Peter Stamm – Weit über das Land

Peter Stamm - Weit über das Land (2)Auf der Suche nach der Bestimmung

 

Peter Stamm

Weit über das Land

Fischer Verlag, erschienen Februar 2016, 224 Seiten, TB 10,00 €

 

Das Buchcover kommt düster daher, im Hintergrund sehen wir engstehende kaum Licht durchlassende Bäume eines dunklen Waldes. Darauf prangt in verschiedenen Grüntönen der Buchtitel Weit über das Land. Dies ist schon ein guter Vorgeschmack auf das, womit uns Peter Stamm nachfolgend konfrontiert. Das Buch ist in Kapiteln aufgeteilt, in denen die beiden Protagonisten ihre Sicht auf das Geschehene schildern.

Die Protagonisten Thomas und Astrid kommen am letzten Ferientag, erholt vom Spanienurlaub am Meer, in die Schweiz zurück. Gemeinsam wollen sie den letzten Sommerabend im August, mit einem Glas Rotwein auf der Terrasse ihres Hauses ausklingen lassen. Als Astrid sich nur kurz den übermüdeten Kinder Ella und Konrad zuwendet, ahnt sie nicht, dass sie ihren Mann in diesem Moment das letzte Mal sehen wird. Wie in einem Uhrwerk laufen die am nächsten Morgen folgenden Rituale des Alltags vor Thomas Augen ab. Diese Gedanken scheinen ihn regelrecht einzuengen. Unvermittelt als Astrid ins Haus geht, steht er auf und verlässt das Grundstück. Ohne Gepäck, Papiere oder Handy läuft er einfach drauf los. Weder Groll, noch Wut oder Verzweiflung, keine Gefühlsregung ist wahrzunehmen. Er geht fort, scheint einfach nur wegzuwollen. Ungeplant und ohne Ziel.

Die erste Nacht verbringt Thomas im Wald. Man hat den Eindruck, dass er sich bald besinnen und wieder umkehren wird. Doch Thomas schaut nicht zurück, lässt uns an seinen Gedanken nicht teilhaben. Dennoch ist es interessant wie zielgerichtet er vorgeht, um auf dem Weg zu den nächsten Dörfern nicht von Bekannten gesehen zu werden. Er bewegt sich abseits der üblichen Wege und Wanderrouten, findet Übernachtungen in der freien Natur.

Astrid hingegen bemerkt erst im Laufe des nächsten Tages, dass Thomas nicht wie vermutet vor ihr aufgestanden und zur Arbeit gefahren ist. Sie stürzt sich, nach kurzer Verwunderung, in den Alltag mit den Kindern. Erst der Anruf seiner Firma schafft Klarheit. Thomas ist weg! Da er ein Einzelkämpfer ist, kaum Freunde hat und Probleme mit sich allein ausmacht, geht Astrid davon aus, dass er nach einer kurzen Auszeit wieder zurückkommen wird. Auch ein mögliches Unglück schließt sie aus. Nach einer unruhigen und gedankenvollen Nacht geht sie zur Polizei. Begleitet von Scham und der Angst um das Gerede im Dorf, gibt Astrid am nächsten Morgen eine Vermisstenanzeige auf.

Interessant ist Peter Stamms Darstellung wie unterschiedlich Astrid und Thomas mit der „Flucht“ umgehen. Die zurückgelassene Astrid muss der Kinder wegen funktionieren, den Alltag meistern, ihnen Mut zu sprechen. Zwischendurch holt sie die Angst ein, kommt nicht zur Ruhe und versucht zu verstehen, warum Thomas fortgegangen ist.

Thomas hingegen ist nur mit seiner Flucht beschäftigt. Er läuft immer weiter, sein Weg geht nur nach vorn. Unerkannt und unauffällig vorankommen – wohin bleibt unklar. Kleine Lebensmitteldiebstähle zum Überleben, möglichst wenig mit Karte bezahlen, um keine Spuren zu hinterlassen. Selten denkt er an seine Familie. Seine geradlinige Laufbahn mit Ausbildung, Hochzeit, Kinder, Haus und Job als Unternehmensberater lässt er Revue passieren. Alles lief nach Plan, doch irgendetwas ist auf der Strecke geblieben.

Thomas Flucht beschreibt Stamm sehr ausführlich, fast so als wären wir auf einem Wanderpfad. Detaillierte Naturbeschreibungen begleiten seinen Weg. Er wandert von Tal zu Tal, übernachtet auf kleinen Höfen bis ihn schließlich das Wetter in Bedrängnis bringt. Ein falscher Schritt könnte seine Flucht beenden. Doch es scheint, als verwirkliche er sich seinen Traum. Bricht mit allen Konventionen, entzieht sich der familiären Pflichten und macht einfach sein Ding. Tragisch hingegen ist das Schicksal der Zurückgebliebenen, die mit dem plötzlichen Verlust leben müssen. Verzweifelt suchen sie nach Gründen, müssen ihre Gefühlswelt ordnen und eine neue Perspektive finden. Diesen Zwiespalt habe ich beim Lesen von Weit über das Land sehr oft empfunden. Er entwickelte sich zu einer regelrechten Triebfeder und erzeugte eine enorme Spannung, in der ich ein gutes Ende herbei sehnte.

Die Jahre in denen Astrid immer noch glaubt, dass Thomas lebt, vergehen. Mit ihrem alten Leben kann sie dennoch nicht abschließen. Und über allem stehen nach wie vor die Fragen:

 

Was bezweckt Thomas?

Will er, dass Astrid ihn findet oder braucht er Zeit?

Doch wie lange noch?

 

Zwanzig Jahre später wendet sich plötzlich das Leben…

 

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© Gaby Gerster

Peter Stamm, geboren 1963, studierte einige Semester Anglistik, Psychologie und Psychopathologie und übte verschiedene Berufe aus, u.a. in Paris und New York. Er lebt in der Schweiz. Seit 1990 arbeitet er als freier Autor. Er schrieb mehr als ein Dutzend Hörspiele. Seit seinem Romandebüt ›Agnes‹ 1998 erschienen fünf weitere Romane, fünf Erzählungssammlungen und ein Band mit Theaterstücken, zuletzt die Romane ›Nacht ist der Tag‹ und ›Weit über das Land‹ sowie unter dem Titel ›Die Vertreibung aus dem Paradies‹ seine Bamberger Poetikvorlesungen.

Quelle: Fischer Verlag

 

Weitere Infos:   www.fischerverlage.de/buch/weit_ueber_das_land/9783596031269,   www.fischerverlage.de/autor/peter_stamm/18671

Bildquellen:   Jacqueline Böttger,   http://www.peterstamm.ch/fotos/Peter-Stamm_Marbach.jpg

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