T.C. Boyle – Die Terranauten

T.C. Boyle - Die Terranauten_CoverPerfektes PR-Konzept unter Glas

 

T.C. Boyle

Die Terranauten

Hanser Verlag, erschienen 9. Januar 2017, 608 Seiten, HC 26,00 € / der Hörverlag, 2 mp3-CDs, 26,00 €

 

Angelehnt an das in den frühen Neunziger Jahren im Bundesstaat Arizona (USA) durchgeführte Experiment „Biosphäre 2“, schickt T.C. Boyle vier Männer und vier Frauen auf ein Überlebenstraining in seine Ecosphere 2. Zwei lange Jahre sollen die Wissenschaftler das menschliche Leben unter einer mehrere Hektar großen Glaskuppel, einem in sich geschlossenen System, erhalten und ihr eigenes Überleben sichern. Nachdem das Projekt Mission 1 nach nur wenigen Wochen scheiterte, muss Mission 2 nun unter allen Umständen erfolgreich sein. Von der Außenwelt E1 getrennt und umgeben von exotischen Tieren wie Pfeiffröschen aus Puerto Rico und Galagos aus dem Senegal, sind die Terranauten vergleichbar einem Zoo unter ständiger Beobachtung. Zum einen von der für dieses Experiment verantwortlichen Mission Control, die jeden Schritt der Crew überwacht und medial vermarktet. Zum anderen von den zahlenden Besuchern sowie der Presse, die jedes Handeln durch die Glaswände beobachten als auch kommentieren kann.

Die unter Glas befindliche Ecosphere 2, kurz E2 genannt, ist per Luftschleuse betretbar. Hier soll eine sich selbst regenerierbare Ökosphäre ähnlich der Erde geschaffen als auch deren Ökologie geschlossener Systeme mit tierischen und pflanzlichen Spezies erforscht werden. Bestehend aus 5 Biomen mit Ozean und Strand, einem riesigen Kraftwerk, welches den Wasserkreislauf und die Kläranlage regelt, ist sie ein Nachbau unserer Welt im Miniformat.

 

Alles was zählt ist das Wohl der Mission!“

Der Roman wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Und so begleiten wir die drei Protagonisten Dawn, Ramsay und Linda in die verschiedenen Phasen des Experiments – vor, während und nach dem Aufenthalt in E2. Die befreundeten Nutztierwärterinnen Dawn Chapman, Ende zwanzig und zur schönsten Terranautin erkoren, und die Halbasiatin Linda Ryu, die es ihrer Ansicht aufgrund der ethnischen Herkunft nicht ins Team schaffte und jetzt auf die Nominierung für Mission 3 hofft, und zu guter Letzt der sexsüchtige PR- & Kommunikationsoffizier Ramsay Roothoorp, ein attraktiver Mittdreißiger der für Mission Control spitzelt, bilden unser Terranautenteam.

Geleitet wird das Projekt von Mission Control, der ein milliardenschwerer Investor, der Initiator und Ideengeber „Gottvater“ sowie dessen Vertraute Judy angehören. Neben den Systemen von E2 wird auch die gesamte Crew via Video, natürlich ohne deren Wissen, von Mission Control überwacht. Vergleichbar einer Sekte arbeiten alle Mitarbeiter, innerhalb wie außerhalb des Projektes, nur für Kost und Logis. Eine Vergütung gibt es nicht.

In den zurück liegenden fünf Monaten betraten die Terranauten täglich E2, um Vorräte zu lagern als auch Flora und Fauna auf den Einschluss vorzubereiten. Doch nun hat das Schließen der mächtigen Stahltür, die das Terrarium luftdicht versiegelt und scheinbar unwiderruflich die echte Welt E1 von Ecosphere E2 trennt, etwas Beklemmendes. In diesem besonderen Moment ist die Mannschaft im Geiste vereint. Die Pressekonferenz und der öffentlich zelebrierte Einschluss der Terranauten sorgen für die gewünschte Medienaufmerksamkeit. Fortan gibt es für die Terranauten nur noch ein alles bestimmendes Mantra „Nichts rein – nichts raus!“

 

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February 11-15, 1991, Oracle, Arizona, USA — Exterior of Biosphere 2 at Twilight — Image by © Roger Ressmeyer/CORBIS Die Baustelle von Biosphere 2 im Februar 1991 im Dämmerlicht.

