Shida Bazyar – Nachts ist es leise in Teheran

Shida Bazyar (1)Die Zukunft ist grün

 

Shida Bazyar

Nachts ist es leise in Teheran

KiWi Verlag, erschienen Februar 2016, 288 Seiten, HC 19,99 €

 

Nachts ist es leise in Teheran schaut zurück auf 40 Jahre politisches Geschehen in Iran, seine Entwicklung von einer Monarchie zur islamischen Republik. Der Roman beginnt 1979 mit dem Sturz des Schahs, gefolgt von der Machtergreifung Kohmeinis und dem darauffolgenden Krieg. Die Geschichte wird aus vier Perspektiven einer iranischen Familie erzählt. In jeweils zehnjährigem Abstand kommen zunächst die Eltern, Behsad und seine Frau Nahid, anschließend Tochter Laleh und Sohn Morad zu Wort.

 

Shida Bazyar (2)Schon die Formulierungen der ersten Seiten wecken in mir augenblicklich Erinnerungen. Ich ziehe Parallelen zur friedlichen Revolution in der DDR. Shida Bazyar zeigt prägnant die Gesinnung eines diktatorischen Staates, in dem das Volk die ideologischen Phrasen hinnimmt und sich seine eigene lebenswerte Welt schafft. In solch einer Zeit entwickelt sich ein Gefühl dafür, mit wem man politische Themen vertraulich besprechen kann und wie man sich im öffentlichen Leben verhält, ohne gegen die „Regeln“ zu verstoßen. Doch nicht alle arrangieren sich mit diesem Zustand.

Die Geschichte erzählt vom jungen Studenten Behsad, der sich mit seinen Freunden aktiv für eine Veränderung einsetzt. Er legt seine ganze Hoffnung in den Kommunismus. Lebt im Untergrund, verteilt illegal Flugblätter und setzt für die Revolution sein Leben aufs Spiel. In dieser Zeit lernt er seine Frau Nahid kennen. Ausweglos begeben sie sich als kleine Familie auf die Flucht. In Richtung Istanbul via Ost-Berlin kommen sie letztlich in Westdeutschland an. Von hier aus wollen sie nach Kriegsende auch wieder in den Iran zurück kehren.

 

Vier Perspektiven

Zehn Jahre später, im Jahr 1989 inzwischen mit zwei kleinen Kindern in Deutschland lebend, erzählt Nahid weiter. Ich spüre die Skepsis gegenüber ihrem neuen Leben, indem sie ihre Wirkung auf andere Menschen reflektiert. Sie fragt sich, wie die Deutschen ihre deutsche Sprache mit persischem Akzent empfinden. Erkennen sie Behsads Vergangenheit, seinen Kampf für Veränderung und Gerechtigkeit oder sehen sie in ihm nur einen weiteren Ausländer, der ins Land kommt. Von Ulla und Walther, einem älteren Paar aus einfachen Verhältnissen, werden sie unterstützt und schnell ins Herz geschlossen. Kritisch betrachtet Nahid die deutsche Kultur, die Emanzipation der Frauen und die Entwicklung der Kinder, welche frei von Konventionen aufwachsen. Die deutsche Bürokratie für eine Aufenthaltsgenehmigung wird thematisiert, da zunehmend Menschen kommen, die nicht aus Kriegsgebieten stammen. Die Entscheidung über ihren Aufenthalt lässt noch auf sich warten, inzwischen besuchen Behsad und Tochter Laleh die Schule. In ihr keimt der Gedanke das in Iran abgebrochene Studium fortzusetzen.

Im dritten Abschnitt ab 1999 begegnen wir, der inzwischen sechzehnjährigen Laleh. Als Vierjährige nach Deutschland gekommen und hier aufgewachsen, fliegt sie nun das erste Mal mit ihrer Mutter Nahid und der kleinen Schwester Tara in den Iran. Vater und Sohn verzichten hingegen auf die Reise. Nachdem alle Vorkehrungen wie die Beantragung eines iranischen Passes, erstmaliges Tragen eines Kopftuches für das Foto und das Briefing zu den Verhaltensregeln vor Ort getroffen sind, geht es in die Heimat. Doch schon hier beginnt Laleh zu zweifeln. Ist dies ihre Heimat oder eher ein fremdes Land, welches sie wie eine Urlauberin besucht. Unsicherheiten zeigen sich in ihrem Verhalten und der Kommunikation. Nicht allein die sprachlichen Barrieren, wo sie doch dachte die persische Sprache, mit der sie aufwuchs, zu beherrschen. Schnell bemerkt sie die kulturellen Unterschiede und das ihr freiheitliches Leben mit Freund in Deutschland, hier in Iran undenkbar wäre.

