Saša Stanišić – Vor dem Fest

Vor dem Fest - Cover.jpgSo eine Nacht ist das

 

Saša Stanišić

Vor dem Fest

Luchterhand Literaturverlag, erschienen März 2014, 320 Seiten, HC 19,99 €/ TB 9,99 € / Hörbuch, Hörbuchverlag, 6 CDs, 14,99 €

 

Erstmalig bin ich auf Saša Stanišić aufmerksam geworden als ich das Literaturfestival Wortgarten in der Uckermark entdeckte, welches im August letzten Jahres stattfand. Und dies im verschlafenen Uckermarkdorf Fürstenwerder, das mit seiner Künstlerscheune, der Ernst-Thälmann-Straße (obwohl jedes Dorf im Osten wohl eine nach ihm benannte Straße hatte) sehr dem fiktiven Fürstenfelde im Roman Vor dem Fest ähnelt. So passte es natürlich auch, dass Saša Stanišić zu den teilnehmenden Künstlern gehörte und auf Fürstenfeldes Spuren unterwegs war. Er führte die Gäste zu den markanten Orten seines Romans, durch das heutige Fürstenwerder und las dort aus seinem Buch. 

 

http://www.intellectures.de/wp-content/gallery/literarischer-spaziergang-mit-sasa-stanisic/Spaziergang-2.jpgSein Foto (intellectures.de), im Grünen von interessierten Zuhörern stehend und aus seinem Buch vorlesend, weckte in mir die Neugier auf seinen Roman. Erst bei meinen späteren Recherchen zum Roman stellte ich fest, dass sich Saša Stanišić gezielt in Fürstenwerder aufgehalten hatte. Hier sammelte er Eindrücke, Details und persönliche Geschichten, welche er später in seinem Fürstenfelde einbrachte. Da nicht nur der Ortsname sondern auch einige Romanfiguren große Ähnlichkeiten aufweisen, ist es nicht verwunderlich, dass sich Fürstenwerder inzwischen zu einem Pilgerort der Buchliebhaber entwickelt hat.

Wie bereits in Juli Zehs Unterleuten begegnet mir also erneut ein fiktives ostdeutsches Dorf, wobei Stanišićs Roman schon 2014 erschien. Es wirkt wie ein Trend. Nirgends kann man besser das Zusammentreffen von Vor- und Nachwendezeit und somit der Ost- und Westdeutschen thematisieren als auf kleinstem Raum – einem ostdeutschen Dorf. Inzwischen ist Saša Stanišićs neuer Roman Der Fallensteller erschienen, doch bevor ich diesen zur Hand nehme, wollte ich unbedingt Vor dem Fest lesen.

 

Das Annenfest zwischen Tradition und Sterni

Wir erleben die Herbstnacht vor dem Fest. Eine Nacht voller Begebenheiten zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart wird inszeniert. Das Dorf bereitet das jährliche Annenfest vor, wobei kaum jemand noch dessen Bedeutung kennt. Es wird ohne das Festhalten an die jahrhundertealten Traditionen und Gebräuche begangen, nichts ist mehr wie früher. Keine geschmückten Häuser, keine Mädchen mit bunten Gewändern, Blumen und flatternden Bändchen im Haar. Heute ist es nur noch die Fürstenfelde-Party mit Sterni und Schnittchen.

Das fiktive Fürstenfelde in der Uckermark ist ein aussterbender Ort, die Bevölkerungszahlen seit Jahren rückläufig und das alte Handwerk stirbt aus.

Der Fährmann ermöglichte die einzige Überquerung des Sees, da die Umgehung des selbigen durch die ungepflegten und schwindenden Ufer nicht mehr gegeben ist. Doch nun ist der Fährmann tot und die Folgegeneration kennt sich mit diesem traditionellen Beruf nicht mehr aus, geschweige denn, sie könnte davon leben. Auch einen Glöckner hat Fürstenfelde noch, sogar einen Lehrling.

Doch die Jugend verlässt das Dorf, um der Perspektivlosigkeit der Uckermark zu entkommen. Die einzig Verbliebenen sind Johann, Lada und der stumme Suzi. Ein tätowiertes Rudel, welches sich für Wolfaufzucht interessiert und regelmäßig Autos in den zwei Seen versenkt. Ihre Abende verbringen sie, mit einem „Sterni“ in der Hand, in Ulli’s Garage. Dem Anlaufpunkt aller Männer des Dorfes, denn die Uckermark ist bekannt für ihre „Garagenkultur“, die Autos parken auf der Straße, in der Garage wird geschraubt und natürlich viel gefeiert. Dies resultiert vor allem aus den fehlenden Kneipen, die die Wendezeit nicht überlebt haben.

