Tom McCarthy – 8 ½ Millionen

8,5 MillionenGastrezension von Odette

Unendlichkeit

Tom McCarthy

8 ½ Millionen

Diaphanes Verlag, erschienen 2006, 300 Seiten, TB 12,95 €

 

Am Ende ist man froh, dass das Ganze nur ein Märchen ist, oder vielleicht doch wieder der Anfang der Geschichte? Könnte es nicht ein Teil eines Flugzeuges sein, welches dem namenlosen Helden auf dem Kopf fällt und ist deshalb die Vergleichssumme von 8 ½ Millionen so hoch, um den Banküberfall und die Sicherheitslücken zu verbergen? Und wäre es nicht ein Traum, die Vergangenheit zu vergessen und mit 8 ½ Millionen neu zu starten, ohne zu wissen, was einem entgangen ist?

Das Leben ist ein geschlossener Kreis und beginnt mit dem Gedächtnisverlust des namenlosen Ich-Erzählers. Dem Dreißigjährigen passiert genau dieses, bis er auf David Simpsons Party im Bad einen Riss sieht. Dieses Detail kommt ihm bekannt vor. Kann es eine Erinnerung aus seiner Vergangenheit sein? Vor ihm läuft ein Film ab. Seit dem Unfall lebt er in einer Welt, die er aktiv gestalten muss. Seine motorischen Fähigkeiten müssen bewusst gesteuert werden und die Reflexe seiner Bewegungen kommen nicht mehr so fließend, wie vor dem Unfall. Er fühlt sich als Außenstehender, als Beobachter, als Suchender.

Vor dem Unfall arbeitete er bei einer Marktforschungsfirma. Zwei Freunde begleiten ihn nach dem Unfall, von denen man allerdings nicht weiß, ob er sie schon früher gekannt hat. Spekulativ denkt man, müssten diese Beiden doch etwas über seine Vergangenheit wissen. Es fehlt ihm nicht nur an seiner Vergangenheit, sondern auch an seiner Authentizität. Doch was ist real? Auf der Suche nach der Realität verfolgt ihn eine weitere Idee. Er will das Geld nutzen, um sich seine Erinnerung nachbauen zu lassen. Im Traum kommt ihm ein Haus in den Sinn, welches er in der Vergangenheit bewohnt haben will. In Nazarul Ramvyas findet er einen Partner der für ihn dieses Grundstück beschafft und es für Nachbauten bereitstellt. Naz organisiert die Schauspieler, die Situationen rekonstruieren oder andere Handlungen wiederholen.

Als Leser muss man sich nun von der Realität trennen. Der Roman driftet in eine Fantasiewelt ab und ist auch nicht mehr so flüssig zu lesen, wie zum Beginn des Buches. Neben dem Wohngebäude wird auch eine Reifenwerkstatt für Nachspiele vorbereitet. Doch der Protagonist ist enttäuscht, denn der gigantische Aufwand hat keinen authentischen Effekt. Er findet nur teilweise seine Befriedigung, da er nicht in die Handlung einbezogen wird, sondern die Beobachterstellung einnimmt. Die Darstellung des Ich-Erzählers wird immer überheblicher und herrischer. Ein kalter Hauch streift durch das Buch. Ein Stilmittel von Tom McCarthy, um uns von der Hauptfigur zu entfremden. Ein gutes Beispiel dafür ist die Hausnachstellung, bei der Katzen auf den Dach des Nachbarhauses laufen müssen. Leider sind die Katzen nicht trittsicher und stürzen immer wieder ab. Statt diese Episode einzustellen, werden immer neue Katzen beschafft und in den Tod gestürzt. Auch Naz der Handlanger des Erzählers, steigert sich immer mehr in die Nachspiele. Zum Teil versucht er die Regie, in seine Hände zu nehmen. Man glaubt an ein Komplott, was dem Buch zum Ende hin wieder gewaltig Würze gibt.

 

Remainder

Der Höhepunkt des Buches ist ein Banküberfall, der erst als Nachspiel beginnt, für das allerdings ein sehr prominenter Bankräuber als Regisseur beschäftigt wird. Es folgen Spekulationen über Spekulation, die der Autor in seiner Art des Schreibens zulässt und fordert. Der englische Titel des Buches heißt REMAINDER. Am Ende lässt uns der Autor, der Protagonist, Naz und den Leser über das Wort „rezidual“ nachdenken. Ist alles nur verschwunden oder ist unser Leben nur Simulation? Das Buch endet mit einer Acht, das Zeichen für Unendlichkeit.

Zu dem Buch ist im November 2016 ein Film mit den Titel „Remainder“ erschienen. Diesen schaute ich mir, nachdem ich das Buch gelesen hatte, an. Natürlich bildet er nicht eins zu eins das Buch ab und anders als im Buch, steht wirklich der Banküberfall im Mittelpunkt. Diesen Banküberfall gibt es sowohl in seinem früheren Leben als auch im neuen Leben. Damit verdeutlicht Tom McCarthy die Unendlichkeit im Leben. Den Film fand ich sehr gelungen. Er ist eindeutig keine Ergänzung zum Buch, sondern hat ein Alleinstellungsmerkmal. Also Beides, das Buch und der Film, ein absolutes Muss in der aktuellen Kulturszene.

Zadie Smith schrieb in „New York Review of Books“, dass 8 ½ Millionen „einer der großen englischen Romane der letzten 10 Jahre“ sei, und behauptet weiter, dass er einen zukünftigen Weg zeige, dem der Roman „möglicherweise, mit Schwierigkeiten, folgen könnte“. Weitere Besprechungen von Zadie Smith findet ihr hier auf dem Blog unter diesem Link.

 

http://www.diaphanes.net/image.php?f=2e2e2f692f313333372f683735302e6a7067Tom McCarthy lebt als Künstler und Schriftsteller in London. Er ist Generalsekretär der International Necronautical Society, einem semi-fiktiven Avantgarde-Netzwerk, und hat zahlreiche Erzählungen und Essays veröffentlicht. »8½ Millionen«, sein erster Roman, erhielt 2008 den Believer Book Award. Sein Roman »C« stand 2010 auf der Shortlist des Man Booker Prize.

Quelle: Diaphanes

 

 

Weitere Infos:   www.diaphanes.net/buch/detail/346,   www.diaphanes.net/person/tom-mccarthy-146,   http://www.remainder-derfilm.de/

Bildquellen:   Jacqueline Böttger,   http://www.diaphanes.net/image.php?f=2e2e2f692f313333372f683735302e6a7067

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