Rachel Joyce – Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte

Das Jahr, das zwei Sekunden brauchteGastrezension von Odette

Die Welt gerät aus den Fugen

 

Rachel Joyce

Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte

S. Fischer Verlage, erschienen Oktober 2014, 432 Seiten, TB 9,99 €

 

1972 werden dem Jahr zwei Sekunden zugeführt. Byron findet das sehr spannend und ist dementsprechend aufgeregt. Diesen Zeitpunkt möchte er nicht verpassen, denn diese zwei Sekunden werden seine Zukunft verändern. Rachel Joyce ist damit eine vielversprechende, spannende Ausgangssituation gelungen. Leicht liest man sich in die ersten Seiten des Buches ein.

Im Mittelpunkt steht der elfjährige Byron. Er lebt mit seiner Mutter Diana und seiner Schwester in gutsituierten Verhältnissen. Gemeinsam mit seinem Freund James besucht er eine Eliteschule. Sein Vater ist beruflich so stark eingebunden, dass er die Woche über in einer anderen Stadt arbeitet. Mit Hilfe von täglichen Telefonaten informiert er sich über den Tagesablauf und kontrolliert seine Familie aus der Ferne. Kontrollieren kann man hier wörtlich nehmen, er verteilt Aufgaben und wacht so über deren Einhaltung. Es gibt Verbote wie z.B. das Durchfahren eines bestimmten Wohnviertels. An einem besonders hektischen Morgen gerät Byrons Mutter Diana, in einen Stau und muss den verbotenen Weg nehmen, um die Kinder pünktlich in der Schule abzugeben. Etwas zu offensichtlich kommt es genau in dem Moment zu einem Unfall, in dem Byron auf seiner Uhr erkennt, dass die zwei Sekunden zugefügt werden. Im Nebel fährt die Mutter ein kleines Mädchen mir roten Fahrrad an und lässt es liegen. Nur Byron scheint Zeuge dieses Unfalls zu sein.

 

Die Geschichte entwickelt sich nun leider ohne Raffinessen so weiter wie man es vermutet. Es folgen Erpressungen der Opferseite an Byrons Familie und unglückliche Situationen, die man nicht gern lesen möchte, spitzen sich zu. Unangenehm werden auch die immer klischeehafteren Umstände im Buch. Die einen wohnen in Rosamunde Pilcher ähnlichen Anwesen, die anderen in Katen. Man fährt die Kinder mit dem Jaguar zur Schule. Die Mütter der Schulkinder aus Byrons Klasse werde alle als überhebliche Übermütter geschildert und dass der oft zitierte Teich, mit der von Kinderhand gebauten Brücke, noch ein dunkles Geheimnis verbirgt, wird viel zu offensichtlich angesprochen.

Nur ein Detail ist für den Leser an dieser Geschichte noch spannend. Wird es sich je aufklären, ob es diesen Unfall überhaupt gab!? Die Autorin spielt mit dem Leser, hält die Spannung hoch, in dem sie versteckte Hinweise gibt. So zum Beispiel als Byron versucht, unter das Pflaster des verunglückten Mädchens zu schauen. Hier hätte ich mir gewünscht, dass mehr mit diesem Thema gespielt und auf die Allerweltklischees der Erzählung verzichtet worden wäre. Nun ist die Geschichte von Byron nicht die einzige Geschichte in diesem Buch. Parallel lesen wir über den fünfzigjährigen Jim. Dieser geistig gestörte Mann lebt in einem Campingmobil und arbeitet als Hilfskraft in einem Supermarkt-Café. Auch er wird mit einem Unfall konfrontiert. Ich suchte die Verbindung zur Hauptgeschichte und dachte lange Zeit, dass ein Unfall die Verbindung zwischen den beiden Erzählsträngen bildet. Doch geschickt hält Rachel Joyce die Lösung offen und somit das Buch am Leben. Die Auflösung am Ende ist nicht schlecht und viel durchdachter, als das Ende des ersten Erzählstranges.

Insgesamt gibt es eine gute Idee, aber auch einige total unnötige Details, welche zu dominant sind und den Roman zerstören.

 

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Foto: Gaby Gerster

Rachel Joyce weiß, wie man Menschen mit Worten ganz direkt berührt. Die Autorin hat über 20 Hörspiele für die BBC verfasst und wurde dafür mehrfach ausgezeichnet. Daneben hat sie Stoffe fürs Fernsehen bearbeitet und auch selbst als Schauspielerin für Theater und Film gearbeitet. Ihr erster Roman, ›Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry‹, wurde für den Booker-Preis nominiert, mit dem Specsavers National Book Award für das beste Debüt prämiert, eroberte in über 30 Ländern die Bestsellerlisten und wird verfilmt. Auch ihre Romane ›Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte‹ und ›Das Geheimnis der Queenie Hennessy – Der nie abgeschickte Brief an Harold Fry‹ sind internationale Bestseller. Rachel Joyce lebt mit ihrem Mann und ihren vier Kindern in Gloucestershire auf dem Land.

Quelle: S. Fischer Verlage

 

Weitere Infos:   www.fischerverlage.de/buch/das_jahr_das_zwei_sekunden_brauchte/9783596195374,   http://www.fischerverlage.de/autor/rachel_joyce/21413

Bildquelle:   Jacqueline Böttger, http://www.fischerverlage.de/media/fs/108/thumbnails/AF_Joyce_Rachel__266_Druck.jpg.31174299.jpg

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