebettet. Das Thema Ikarien und utopisch kommunistische Sekten sind Teil einer deutschen Nachkriegsgeschichte. Zwar macht es die Inhalte dadurch leichter lesbar, doch empfinde ich die Geschichte, um den amerikanischen deutsch sprechenden Soldaten Michael Hansen und die Liebe zu einer Deutschen, für dieses starke Thema zu trivial. Die Rahmenhandlung ist fiktiv, das Hauptthema historisch existent. Das Buch startet mit einer Episode, in der ein behindertes Kind einen Kaugummi von einem Soldaten erhält. Das Besondere daran ist, das dieses Kind das Naziregime überlebt hat, in dem alles Minderwertige und Kranke vernichtet wurde.

Michael Hansen erhält den Auftrag, sich mit dem Eugeniker Professor Ploetz und dessen Ideologie der reinrassigen Bevölkerung, zu denen auch menschliche Versuche an Behinderte gehörten, zu beschäftigen. Da dieser 1940 verstorben ist, kann ihm nur der langjährige Freund und Dissident Karl Wagner weiter helfen. Dieser hat den Krieg, versteckt im Keller eines Antiquariates, überstanden. Nun berichtet er dem Soldaten in einer Art Verhör über 14 Tage seinen Wissensstand. Er war ein enger Freund und Wegbegleiter von Ploetz und besuchte mit ihm auch die Siedlungen Ikariens in den USA. Die Idee Ikarien kann nur mit perfekten, gesunden Menschen funktionieren. Die Gründer halten sich an Darwin: „Der Mensch – nicht mehr als Schöpfung Gottes, sondern das Resultat eines Naturgesetzes der Evolution. Und damit verbunden die natürliche Selektion als Mechanismus für Evolution.“ Doch wie weit geht natürliche Selektion?

Ploetz und Wagner studierten Medizin in Breslau. Das Wagner für Ploetz spricht hat der Autor bewusst gewählt, um eine gewissen Abstand zu gewähren. Hansen, der im Marschgepäck Ernst Bloch und E.T.A. Hoffmann mit sich führt, soll die Äußerungen bewerten. Der Roman wird zu einer Doppelbiographie von Wagner und den vier Jahre Älteren Ploetz.

Der Eugeniker Alfred Ploetz wurde am 22.08.1860 in Swinemünde geboren und starb am 20. März 1940. Er war ein deutscher Arzt und gilt als einer der Begründer der Eugenik in Deutschland. Begeistert las er Werke von Haeckel und Darwin. Sein Freundeskreis entwickelte einen Plan zur Gründung einer Kolonie in einem der pazifischen Staaten. Der Verein hieß „Pacific“ – lat. Friede. 1883 musste Ploetz vor den bismarckschen Sozialistengesetzten nach Zürich fliehen. Die Gründer des Vereins „Pacific“ waren von Etienne Cabets Ideen stark beeinflusst. Gemeinsam mit Wagner schickten sie Ploetz in die USA um Ikarien zu besuchen. 1890 heirate Ploetz das erste Mal, lies sich aber wegen Kinderlosigkeit scheiden. Seine zweite Frau war sehr vermögend, mit ihr zog er an den Ammersee und hatte drei Kinder. 1936 wurde er durch Hitler zum Professor ernannt und für den Friedensnobelpreis nominiert. Erst 1937 trat er in die NSDAP ein. Eines seiner bedeutendsten Werke war „Die Tüchtigkeit unserer Rasse und der Schutz der Schwachen“ (1895). Er ist der Großvater von Uwe Timms Frau. Wichtig für das Verständnis des Buches, er begann seine Kariere nicht als Nationalsozialist, sondern als Sozialist.

In den sehr langatmigen Verhören mit Wagner findet Hansen heraus, das Ploetz eigentlich nur an Kaninchen in seinem Schloss in Herrsching am Ammersee forschte. Genau in einem Nebenhaus des Schlosses ist der Soldat Hansen untergebracht. Er unternimmt romantische Bootsfahrten auf dem See und genießt den Sommer auf der Terrasse. Ploetz konnte seine These, dass Alkoholismus vererbbar ist, nicht nachweisen. Anders der Arzt Schilling, der von Ploetz angestachelt, wirklich Menschenversuche durchführte. Unter anderen wurden Häftlinge mit Malaria infiziert, anschließend das qualvolle und lange Sterben dokumentiert. Es stellt sich heraus das Ploetz auch Wagner half, aus dem KZ Dachau entlassen zu werden. Er wurde bei ihm gesund gepflegt und konnte mit der Hilfe der Familie das Dritte Reich überleben.

Für das Lesen des Buches wird ein großes Allgemeinwissen vorausgesetzt. Ich habe viel recherchieren müssen. Dazu wird man durch Nebenfakten, wie zum Beispiel über die Forschung des Tibet-Forschers Schaller abgelenkt. Die Frage, warum ein sozialistischer Utopist wie Alfred Ploetz zum Vordenker der Euthanasie wird, findet der Leser im Buch beantwortet. Die Antwort erschließt sich nicht sofort. Doch Fazit ist, Euthanasie ist mit Philosophie verbunden und nicht nur rechtes Gedankengut. Es ist nicht nur ein deutsches Thema. Auch in den USA und den skandinavischen Ländern gab es Regierungsprogramme zur Verbesserung der Volksgesundheit, um den Aufbau von sozialistischen Siedlungsideen zu verfolgen.

In Skandinavien, die bereits in den 30-er Jahren sozialdemokratische Länder hatten, gab es umfassende Eugenik Programme. Hier konnte, der in dem Buch beschriebene Alkoholismus zur Sterilisation führen, denn unvollkommene Menschen sind in Ikarien nicht vorgesehen.

 

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© Gunter Glücklich

Uwe Timm, geboren 1940, freier Schriftsteller seit 1971. Sein literarisches Werk erscheint im Verlag Kiepenheuer & Witsch, zuletzt Vogelweide, 2013, Freitisch, 2011, Am Beispiel eines Lebens, 2010, Am Beispiel meines Bruders, 2003, mittlerweile in 17 Sprachen übersetzt, Der Freund und der Fremde, 2005, und Halbschatten, Roman, 2008. Uwe Timm wurde 2006 mit dem Premio Napoli sowie dem Premio Mondello ausgezeichnet, erhielt 2009 den Heinrich-Böll-Preis, 2012 die Carl-Zuckmayer-Medaille und den Schillerpreis 2018.

Quelle: KiWi

 

Weitere Infos:   www.kiwi-verlag.de/buch/ikarien/978-3-462-05048-6/,   www.kiwi-verlag.de/autor/uwe-timm/107/

Bildquellen:  Jacqueline Böttger,   https://www.kiwi-verlag.de/ifiles/autor/large/autor_107.jpg

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