Das alles bestimmende Mantra „Nichts rein – nichts raus!“

Modriger Geruch von sich zersetzender, regenerierbarer Flora und das Geräusch der Ventilatoren, bestimmen von nun an das Leben in der Ökosphäre. Der Ablauf in E2 erfolgt nach strengen Vorgaben. Jedes Crew-Mitglied hat seine festen Aufgaben, welche unter den subtropischen Luft- und Temperaturverhältnissen äußerst anstrengend sind. Die Tierzucht und der Pflanzenanbau nehmen oftmals mehr als die geplanten acht Stunden täglich in Anspruch. Ein besonderes Ritual und Höhepunkt jedes Tages ist das gemeinsame Essen. Auf den Tisch kommt, was E2 auf natürliche Weise zur Verfügung stellt und gekocht wird im regelmäßigen Wechsel. Samstag gibt es Fleisch.

Darüber hinaus ist es öde. Bis auf die persönlichen Dinge, die jedes Crewmitglied in seinen zwei Koffern mitbrachte, gibt es wenig Abwechslung. Ramsay bespitzelt das Team für Mission Control, pflegt sein Video-Verhältnis mit Judy und findet seine sexuelle Befriedigung in einer Affäre mit Gretchen. Auch Linda, als sogenannte Beobachterin rekrutiert, erstellt fleißig soziologische und verhaltenspsychologische Persönlichkeitsprofile und berichtet an Mission Control über jede „Anomalie“. Ein plötzlicher Stromausfall bringt die wahren Ambitionen der acht Teilnehmer ans Licht. Schnell zeigt sich, wer sich absolut der Mission verschrieben hat und für sie „sterben“ würde oder lieber seinen „Arsch“ rettet.

Vor Weihnachten verfällt Dawn dem Winterblues und kurze Zeit später auch Ramsay. Ihre Affäre verheimlichen Sie mehrere Monate gegenüber der Crew. Bis Dawn von einer morgendlichen Übelkeit gequält wird, welche sich letztlich als Schwangerschaft herausstellt. Plötzlich ist Mission 2 in Gefahr und Dawn steht vor der wichtigsten Entscheidung ihres Lebens. Um das Experiment nicht scheitern zu lassen, wird sofort der Schalter umgelegt. PR-Profi Ramsay, der E2 unter allen Umständen zum Erfolg bringen will, überzeugt Mission Control zu einer Kehrtwende. Er entwirft eine im wahrsten Sinne biblische Geschichte. Und was lässt sich besser vermarkten als die erste Geburt in einem geschlossenen System. Die Geschichte hat das Zeug zu einem einzigartigen Erfolg!

 

Doch Boyle wäre nicht Boyle, wenn er uns nicht mit einigen Wendungen überrascht.

 

Entgegen der Anmutung der Covergestaltung von Die Terranauten – wobei niemand einen Terranautenanzug und nur selten den roten Terranauten-Overall trägt – befasst sich der Roman nicht mit den ökologischen Aspekten des Projektes sondern der entstehenden Gruppendynamik à la TV-Formaten wie „Dschungelcamp“ sowie deren psychologischen Folgen. Raffiniert offenbart T.C. Boyle die stetig wachsenden Spannungen, welche unweigerlich zu Missgunst und zwischenmenschlichen Konflikten führen. Liebe, Eifersucht, Hass! Unter diesem enormen Druck zeigt sich das wahre Gesicht. So ist es nicht verwunderlich, dass auch die Moral der acht Idealisten so manches Mal auf der Strecke bleibt. Sex ist hingegen, wie so oft bei T.C. Boyles Romanen, ein wesentlicher Bestandteil der Handlung und hat wie zu erwarten seine Folgen.

Nachdem ich das Buch in wenigen Tagen gelesen hatte, erfreute ich mich im wahrsten Sinne des Wortes nochmals an dem Hörbuch. Mit den drei Sprechern August Diehl, Ulrike C. Tscharre und Eli Wasserscheid hat der Hörverlag eine sehr gute Wahl getroffen. Sie bieten die komplette Bandbreite menschlicher Emotionen. So verkörpert August Diehl selbstgefällig und abgeklärt den Frauenheld Ramsay, der zum Schluss doch noch kalte Füße bekommt. Der zielstrebigen und sich absolut der Sache verschriebenen Dawn leiht Eli Wasserscheid ihr Stimme. Kraftvoll lässt sie keinen Zweifel an dem Erfolg des Experiments aufkommen. And last but not least oder vielleicht doch ein wenig die Verliererin, wird Linda von Ulrike C. Tscharre gesprochen. Ihre Enttäuschungen, Konflikte und Hoffnungen sind hörbar und fühlbar zu gleich. Ein wunderbares Trio!

