Undiné Radzevičiūtė – Fische und Drachen

Fische und DrachenGastrezension von Odette

 

Fische missionieren, Drachen regieren – faszinierend und exotisch zugleich

 

Undiné Radzevičiūtė

Fische und Drachen

Residenz Verlag, erschienen Februar 2017, 400 Seiten, HC 24,00 €

 

Anlässlich der Leipziger Buchmesse 2017 präsentierte sich Litauen mit seiner Literatur als Gastland. 2018 begeht das baltische Land den 100. Jahrestag der Wiedergründung des litauischen Staates. Zahlreiche Autoren präsentieren in ihren Romanen die Kultur, Wirtschaft, Architektur und Wissenschaft ihres Landes. Da viele Inhalte sehr spannend klangen, lies ich mich von den Covern inspirieren und entschied mich für das Buch von Undiné Radzevičiūtė. Fische und Drachen, eins von 26 Neuerscheinungen. Ein weiterer Anlass für diese Entscheidung, war der Literaturpreis der EU 2015. Hauptinhalt des Buches ist die Beeinflussung eines Landes durch fremde Kulturen. Aktuell leidet Litauen unter massiver Migration ins westliche Ausland. Seit 1990 haben fast eine Million Litauer ihre Heimat verlassen, alarmierend für ein Land mit knapp drei Millionen Einwohnern.

Das Buch ist so rätselhaft, wie es das Cover verspricht. Fische klar gibt es an der Ostseeküste, doch welchen Inhalt übermitteln die Drachen? Man sollte gespannt sein und sehr aufmerksam lesen. Mama Nora, Autorin erotischer Kriminalromane, lebt mit ihrer Mutter der Großmutter Amigorena und ihren erwachsenen Töchtern Miki und Schascha in einer Altstadtwohnung in Chinatown. Vor ihren Fenstern entsteht ein europäisches Chinatown. Da die Autorin eine Kosmopolitin ist, wird nicht konkret darauf hingewiesen, ob der Roman in Vilnius spielt, es könnte aber sein, da die Autorin selbst in einer Gründerzeitvilla lebte und beobachtete, wie die ersten chinesischen Migranten in Vilnius sesshaft wurden. Während Oma Amigorena die Chinesen vom Fenster beobachtet und zählt, schreibt die Enkelin Schascha über den geheimnisvollen Jesuiten und Maler Giuseppe Castiglione, der 1715 bis 1766 am Hof des Kaisers von China lebte. Sein Auftrag war ursprünglich die Chinesen zu missionieren, doch er verliebte sich so stark in die chinesische Kultur und die Frau des Kaisers, dass er immer faszinierender von ihr berichtete. Der Chinesische Kaiser der Qing Dynastie, holte den exotischen Maler an seinem Hof, weil er von ihm turkmenische Kriegspferde gezeichnet haben wollte. So steht der Drachen auf dem Cover für das Kaiserreich und die Fische als Symbol des Christentums.

 

Im Roman Fische und Drachen treten die vier Frauen in witzige und intellektuelle Wortgefechte über ihre Alltagssituation und bilden so einen zweiten Erzählstrang zum Leben der Chinesen damals und heute. Diese Erzählungen werden unterbrochen von einer literarischen Reise in die Verbotene Stadt des 18. Jahrhunderts. Das Buch ist schon etwas verworren. Man sollte es in Ruhe und mit viel Zeit lesen, um nicht die Lust daran zu verlieren. In Europa entstehen immer mehr chinesische Stadtteile, in denen uns die Chinesen ihr tolles Essen und ihre Kultur näher bringen. Schnell findet man chinesische Freunde. Sie geben uns die chinesischen Klassiker zum Lesen, man besucht mit ihnen die chinesische Oper und wird immer begeisterter. Genau so habe ich es persönlich erlebt. Was die Missionare nicht in China erreicht haben, schaffen die Chinesen in der heutigen Zeit mit ihrer sanften Migration.

Das Ende der Familie bleibt offen. Die Großmutter stirbt, die Mutter wandert mit ihren Star-Fotographen aus und beide Töchter Miki und Schascha überleben die Leere ohne Großmutter und Mutter nicht. Beide Erzählstränge enden in einer Tragödie. Mich persönlich fasziniert die Chinesische Kultur, die historischen Hintergründe des Missionierens als auch dessen Scheitern. Begeistert habe ich das Buch bis zum Ende gelesen und mich damit abgefunden, dass ein Rätsel auch ein Ende sein kann.

 

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© Agnė Gintalaitė für Moteris

Undiné Radzevičiūtė geboren 1967 in Vilnius, studierte an der Kunstakademie Vilnius Kunstgeschichte, Kunsttheorie und -kritik. Etwa zehn Jahre arbeitete sie als Artdirector für Werbefirmen wie Saatchi & Saatchi und Leo Burnett. 2003 erschien ihr erster Roman „Strekaza“, 2011 und 2013 kamen ihre Werke auf die litauische Shortlist der besten Bücher des Jahres sowie auf nationale Bestenlisten. 2015 gelang ihr der Durchbruch mit „Fische und Drachen“, das mit dem EU-Literaturpreis ausgezeichnet und derzeit in mehrere Sprachen übersetzt wird.

Quelle: Residenz Verlag

 

Weitere Infos:   www.residenzverlag.com/buch/fische-und-drachen,   www.residenzverlag.com/autor/undine-radzeviciute

Bildquellen:   Jacqueline Böttger,   https://xozrvassets.blob.core.cloudapi.de/assets/author/0001/08/thumb_7773_author_list.jpeg

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