Siri Hustvedt – Der Sommer ohne Männer

Mittagspause mit Siri HustvedtGastrezension von Odette

Eine weibliche Generationsanalyse

 

Siri Hustvedt

Der Sommer ohne Männer

Rowohlt Verlag, erschienen Juni 2012, 300 Seiten, TB 9,99 €

 

Wäre da nicht das Gefühl, vom Ehemann Boris betrogen worden zu sein, dann hätte es ein sehr interessanter Sommer für die New Yorker Dichterin Mia werden können. Nach langjähriger, erfolgreicher Ehe und einer gemeinsamen, bereits erwachsenen Tochter Daisy, kriselt es in der Ehe beiden best ager. Boris geht mit der deutlich jüngeren Assistentin fremd, Mia bekommt einen Nervenzusammenbruch und trifft die Entscheidung einen Sommer, in der Nähe ihrer Mutter zu verbringen.

Genug Stoff für eine Seifenoper mit viel Kitschpotenzial. Doch wenn man dies toleriert, entdeckt man auch die Feinheiten des Romans. Geht es in ihm doch um Frauenschicksale, in den unterschiedlichsten Alters- und Lebenssituationen, einer Mutter-Tochter Beziehung und natürlich, um die Beziehung von Mann und Frau.

Der Ort in dem Mia den Sommer verlebt, liegt in einem Provinznest, mitten in der Prärie von Minnesota. Um die Zeit vor Ort sinnvoll zu gestalten, bietet Mia einen Lyrikkurs an der Highschool an und ist umgeben von jungen Mädchen an der Schwelle zum Erwachsenwerden. An den Nachmittagen trifft sie sich mit ihrer Mutter und deren vier betagten Freundinnen zum Lesekreis, mit dem Namen „Fünf Schwäne“. Kommt sie in ihr zu Hause auf Zeit, trifft sie die junge Nachbarin, welche Mutter von zwei kleinen Kindern ist und deren Mann, der mit der Situation überfordert scheint. Ihre eigene erwachsene Tochter lebt wie ihre Eltern in New York und hat sich zur Aufgabe gemacht, sich während Mias Abwesenheit um den Vater Boris und dessen Liebeschaos zu kümmern.

Harmonisch und einfühlsam wird im Roman beschrieben, wie das Leben den Frauen mitspielt. Die Sätze sind sehr sensibel formuliert und lassen einen tiefen Einblick in die zerbrechlichen Charaktere zu. Gefühlvoll beschreibt sie die Phase von der ersten Periode bis zum Tod einer Freundin der Mutter. In diesen Berichten merkt man ihr Studium der Psychoanalyse. Gerade weil es sich hier um das Thema Mann & Frau und die Psyche von Frauen dreht, ist dieses Buch auch Männern zu empfehlen. Manchmal fand ich die Verknüpfungen zwischen den Episoden zu sprunghaft und das Lesen gelang nicht so flüssig. Auch gewisse voyeuristische Andeutungen finde ich grenzwertig. Den E-Mail-Verkehr mit dem anonymen Verfasser namens „Niemand“, habe ich als Rückkopplung an sich selbst verstanden.

Insgesamt bewerte ich Der Sommer ohne Männer als eine angenehme Sommerlektüre. Weniger kitschig und sogar versöhnlich finde ich den Ausspruch am Ende des Buches, dass die eigene Frau, doch am besten, die Socken ihres Mannes wäscht. Abschließend sei noch zu erwähnen, dass Siri Hustvedt die Ehefrau des erfolgreichen Schriftstellers Paul Auster ist. Sein Roman 4321 ist in diesem Jahr ebenfalls bei Rowohlt erschienen. Eine Rezension seines Buches findet ihr auch demnächst hier auf dem Blog.

 

https://www.rowohlt.de/bild/173c/2683449/3/416/af_hustvedt-siri_001.jpg

© Marion Ettlinger

Siri Hustvedt, geboren in Northfield, Minnesota, studierte Literatur an der New Yorker Columbia University und promovierte mit einer Arbeit über Charles Dickens. Sie lehrt an der psychiatrischen Abteilung des Weill Medical College in Cornell und lebt in Brooklyn. Bislang hat sie sechs Romane publiziert, mit Was ich liebte hatte sie ihren Durchbruch. Zugleich ist sie eine profilierte Essayistin.

Quelle: Rowohlt

 

Dieses Buch wählten wir aus den Buchvorschlägen unseres Literaturkreises Berlin und besprachen es im Restaurant Turnhalle in Berlin-Friedrichshain. Folge dem Link und du erfährst unter Lesevergnügen erleben & geniessen, ob sich eine Besuch der Turnhalle lohnt. 😉

 

Weitere Infos:   http://sirihustvedt.net/

Bildquellen:   Jacqueline Böttger,   https://www.rowohlt.de/bild/173c/2683449/3/416/af_hustvedt-siri_001.jpg

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