Saša Stanišić – Fallensteller

Sasa Stanisic - FallenstellerGastrezension von Odette

Ideensammler in acht Erzählungen

 

Saša Stanišić

Fallensteller

Luchterhand Literaturverlag, erschienen Mai 2016, 279 Seiten, HC 19,99 €/ Hörbuch, der Hörverlag, 4 CDs, 19,99 €

 

 

Ich finde Bäume nur als Schränke super“. Eine klare Einstellung zur Natur, die wohl der Libelle auf dem Cover nicht so leicht über die Lippen gehen würde, wie dem Kind aus der Erzählung „Im Ferienlager im Wald“. Leicht über die Lippen bzw. von der Feder gehen Saša Stanišić die acht Erzählungen. Klug, kompakt, surrealistisch, witzig und geistreich.

Das Buch beginnt mit der Geschichte eines Magiers. Der ältere Herr Ferdinand Klingenreiter, der sein Hobby seiner Familie präsentieren will und diese lieber Kaffee trinkt, sollte dem Leser als Mahnung für den Umgang mit diesem Buch dienen. Am Anfang ist es schwierig, sich mit dem Stil des Autors zu identifizieren. Man denkt noch zu oft nach und zweifelt an der Realität der Figuren. Hierzu stellt der Autor bewusst die Geschichte mit dem Magier, als Gebrauchsanweisung für dieses Buch, an den Anfang. Man soll nicht nach dem Ist suchen, sondern sich verzaubern lassen.

 

Billard Kasatschok

Die zweite Erzählung „Billard Kasatschok“, wird dann trotz des guten Vorsatzes zu einer harten Geduldsprobe, weil sie mir mit der Vielzahl der handelnden Personen sehr verworren erscheint. Man sollte die Erzählungen in Ruhe und durchaus ein zweites Mal lesen, um die tiefere Bedeutung zu erfassen. Zum Teil spielt in den Erzählungen auch die Vita des Autors eine Rolle. In der letzten Erzählung des Buches mit dem Titel „In diesen Gewässern versinkt alles“, wird die Geschichte der Flucht eines Jungen aus den Bürgerkriegsland Jugoslawien erzählt. Saša Stanišić wurde 1978 in Visegrad in Bosnien-Herzegowina geboren und lebt seit 1992 in Deutschland. Der Junge aus der Erzählung, lebt nach der Flucht ebenfalls in Deutschland. In seiner Heimat hinterlässt er seine Mutter und seinen Großvater. Den Opa wird er nie wiedertreffen. Die Begründung liefert der Text: „Weil ich in das Land des Hasses nicht zurückwollte, den Tätern, die frei herumliefen nicht in die Augen sehen wollte“. Diese bewegende Erzählung ist der Schlüssel zu den vorhergehenden Geschichten.

 

Fallensteller mit Horvath & Horwath

Kernerzählungen des Buches sind Fallensteller und die Trilogie um Georg Horvath. Viel Zweideutiges findet sich in den aufeinanderfolgenden Erzählungen über Georg Horvath, dem ziellos durch die Galaxis Reisenden, der eigentlich eine Brauerei in Brasilien verkaufen soll und sich in einem Selbstfindungs- und Ornithologencamp im brasilianischen Dschungel wiederfindet. Auf die Frage, was er hier möchte und was er mitgebracht hat, antwortet er: Nichts und wird damit zum ehrlichsten Teilnehmer dieser surrealen Veranstaltung ohne Bier, aber mit Pilzen. Krass wie Sasa Stanisic dieser Geschichte eine Richtung gibt. Auf dem Flug nach Brasilien sitzt neben der Hauptfigur Georg ein Asiate, der während des Fluges Filme über Weltraumabenteuer schaut. Nur wird nicht er vom Schwarzen Loch verschluckt, sondern Georg dafür fälschlicherweise vom Chauffeur Ali in den Dschungel „entführt“.

 

Fallensteller - Buch und Hörbuch.jpgMit der längeren Erzählung Fallensteller kehrt der Leser nach Fürstenfelde, einem Dorf in der Uckermark, zurück. Diese Erzählung ist eine Art Fortsetzung des Romans Vor dem Fest. Die Figur des Fallenstellers ist neu. Andere Personen wie Lada und die Bäckerfamilie Zieschke sind Urgesteine der Uckermarkschen Heimat. Dabei bezieht sich Saša Stanišić in die Erzählung ein. Lada berichte was passierte, als der „Jugoschriftsteller“ über seine Heimat im Buch Vor dem Fest geschrieben hat und nun Literaturkreise die Männerruhe in Ullis Garage stören. Der Fallensteller geht weiter, als der Schriftsteller, der nur über das Leben schrieb, er stellt Fallen, um die Gedanken der Menschen zu sammeln.

Für mich ist es Zeitgenössische Literatur der Spitzenklasse, mit ganz viel Sozialfaktor. So wie der Fallensteller im Buch hat mich, der in Hamburg lebende, Saša Stanišić mit seiner Art des Erzählens gefangen. Die Hauptfiguren seiner Erzählungen können so wie beschrieben zwar nicht existieren, jedoch passt jede Art der Sprache zu den Akteuren und gibt ihre Art zu Denken wieder. Auch das Hörbuch (Live-Mitschnitt einer Lesung), welches eine Auswahl der acht Erzählungen enthält und wieder vom Autor selbst gelesen wird, ist sehr empfehlenswert! Sein Debütroman „Wie der Soldat das Grammofon reparierte“ begeisterte Leser und Kritik gleichermaßen und wurde in 31 Sprachen übersetzt. Vor dem Fest wurde mit dem Alfred-Döblin Preis sowie dem Preis der Leipziger Buchmesse 2014 ausgezeichnet.

 

Weitere Infos:   www.randomhouse.de/Buch/Fallensteller/Sasa-Stanisic/Luchterhand-Literaturverlag/e474638.rhd

Bildquellen:  Jacqueline Böttger – diverse

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