 

http://images01.kurier.at/boyle_-001_KURIER%2B_gruber%2Bfranz.jpg/286.824T. Coraghessan Boyle, 1948 in Peekskill, N.Y., geboren, unterrichtete an der University of Southern California in Los Angeles. Bei Hanser erschienen zuletzt Willkommen in Wellville (Roman, 1993), América (Roman, 1996), Riven Rock (Roman, 1998), Fleischeslust (Erzählungen, 1999), Ein Freund der Erde (Roman, 2001), Schluß mit cool (Erzählungen, 2002), Drop City (Roman, 2003), Dr. Sex (Roman, 2005), Talk Talk (Roman, 2006), Zähne und Klauen (Erzählungen, 2008), Die Frauen (Roman, 2009), Das wilde Kind (Erzählung, 2010), Wenn das Schlachten vorbei ist (Roman, 2012), San Miguel (Roman, 2013), die Neuübersetzung von Wassermusik (Roman, 2014), Hart auf hart (Roman, 2015), die Neuübersetzung von Grün ist die Hoffnung (Roman, 2016) und Die Terranauten (Roman, 2017).

Quelle: Hanser Literaturverlage

 

Im Februar 2017 startet T.C. Boyle seine Lesereise in Deutschland. Auch ich werde ihn am 22. Februar live in Berlin erleben und freue mich schon sehr auf seine Lesung sowie ihn im Anschluss persönlich zu treffen. Er ist absolut publikumsnah und wie ich ihn kenne, wird er sich wieder viel Zeit für seine deutschen Fans nehmen. Natürlich werde ich euch von der Lesung berichten. Wer ihn selbst erleben möchte, kann hier noch sein Glück versuchen, um ein Ticket zu ergattern. Viel Erfolg!

Hier auf dem Blog könnt ihr weitere Rezensionen von T.C. Boyle wie „Hart auf Hart“ und „Grün ist die Hoffnung“ erleben. Folgt einfach den Links und euch erwartet ein amerikanisches Lesevergnügen! Darüber hinaus kann ich allen T.C. Boyle-Fans die website www.tcboyle.de, powered by wortmax, sowie www.tc-boyle.de vom Carl Hanser Verlag empfehlen. Hier erfährt ihr alles Wissenswerte über T.C. und werdet immer über Neuerscheinung sowie Deutschlandbesuche auf dem Laufenden gehalten.

 

Enjoy the reading! 🙂

 

Weitere Infos:    https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/die-terranauten/978-3-446-25386-5/,   https://www.randomhouse.de/Hoerbuch-MP3/Die-Terranauten/T.C.-Boyle/der-Hoerverlag/e508633.rhd,   http://www.spiegel.de/einestages/projekt-biosphaere-2-a-947336.html

Bildquellen:   Jacqueline Böttger – Cover,  http://cdn1.spiegel.de/images/image-633648-galleryV9-wbhd-633648.jpg,   http://images01.kurier.at/boyle_-001_KURIER%2B_gruber%2Bfranz.jpg/286.824

One thought on “T.C. Boyle – Die Terranauten

  1. Hatte mich schon „Wenn das Schlachten vorbei ist“ viel Mühe bereitet es zu Ende zu bringen, so war ich auch bei „Die Terranauten“ einige Male kurz davor, von T. C. Boyles neuestem Werk abzulassen. Die Geschichte basiert wie man es vom Autor gewohnt ist auf echten Tatsachen, Boyle kann hier aber weder die historischen Gegebenheiten mit seinem sonst gängigen Wortwitz aufwerten, noch den gezwungenermaßen auf unsympathisch getrimmten Figuren ein interessantes Leben einhauchen. Dazu ist die Konstruktion banal, die Geschichte vorhersehbar und das Ende durch und durch unbefriedigend. Sehr zahm und dröge und kaum zu vergleichen mit seinen mich heute noch belustigenden Klassikern wie „Grün ist die Hoffnung“ oder „Wassermusik“.

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