Weitere zehn Jahre später kommt Mo zu Wort. Als jüngstes Mitglied der damals geflohenen Familie ist er mittlerweile Mitte Zwanzig. Stilistisch baut Shida Bazyar hier Parallelen zum damaligen Leben des Vaters Behsad in Iran auf. Wieder begegnen wir dem Studentenleben, es schließt sich gewissermaßen der Kreis. Widerholt stehen Widerstand und Streiks im Mittelpunkt. In Deutschland geht es um Studiengebühren zur gleichen Zeit in Iran flammt die grüne Revolution auf. Wie damals hegt sie große Ziele, die politische Bewegung wird erstmals via Social Media in die gesamte Welt transportiert. Wohlstandsthemen in Deutschland stehen der politischen Entwicklung einer gesamten Generation, verbunden mit Tod und Ungerechtigkeit, gegenüber. Ein Zwiespalt der Gewichtung tut sich auf. Mo glaubt fest daran, dass jetzt die islamische Revolution gelingen kann und seine Eltern von dem Warten und Hoffen erlösen wird. Mit seiner kleinen Schwester Tara, welche den Roman mit einem Epilog beendet, besucht Mo die Demonstration der Exiliraner in Deutschland. Sie wollen die politischen Aktivitäten ihrer Eltern zum Ziel führen.

 

Ausgezeichnet mit dem Debüt des Jahres

Mit Nachts ist es leise in Teheran ist Shida Bazyar ein einfühlsamer als auch kritischer Roman gelungen. Die in Iran geborene und in Deutschland aufgewachsene Autorin arbeitete mehrere Jahre an ihrem ersten Roman. In diesem Jahr wurde er von Literaturbloggern zum Debüt des Jahres 2016 gewählt. Als besonderes Stilmittel verzichtet sie auf die Verwendung der Anführungszeichen für die wörtliche Rede. Anfangs las es sich ungewöhnlich, aber nach kurzer Zeit habe ich dies im Lesefluss nicht mehr wahrgenommen. Ich lernte Shida Bazyar während einer Lesung auf der LitBlog Convention in Köln kennen. Sie beeindruckte mich mit ihrer Offenheit und ich vermute, dass sie persönliche Erlebnisse in ihrem Roman eingebunden hat. Aus meiner Sicht eine klare Leseempfehlung zu einem wichtigen Thema unserer Zeit.

 

Das Debüt - Bloggerpreis 2016 (2)Shida Bazyar, geboren 1988 in Hermeskeil, studierte Literarisches Schreiben in Hildesheim, bevor sie nach Berlin zog, um ein Doppelleben zu führen. Halbtags ist sie Bildungsreferentin für junge Menschen, die ein Freiwilliges Ökologisches Jahr in Brandenburg machen, die verbleibende Zeit verbringt sie als Autorin. Neben Veröffentlichungen von Kurzgeschichten in Zeitschriften und Anthologien war sie Stipendiatin des Klagenfurter Literaturkurses 2012 und Studienstipendiatin der Heinrich-Böll-Stiftung. Für ihren Debütroman wurde sie mit dem Kulturförderpreis der Ev.-lutherischen Landeskirche Hannover, dem Bloggerpreis für Literatur und mit dem Ulla-Hahn-Autorenpreis ausgezeichnet.

Quelle: KiWi Verlag

 

 

Weitere Infos:   http://www.kiwi-verlag.de/buch/nachts-ist-es-leise-in-teheran/978-3-462-04891-9/,   http://www.kiwi-verlag.de/autor/shida-bazyar/1784/

Bildquellen:   Jacqueline Böttger – diverse  

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