 

Wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen

Das Dorf ist voller Rentner, die irgendwie den Tag rumkriegen und kleinen Nebenjobs nachgehen müssen, um über die Runden zu kommen. Und so ist es auch nicht überraschend, dass die Protagonisten mit den üblichen DDR-Vergangenheiten zu kämpfen haben. Die alte Malerin Kranz hat bereits vier tiefgreifende politische Veränderungen in ihrem Leben erlebt, manches davon hat sie in ihren Fürstenfelder Bildern festgehalten. Mit dem Glöckner, Oberstleutnant Schramm, dem ehemaligen Briefträger Ditsche und Frau Schwermuth gehört sie zur alten Garde.

Der unter Stasi-Verdacht stehende Briefträger Ditsche, versucht sich heute mit seinen Hühnern über Wasser zu halten. Schafft es mit seiner Bioeier-Box, sogar zum Postkartenmotiv für das Fürstenfelde-Marketing „Idyllische Uckermark“ zu werden. Damit ausgelaugte Berliner das Uckermärker Dorfglück finden, das in Wahrheit ganz anders aussieht. Frau Schwermuth ist die depressive Hüterin der Fürstenfelder Chronik, die ihrem Namen alle Ehre macht, akribisch das „Haus der Heimat“ verwaltet und dieses alle Jahre wieder zum Annenfest aufleben lässt. Aber auch „Zugezogene“ müssen sich einbringen und beweisen. Frau Reif macht das, die aus Düsseldorf stammende Frau betreibt in der alten, inzwischen modernisierten Scheune eine Keramikwerkstatt.

And last but not least, Schramm. Ein ehemaliger Oberstleutnant der NVA, „ein Mann mit Haltung und Haltungsschaden“, mehrmals im Leben gestrandet, scheitert nun auch noch bei der Online-Partnersuche. Bei dem Versuch, sich das Leben zu nehmen, trifft er auf die junge Anna. Sie wird nach dem Fest das Dorf verlassen, „damit aus ihr mal was wird“ und somit begleiten wir sie in dieser Nacht Vor dem Fest.

 

Saša Stanišić ist ein Geschichtenerzähler, er flechtet in seine Handlung historische Ereignisse und Überlieferungen des fiktiven Fürstenfeldes gekonnt und spannend ein. Oft fragt er sich dabei „Wer schreibt eigentlich die Geschichte? … natürlich immer der, der überlebt!“ . Auch Füchse haben es ihm angetan wie schon auf dem Buchcover ersichtlich ist. Seine Sprache ist gewählt, lyrisch und zum Teil auch gereimt. Gekonnt passt er sich der Sprache seiner Akteure an, mal schnoddrig und cool, mal distanziert und ausweglos. Es ist eine wahre Freude, ihm zu folgen.

Ein ganz besonderer Genuss ist das vom Autor eingesprochene Hörbuch. Seine Stimme klingt angenehm mit einem warmen Akzent. So fühlt man sich ihm in seinen Geschichten noch näher und ist sozusagen mittendrin!

 

http://www.randomhouse.de/content/author/image/19642_xl.jpg

© Katja Sämann

Saša Stanišić wurde 1978 in Višegrad in Bosnien-Herzegowina geboren und lebt seit 1992 in Deutschland. Sein Debütroman Wie der Soldat das Grammofon repariert begeisterte Leser und Kritik gleichermaßen und wurde in 31 Sprachen übersetzt. Vor dem Fest war ein SPIEGEL-Bestseller und ist mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden, darunter dem renommierten Alfred-Döblin-Preis sowie dem Preis der Leipziger Buchmesse 2014. Saša Stanišić lebt und arbeitet in Hamburg.

Quelle: Random House

 

 

 

 

Weitere Infos:    http://www.randomhouse.de/Autor/Sasa-Stanisic/p157719.rhdhttp://www.randomhouse.de/Buch/Vor-dem-Fest/Sasa-Stanisic/Luchterhand-Literaturverlag/e210016.rhd#\|info,  http://www.wortgarten.de/,  http://fürstenfelde.de/,  http://www.fuerstenwerder-seengebiet.de/fuerstenfelde

Bildquelle: Jacqueline Böttger – Cover, http://www.intellectures.de/wp-content/gallery/literarischer-spaziergang-mit-sasa-stanisic/Spaziergang-2.jpg,   http://www.randomhouse.de/content/author/image/19642_xl.jpg

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.