Susann Pásztor – Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster

Susann Pásztor - FensterKarlas letzter Weg

Susann Pásztor

Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster

KiWi, erschienen Februar 2017, 288 Seiten, HC 20,00 €

 

Zunächst eines vorab, das Thema des Romans ist harter Tobak. Und ehrlich gesagt, hat mich erst die Einladung zum meet & greet mit der Autorin Susann Pásztor, auf dem diesjährigen KiWi-Bloggertreffen im Rahmen der Leipziger Buchmesse, neugierig gemacht. Ich folgte dem Link zum Buch und die Covergestaltung mit seinen leuchtenden Farben, versprach neben dem sicher sehr bewegenden Seiten auch erhellende Augenblicke. Diese fand ich dann auch in dieser berührenden Geschichte der drei Protagonisten Karla, Fred und seinem Sohn Phil, welche mir sehr ans Herz gewachsen sind. 

Im Mittelpunkt steht die an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankte, sechzigjährige Karla. Erst vor kurzem, nach jahrzehntelanger Deutschland- und Familienabstinenz, aus Spanien zurückgekehrt, eine lebensverlängernde Chemotherapie abgebrochen, ordnet sie nun die letzten Monate ihres Lebens. Sie ist geheimnisvoll, ihre Wohnung ist voller Fotos einer alten Band und niemand kennt die Zusammenhänge. Ohne familiäre Kontakte wird der selbstbewussten Karla eine Sterbebegleitung empfohlen.

Hier kommt der liebenswerte, geschiedene Mittvierziger Fred, mit seinem Hang zur Überpünktlichkeit, ins Spiel. Als unscheinbarer Sachbearbeiter bei einer Versicherung und nach der Scheidung von seiner Frau Sabine, welche nach einem Esotheriktrip wieder liiert ist, sucht er eine neue Aufgabe. Findet diese in der freiwilligen Sterbegleitung in einem Hospiz als auch der häuslichen Betreuung der Patienten. Karla ist sein erster Fall.

 

Distanzen überwinden

Bereits das erste Treffen der beiden lässt uns die Spannungen spüren. Karla will Distanz und lässt Fred sofort nach dem ersten Kontakt ihre Ablehnung offen spüren. Karla will kein Mitleid, keine to-do-Listen „was ich noch erleben will, bevor ich sterbe“. Doch Fred übt Zurückhaltung und bleibt auf seine liebenswerte Art hartnäckig. Die Distanz zwischen Ihnen, beginnt zu schwinden als Fred von seinem Sohn Phil erzählt. Er ist sein absoluter Lebensinhalt, alleinerziehend lebt er mit dem Vierzehnjährigen zusammen. Wie zu erwarten, gestaltet sich das Zusammenleben nicht ganz einfach. Der pubertierende Phil hat ähnlich seinem Vater wenig soziale Kontakte und zu dem noch mit seiner Kleinwüchsigkeit, die ihn nicht selten dem Mobbing seiner Mitschüler aussetzt, schon genug zu tun. Da hält er seinen Vater lieber auf Abstand, dichtet heimlich und pflegt sein „Wörter-Krankenhaus“ für überflüssige Worte. Karla möchte Phil gern kennenlernen und bietet ihm als Deal einen Job an. Er soll die Negative ihrer geheimnisvollen Fotosammlung digitalisieren und archivieren. Nach einem Treffen mit Karla weicht die anfängliche Angst vor der, aus seiner Sicht schon halbtoten Karla, die vielleicht in seinem Beisein sterben könnte. Eine vertrauensvolle Beziehung beginnt.

Doch in dem Gedanken, Karla ein letztes schönes Weihnachtsfest zu bereiten und seinem Wunsch, sie mit ihrer Schwester Gudrun zu versöhnen, begeht Fred einen großen Fehler. Karla ist entsetzt, sagt umgehend beim Hospiz die Sterbebegleitung ab. Phil hingegen besucht Karla weiterhin und macht seinen Job. In den regelmäßig stattfindenden Supervisionstreffen mit Gleichgesinnten im Hospiz findet Fred die Kraft, über seinen größten Fehler, die gut gemeinte Versöhnungszeromenie, und Karlas folgende Ablehnung hinwegzukommen. Erst ein Fahrstuhldefekt in Karlas Haus führt beide wieder zueinander und ermöglicht einen Neubeginn seiner inzwischen freundschaftlichen Begleitung.

Nach und nach komme ich der taffen Karla, die wenig von sich preisgibt, näher. Zwischen den Kapiteln folgt eine Aufzeichnung von den „Meilensteinen“ ihres Lebens. So lässt uns die Autorin vage und sehr vorsichtig an Karlas Gefühlskarussell teilhaben. Karla hat klare Vorstellungen und will ihr Leben gezielt und in ärztlicher sowie der Begleitung von Fred und Phil beenden. Diese Extremsituationen führen auch Fred und Phil näher zusammen und gipfeln in einer respektvoll, harmonischen Vater-Sohn-Beziehung.

 

Immer noch ein Tabuthema

Die Themen Tod und Sterbebegleitung sind in unserer Gesellschaft immer noch eine Randerscheinung, mit dem man sich bis zuletzt nicht beschäftigen möchte. Erst in dem Moment, wenn man in seinem persönlichen Umfeld betroffen ist, kommt man um die Auseinandersetzung nicht mehr herum. Ich bewundere die Menschen in den Ländern, in denen der Tod nicht als Tabuthema sondern als Teil des Lebens offen behandelt wird. Ich glaube, dass dieser Umgang einiges erleichtert. Ich schätze Susann Pásztor dafür, wie offen sie mit dem Thema Sterbebegleitung umgeht.

Wie bereits zu Beginn des Beitrages erwähnt, durfte ich die wunderbare Autorin auf der Leipziger Buchmesse kennenlernen. Beim KiWi-Bloggertreffen erzählte die in Berlin lebende Autorin von ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit als Sterbebegleiterin. Das Schreiben ist für sie eine Art Therapie, mit der sie die emotional anstrengenden Momente verarbeitet. In ihrer Geschichte kontrolliert die bald sterbende Karla die Situation, im wahren Leben ist es eher umgekehrt. Über die Verantwortung zu ihren gewählten Figuren sagt Susann Pásztor „Ich habe mein Personal irrsinnig lieb“ und schloss liebevoll mit dem Fazit „Anders und besser hätte ich das Buch nicht schreiben können.“

 

 

In ihrem Roman ist es ihr gelungen, Schmerz und Leid anzusprechen jedoch nicht zu sehr zu vertiefen. Dies empfinde ich sehr angenehm und macht mir die Auseinandersetzung mit diesem Thema einfacher. Es geht in erster Linie um die zwischenmenschliche Ebene und das Verständnis für Fred und Karla. Die von Susann Pásztor verwendete Metapher das „Fenster öffnen“ steht für den letzten Akt, das Loslassen. Mit dem symbolischen öffnen des Fensters kann die Seele des Verstorbenen nach draußen gehen und zugleich ist dies im Hospiz ein wohl bekanntes Zeichen. Der letzte Weg ist geschafft.

 

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© Sven Jungtow

Susann Pásztor, 1957 in Soltau geboren, lebt als freie Autorin und Übersetzerin in Berlin. Ihr Debütroman »Ein fabelhafter Lügner« (KiWi 1201, 2011) erschien 2010 und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. 2013 folgte der Roman »Die einen sagen Liebe, die anderen sagen nichts« (KiWi 1326). Sie hat die Ausbildung zur Sterbebegleiterin abgeschlossen und ist seit mehreren Jahren ehrenamtlich tätig.

Quelle:   Kiepenheuer & Witsch (KiWi)

 

Nachdenklich und zugleich berührend schön! Ein lesenswertes Buch zum Umgang mit dem Sterben verbunden mit einer bewegenden Vater-Sohn-Beziehung. Trotz eines schwierigen Themas ist Susann Pásztor ein absolut lebensbejahender Roman gelungen. Chapeau!

 

Weitere Infos:   www.kiwi-verlag.de/autor/susann-psztor/1328/,    www.kiwi-verlag.de/buch/und-dann-steht-einer-auf-und-oeffnet-das-fenster/978-3-462-04870-4/

Bildquelle:   Jacqueline Böttger – diverse,   http://www.kiwi-verlag.de/ifiles/autor/large/autor_1328.jpg

5 thoughts on “Susann Pásztor – Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster

  1. Ich hab Frau Pásztor auf der Buchmesse auch interviewt und das Buch besprochen – ähnlich wie du war ich von beidem sehr berührt! Es ist wichtig und wundervoll, wie sie dieses schwere Thema in einen Roman einbaut, der das Thema Tod zu etwas „ganz normalem“ werden lässt – denn das ist es ja eigentlich…

    • Das stimmt, ich glaube mit diesem Buch sind wir auf dem richtigen Weg. Auch wenn es weh tut…
      Das kann und soll uns auch niemand nehmen!

  2. Oh wow, das ist ja wirklich ein großes Thema und die Lektüre ist bestimmt nicht für jeden etwas, oder? Aber trotzdem gut, dass die Autorin darüber schriebt und es so einer öffentlichen Diskussion zugänglich macht und die Auseinandersetzung mit einem Thema fördert, dass die meisten wohl eher scheuen.
    Klingt nach einem interessanten Buch, das ich mir auf jeden Fall merken werde.
    Liebe Grüße, Julia

    • Liebe Julia,
      ja, das Thema ist nicht ohne, aber ich finde es wichtig sich damit zu beschäftigen. Susann Pàsztor ist es sehr gut gelungen, sich auf angenehme und in gewisser Weise auch positiv mit dem Thema der Sterbegleitung auseinander zu setzen. Ich kann dieses Buch absolut empfehlen und bin gespannt auf deine Meinung.
      Liebe Grüße
      Jacqueline

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